Rezension: Hubertus Heil, Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner

Frankfurter Buchmesse
Fr, 9. Oktober | 20:00
OPEN BOOKS:
Der Angriff der Autokraten
Hubertus Heil im Gespräch mit Jürgen Trittin

Moderation: Franziska Haas
Volksbühne im Großen Hirschgraben
Großer Hirschgraben 19
60311, Frankfurt am Main
hwww.klett-cotta.de/veranstaltung/open-books-der-angriff-der-autokraten-v-2498

Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse 2026 erscheint bei Klett-Cotta der Band von Hubertus Heil, > Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner. Seit 1998 ist Heil Bundestagsabgeordneter, von 2018 bis 2015 war er Bundesminister für Arbeit und Soziales. Heute ist er Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages.

Unter den Büchern, die zur Zeit sehr berechtigterweise die Gefährdung unserer Demokratie beschwören, fällt das Buch von Hubertus Heil ganz besonders auf, zumal es präzise die Bedrohungen unserer Demokratie durch innere und äußere Gegner nicht nur mit hoher Präzision beschriebt, sondern – unsere Redaktion hat bei der Lektüre nachgezählt-, mindestens 30 plausible Vorschläge macht, wie der aktuellen Lage entgegengesteuert werden sollte.

Im Kapitel „Die Verwundbarkeit der Demokratie“ steht die Erkenntnis: „Die große Gefahr unserer Zeit ist nicht der offene Autoritarismus. Es ist der fortschreitende Verlust des Vertrauens in die demokratische Selbtstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger.“ (S. 21) Nicht ganz, aber irgendwie schon dreht der Autor den Spieß herum… nicht immer Kritik an den Anderen, wir müssen erst einmal selbst dahinterkommen, wie wir es mit unserer Demokratie halten. Mehr Mut für unsere demokratischen Prozesse, in allen ihren Formen und sie gegenüber Andersdenkenden vertreten, so könnte man sein Zitat, seine Aufforderung interpretieren. Wir trauen uns zu wenig zu. Sonst würden wir der Kritik der ständig Nörgelnden anders entgegentreten. Es gibt schon eine gewisse Gewohnheit oder Akzeptanz, die da in Berlin so heftig zu kritisieren, in den Chor der Kanzlerschelte einzustimmen. Würde das Vertrauen in die „Selbstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger“ wieder zunehmen, würden wir unsere Demokratie auch wieder mehr als das Unsrige auffassen und auch mal die Erfolge des Ganzen sehen und den Kritikern entgegenhalten. Insoweit sendet Heil einen Weckruf. Viele andere Einsichten in diesem Buch kann man auch auf eine ähnliche Weise interpretieren. Wie kommt es zu dem vermeintlichen Niedergang? „Offenheit und Wehrlosigkeit“ (S. 26 f.) werden miteinander verwechselt. Vielleicht ist es wirklich die offenen Gesellschaft, die eine so geeignete Angriffsfläche bietet: vgl. S. 27 f.

Hinzu kommt das Zerbrechen des Wertekonsens des Westens, vgl. S.30, der brüchig wird, wenn „äußere Einflussnahme“ zunimmt und im Inneren das Vertrauen schwindet. (vgl. ebd.) Besonders wenn viele Krisen jeder Art auf einmal auftauchen… und die Auswirkungen der Regierung, denen da oben vorgeworfen werden. Und die Menschen fühlen sich alleine gelassen, wenn zum Beispiel der kommunale Zusammenhalt zerbricht: vgl. dazu: H. Wittmann, Lesebericht und Nachgefragt: Simon Strauß, In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Die Abgeordneten von Bund und Land müssen sich um ihre Wahlkreise kümmern. Demokratie fängt unten an. Im Dorf, wo der Krämerladen erhalten bleibt und künftig Dorfladen heißt, wo statt Schlecht-Reden, Aufbruchsstimmung durch Initiativen erzeugt wird. Heil kann zu diesem Thema einiges aus seinem Wahlkreis berichten. Schade, dass bei uns nicht jeder Abgeordnete, wie in Frankreich seinen Wahlkreis hat… dann hätten wird die heutigen Probleme vielleicht nicht. „Demokratiejahr“ (einer von den rund 30 Vorschlägen in diesem Buch) ist Heils Stichwort, das die Bürgerinnen und Bürger daran erinnert, dass Demokratie nicht von oben kommt, sondern sie ist in gewissem Maße unsere Pflicht.

Das Kapitel „Hybride Attacken“ erklärt „Russlands Schattenkrieg“ und „Die Logik der Nadelstiche“ (S.59 ff, 61, 65) und man wird auch auf diese Weise auch den Aufbau dieses Buches verstehen, wenn man sich fragt, wie es soweit (mit der AfD) kommen konnte, nachdem es Russland und China in einem solchen Maße gelingt, die Welt zu verändern. Und dazu kommt auch das außenpolitische Schlingern der USA unter Donald Trump: Zölle, Kriege und ständige Verunsicherungen über den Zusammenhalt des westlichen Bündnisses und damit der NATO. Was muss getan werden? „Europa muss souveräner werden.“ Natürlich kommt uns dabei die Dokumentation der > europapolitischen Reden Emmanuel Macrons in den Sinn, der schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit uns außenpolitisch allen voraus war. Nur Angela Merkel wollte offenkundig von seiner ersten Sorbonne-Rede nichts wissen. Die Berliner Regierung ließ Macron im Regen stehen, hätte sie seine Vorschläge aufgegriffen, zusammen mit ihm weiterentwickelt und mehr daraus als nur den Aachener-Vertrag gemacht… Heute muss mühsam in großer Eile nachgeholt werden, was Macron schon damals anmahnte.

„Der Krieg der Informationen“ zeigt wie über die (gar nicht mal so) „sozialen Medien“ Wahlen bei uns beeinflusst werden. Heil bringt es auf den Punkt: Die Überforderung von Menschen durch die heutige Informationsflut kann für Desinformationskampagnen genutzt werde.“ (S. 111) Wieder eine Lösung, eine Aufgabe: „Demokratische Immunisierung“ nennt Heil sie und wünscht sich mehr Widerstandskraft, in dem die Urteilsfähigkeit gestärkt wird. Troll-Fabriken (vgl. H. W., Lesebericht und Nachgefragt: Michal Hvorecky, »Troll« , 18.10. 2018 – Den Blog von Klett-Cotta gab es von 2006-2021 mit rund 350 Beiträgen, von 140 Beiträge noch auf der aktuellen Website von Klett-Cotta zu finden sind.) gehören zur hybriden Kriegsführung und schüren die Desinformation, deren Mechanismen Heil en détail aufdeckt.  Es sind die Aushandlungsprozesse als Kern unserer Demokratie, die unter die Räder kommen, wenn Tech-Oligarchen, diese für unnötig halten: (vgl. S. 127-139) – Es geht darum, die Urteilsfähigkeit zu stärken: S. 140. Unsere Redaktion würde gerne hinzufügen… geht nur schwer mit der Künstlichen Intelligenz: Und Heil fügt auch gleich hinzu: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Offensive für mehr Urteilsfähigkeit.“ Richtig. Und zu dieser Seite 140 gäbe es noch so viel zu sagen. Wie konnte es bloß zu diesem Misstrauen gegenüber den Medien („Lügenpresse“) oder der Herabwürdigung von denen da oben kommen? Es sind Gefühle, enttäuschte Erwartungen und das Empfinden, alleine gelassen zu werden. Heil sagt es selber: „Rote Linien für die KI ziehen.“ (S. 142) Und er wünscht „Eine Schule, die Urteilskraft trainiert und kritisches Denken vermittelt.“ Demokratische Bildung sollte, so Heil in einen Staatsvertrag zwischen den 16 Bundesländern festgeschrieben werden (vgl. S. 145) : Noch einer von seinen 30 Vorschlägen in diesem Band.

„Europas Freiheit und die neue Weltwirtschaft“ untersucht „Wie sich globale Kräfteverhältnisse verschieben“ (S. 151, 156): Digitale Revolution, Energiewende, Kriegsgefahr in Europa, als wenn in einer Garküche es in allen Töpfen zugleich zu brodeln anfangen würde. Die Auswirkungen, wie Benzinpreisschock wird dann denen da oben vorgeworfen, die dann mit Tankrabatten die Kritiker besänftigen.

Das Gefühl, das bloße Gefühl, der Eindruck, man verliere die Kontrolle, wie gesagt das Gefühl, bedroht zu werden…  das ist der Boden auf dem die AfD wächst und gedeiht. Sie nutzt die Stimmung der Menschen aus und macht aus pandemischen Schutzmaßnahmen (vgl. S. 189) das Märchen vom autoritären Staat. „Das System hat versagt…“ ruft sie und ihre Anhänger nicken. Verunsicherung und Misstrauen erntet, verstärkt und sät sie wieder. Der Angriff auf die Ukraine beruht für sie auf westlicher Mitschuld am Krieg aufgrund der NATO-Osterweiterung. Nebenbei bemerkt, auch unsere Redaktion hat noch nie gehört, dass die AfD irgendwo einmal die NATO-Russland-Grundakte vom 27. Mai 1997 auch nur irgendwo einmal erwähnt hätte. Aber das Herunterspielen der heutigen russischen Bedrohung gehört zum Handwerkskasten der AfD, die weit darüberhinaus, vielfältige Beziehungen mit Russland pflegt: vgl. dazu das letzte Kapitel in diesem Band „Die Internationale der Nationalisten“. Die so national gesinnte AfD baut ihr internationales Netz immer mehr aus, eigentlich im Widerspruch zu ihrer nationalen Ideologie. Heil nennt viele weitere Kennzeichen der rechtsextremen Politik der AfD: „das tiefe Misstrauen gegenüber unabhängigen demokratischen Institutionen“ (S. 204), ihre „Alternativen Medien“ als Machtinstrumente“ (S. 206), ihrer Opferinszenierung, ihre undurchsichtige Finanzierung. Der allerjüngste Coup von Alice Weidel und Tino Chrupalla…, sich nun doch ein klein bisschen mit der EU und dem EURO anfreunden zu wollen – Vgl.: Bericht über internes Strategiepapier: Plant die AfD eine Kehrtwende zu EU und Euro? – Der Tagesspiegel, 5. 10. 2026. Ach, wahrscheinlich nur eine Übernahme des Fraktionsnamens im EU-Parlament: „Europa der Souveränen Nationen (ESN)“, was nach dem „Europa der Vaterländer“ klingt, das man Charles de Gaulle zuschreibt, der es immer abgelehnt hat, diesen Begriff gebraucht zu haben: vgl. H. W., Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation  Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation

Wenn wir demokratiemüde werden, wenn hybride Attacken nicht richtig eingeordnet werden, wenn wir dem Krieg der Informationen nichts entgegensetzen, wenn Europa der Zerrüttung der Weltordnung zusieht ohne sich auf seine Souveränität zu besinnen, wenn der Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürger weiter abnimmt, werden – such der Aufbau dieses Buches – dann werden „Die Angriffe im Innern“ (S. 185-214) rapide zunehmen. So wie die AfD dies vorführt: Hass, unbarmherzige, immer nur ideologisch grundierte Kritik an denen da oben, Angstmache durch die „Remigration“ und der Aufwiegelung durch den Einzelfallticker (www.afd.de), der das Gefühl vermittelt, jeder Migrant hielte ein Messer zwischen den Lippen, gehören zu diesen Angriffen aus dem Innern heraus.

Wir brauchen mehr Resilienz, Stärkung der Demokratie und Politiker, die auch bereit sind und sich trauen, über Erfolge zu sprechen und die denen entgegentreten, die glauben, dass unsere Hilfen für die Ukraine besser in unsere Sozialsysteme fließen sollten. Wenn Sie dieses Buch lesen, denken Sie daran, Heils 30 Vorschläge zu nummerieren, es lohnt sich, wenn sie sich nur einige Merken und mit Ihren Freunden darüber diskutieren oder auch mit denen, die den Sirenenklängen der AfD erlegen sind.

Hubertus Heil
> Der Angriff der Autokraten
Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner
Stuttgart: Klett-Cotta 2026

Lesebericht und nachgefragt: Volker Weiß, Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört

Volker Weiß ist Historiker und schrieb lange u. a. für DIE ZEIT und die FAZ. Jetzt schreibt er für die SZ. 2017 stand sein Buch »Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes« (mit einem Interview) auf unserer Leseliste. Jetzt ist sein Band »Das Deutsche Demokratische Reich« erschienen, in dem er laut Untertitel erklärt »Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört«.

Donald Trump und Wladimir Putin beherrschen beide die „Resignifikation“, die alte Begriffe oder Umstände in der Geschichte aktualisiert und in einen neuen Kontext stellt, um ihnen eine neue Bedeutung zu geben und von dieser zu profitieren. „Kämpft“, ruft Trump, als er bei einem Attentat am Ohr verletzt wurde, so wie Arbeiterführer oder schwarze Bürgerrechtler dies einmal gerufen haben. Putin lädt die Mächtigen in die frühere Datscha Stalins ein, so als ob er ihnen zeigen wollte, wo künftig der Hammer hängt.

Schon die ersten sechs Seiten dieses Buches erläutern, wie bei einem Rezept, die Zutaten für Putins Propaganda bzw. Geschichtsklitterung, welcher zufolge die Nazis in der Ukraine bekämpft werden müssen. Jenseits des Atlantiks heißt es „Make … great again“ und zielt ebenso auf eine Interpretation der Vergangenheit, gerade so, wie es der eigenen Ideologie am besten nützt.

Und wenn die Geschichte nicht passt, wird sie hinterfragt, wird ihr der Prozess gemacht, so wie Götz Kubitschek von der „Vergiftung der Vergangenheit“ (zit. S. 9) spricht. Begriffe werden vereinnahmt, herumgedreht, in ein neues Gewand gesteckt. Die sozialen Medien helfen dabei, weil Unsinn sofort in alle Welt geblasen werden kann, wo es ungeprüft seinen Siegeszug durch retweeten, liken o. ä. antritt.

Dieses Buch schärft das Bewusstsein, um der politischen Rhetorik der extremen Rechten besser gegenüber treten zu können. Weiß entlarvt die Methoden, mit denen Propaganda gemacht wird, wo deren Füllstoffe herkommen, wie sie umgedeutet und in neuem Gewand wieder präsentiert werden. Die Rede des AfD-Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt Hans-Thomas Tillschneider mit seiner Geißelkritik an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris und sein überschwängliches Lob der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi sind ein Beispiel für solche Umdeutungen: man kann leicht die pro-russische Haltung der AfD erkennen…

Volker Weiß
Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart
Stuttgart: Klett Cotta, 3. Druckaufl., 2026,
128 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7681-9860-8,

Wie konnte es zu einer Annäherung zwischen den Nationalisten und Russland kommen? Beide Seiten haben ihre eigenen neuen Vorstellungen von der Geschichte und es sind die Umdeutungen, die zu Übereinstimmungen führen. In diesem Zusammenhang zitiert Weiß die Kriegserklärung. Die Ansprache des russländischen Präsidenten am Morgen des 24.2.2022 (Osteuropa hg. v. der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde) – und zeigt ausführlich, wie Putin die „Spezialoperation“ mit sehr fragwürdigen Interpretationen rechtfertigt (vgl. S. 19-29). Statt die erfolgreiche Niederringung Nazi-Deutschlands zu beschwören, scheint der Krieg schon immer der „ewige Kampf des Westens gegen Russland“ gewesen zu sein.
Weiß ermittelt die Quellen dieser Umdeutungen, so zum Beispiel der nationalistische Pseudomystiker Alexander Dugin, dem es gelang, zwischen deutschen und russischen Nationalisten Verbindungen aufzubauen (vgl. S. 45-57). Einer seiner Leser heißt Dimitrios Kisoudis, der im Februar 2022 Grundsatzreferent bei Tino Chrupalla (AfD) wird.

„Resignifikation der Nationalgeschichte“ (S. 125) ist es auch, wenn der Nationalsozialismus, der für die AfD doch irgendwie störend wirkt, qua Neuinterpretation in eine linke Ecke verbannt wird. Als Beleg muss immer wieder ein Goebbels-Zitat herhalten: „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke. Nichts ist uns verhasster als der rechtsstehende nationale Bürgerblock.“ Weiß hat untersucht, wie oft das Zitat in AfD-Kreisen verwendet wird. Zitiert wird es 1983 in einer Dokumentensammlung, deren Autor die Quelle nicht geprüft hat, denn dann hätte er gemerkt, dass es sie nicht gibt. Es folgt dann bei Weiß eine kluge Einschätzung, wie ein Artikel vom 9. September 1931 in der nationalsozialistischen Niedersächsischen Tageszeitung links und rechts verwirft und den Nationalsozialismus weder als „rechts“ noch „national“ versteht, sondern ihn auf das ganz Volk bezieht: völkisch.

Liest man das Kapitel über die DDR-Nostalgie, wird der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern verständlich. Der Anspruch der AfD, das „Volk“ zu vertreten als Erinnerung an die Wendeparole von 1989 „Wir sind das Volk“ kommt gut an. Dazu kommt, so Weiß, „das Paradox einer antikommunistischen DDR-Nostalgie“ (S. 178). Weiß erkennt ein „neues Selbstbewusstsein Ost“, das von AfD & Co, autoritär, völkisch und national gelenkt worden sei und deren die identitätsstiftende Parole laute: bloß nicht so werden wie der Westen. Migration, Pandemie, Globalisierung und alle Linken bilden den neuen „Ost-West-Konflikt“, der die Antihaltung gegenüber dem Westen bestimmt. Frühere Werte der DDR werden wieder hervorgekramt und neu aufgewertet Tino Chrupalla (AfD) bedauerte das Verschwinden der so sprichwörtlichen „Hilfsbereitschaft“ und „Mitmenschlichkeit“, die ja damals auch ein Ergebnis des repressiven Staatssystems war. Brisant werden derartige Erinnerungen, wenn die DDR als das bessere Deutschland unter russischer Herrschaft gelobt wird… sie hatte keine Freiheit aber eine nationale Identität. Auch hier werden die Bezüge zur antiwestlichen Propaganda in Russland deutlich.

Schließlich zeigt der Wunsch nach Plebisziten die Absicht, den Willen des „Volkes“ auszuführen. Hier erinnert Volker Weiß an Carl Schmitt und sein Modell der plebiszitären Mehrheitsdiktatur. Die Annäherung an das alte DDR-Blockparteiensystem werde aber gleich wieder auf den Gegner projiziert, so der Autor.

Die Schöpfung „Deutsches Demokratische Reich“ stammt von Jürgen Elsässer- Gründer und Chefredakteur des rechtsextremen Magazins Compact – der am „Tag der deutschen Freiheit“ in Gera am 3. Oktober 2023 seinen Zuhörern von einer Neugründung der DDR als eine Art Synthese aller Nationalstaaten in Deutschland vorschwärmte mit Höcke als Reichskanzler. Kapital käme von den Chinesen, die Amerikaner seien nicht notwendig und Musk baue einen Raketenbahnhof in Peenemünde (vgl. S. 210 ff). Immerhin es war ein Versuch, wie Weiß ihn erklärt, „als eine Art positiv gewendete Totalitarismusthese Bestandteile der NS-Zeit und der DDR für ein zukünftiges Reich produktiv“ (S. 212) zu machen. Und dann kommt wieder die Migration: Björn Höcke hatte berichtet, dass sein Vater ihm 1989 erklärt habe, das mit der DDR „nun das letzte ethnische Reservoir von Überfremdung bedroht werde“ (S. 217).

Die traditionellen Werte, die Furcht vor der Globalisierung und der Konservatismus in Russland sprechen die Republikaner in den USA an, sodass der politisch rechtsaußenstehende Pat Buchanan vor dem sogenannten cultural marxism warnte und Putin als einen Gleichgesinnten entdeckte.

Die Systematik, mit der Volker Weiß den Geschichtsverfälschungen und der Umkehrung der Interpretationen entgegentritt, überzeugt. Er zeigt den populistischen Mechanismus auf: Im Nachhinein werden die Sowjetunion und die DDR rehabilitiert und ein selektives Geschichtsverständnis präsentiert. Die Parole von „linken Nazis“ dient dazu, seine verbrecherischen Aspekte nach links auszulagern, so dass die heutigen Gegner der AfD diskreditiert werden können, während zugleich der ideologische Kern des Nationalsozialismus rehabilitiert werde (vgl. S. 233).

In der Tat, die alternative Geschichtsdeutung und deren Durchsetzung gehen einher mit der Zerstörung des „dekadenten Westens“, so wie die AfD es auf ihre Fahnen geschrieben hat. Einfache Erklärungen aufgrund falscher Fakten und Interpretationen. Das alles passt zum Populismus der AfD, die einfach behauptet, man sei hier nicht frei, und deshalb die Freiheit verspricht. Mit diesem Buch hat Volker Weiß einen wertvollen Beitrag zur Entzauberung der AfD geschrieben.

Volker Weiß
Das Deutsche Demokratische Reich
Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört
Stuttgart: Klett-Cotta 2025,
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96667-1

Lesebericht und nachgefragt: Volker Weiß, Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

»Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch des Frevels offenbart werden, der Sohn des Verderbens. Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott. Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden; und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt. Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden.«

2. Thess 2, 3-10

Maximilian Krah (AfD, MdB) twitterte am 23. September 2025: „Trump ist der Katechon! In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung rechnete er mit der politisch korrekten Selbstzerstörung ab: Einwanderung, Klimawahn, Energiewende – alles zerstört. Er beendet den woken Irrsinn und bietet eine versöhnte Zukunft.“ (https://x.com/KrahMax/status/1970519034404970765 – aufgerufen am 10.7.2026)

Am 3. Januar 2026 twitterte M. Krah: „Trump bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben. Großraumordnung statt „rules-based“ Losertum a la Baerbock. Wer als Rechter das kritisiert, kennt die eigene Weltanschauung nicht. Wie kann man ernsthaft Maduro verteidigen? Trump ist der Katechon!“ (https://x.com/KrahMax/status/2007504046727553365 – aufgerufen am 10.7.2026)

Was verbirgt sich hinter dem Wort „Katechon, das Krah mit dem „Wandel“ und sogar mit einer „Großraumordnung“ statt des „‚rules-based‘ Losertums a la Baerbock“ und auch gleich mit Trump gleichsetzt?

Mit Recht macht Volker Weiß in diesem Buch auf den „Katechon“ aufmerksam, scheint er doch ganz offenkundig für die Ideologie der AfD zu stehen. Weiß zeigt auch wie die beiden Begriffe „Katechon“ und „Großraum“ auf die Lehre des Staatsrechtlers Carl Schmitt verweisen. Die Ursprünge dieser Begriffe werden in AfD-Kreisen wohl gar nicht hinterfragt, ihr Schlagwortcharakter reicht aus, um daraus politisches Kapital zu generieren. Die AfD bedient sich gerne des Begriffs des „Katechon“, vielleicht um von der Autorität der Bibel (vgl. 2. Thess 2) zu profitieren und die Idee des „Aufhalters“, den Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki erwähnt hat, zu nutzen. Paulus erläutert die Parusie, die Absicht Gottes, Christus wieder auf die Erde zu schicken und das damit verbundene Ende der Zeit, um so der Verbreitung von Irrlehren entgegenzuwirken.

Was manche als Hinweise auf die Wiederkunft Christi verstehen wollte, sei nur die List eines Widersachers, des Anti-Christen, dieser führe aber die Menschen zum Bösen, er/es müsse aufgehalten werden: „Diese verzögernde Instanz wird im Griechischen Katechon genannt.“ (S. 14) Die Unbestimmtheit dieser Bezeichnung, die eigentlich nur eine Eigenschaft ist, macht es Krah und der AfD so leicht, sie zu interpretieren und für die eigenen Zwecke zu vereinnahmen.

Volker Weiß
Das Deutsche Demokratische Reich
Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört
Stuttgart: Klett-Cotta 2025,
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96667-1

Die Gleichsetzung von „Katechon“ mit Trump lässt aufhorchen und Volker Weiss durchleuchtet die Argumentation des Tech-Oligarchen Peter Thiels, der seine Unternehmen wie Palantir mit dem Kampf gegen das Böse assoziiert, wobei er zunächst die menschliche Entscheidungsfähigkeit als Gefahr versteht. Daraus folgt, so Weiß, eine Antihaltung „gegen Alters- und Gesundheitsfürsorge, betriebliche Mitbestimmung und Gleichstellungsvorschriften, Umweltschutz und verbriefte Menschenrechte“, die freiem Unternehmertum entgegenstehen. (vgl. S. 25 f.) Auch der russische Ultranationalist Alexander Dugin (https://x.com/AGDugin/status/2047323714962801005 – aufgerufen am 10.7.2026) zitiert den Katechon. Ihm wird die Kraft zuerkannt, das Böse aufhalten zu können. Für ihn ist dieser Gedanke wohl die einzige Weg, Personen, wie Trump oder Putin zu deuten. So wird der Katechon zu einer Figur der politischen Theologie, die die rechtsextreme Ideologie beherrscht, aber nichts wirklich erklären kann.

Rechtsextreme Parteigänger werden zu religiösen Fundamentalisten und geben zu verstehen, dass eine höhere Kraft den »falschen Verheißungen« des »Antichristen« entgegentreten müsse. Es sind Werte einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft, die Globalisierung wie auch die Klimapolitik, die genauso wie die Migrationspolitik – mit ihre alle Migranten (Stichwort „Remigration“) in Bausch und Bogen verdammt werden, als seien sie Werke des Teufels. Diesen Werten gilt es etwas entgegenzusetzen und der Katechon als »Aufhalter« des Bösen wird zu einer theologisch-politischen Figur, die die Ideologie der extremen Rechten nährt: M. Krah: „Es kann kein Zweifel bestehen: Donald Trump ist der Katechon unserer Zeit!“ (https://x.com/KrahMax/status/1994315844269048220 – aufgerufen am 10.7.2026)

Die Kritik der AfD an der Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg bekommt mit dem Hinweis von Volker Weiß auf Dugins Interpretation der russischen Angriffskriegs als der Versuch, die „Welt nicht nur vor der Ukraine, sondern vor dem globalistischen Westen“ (S. 41 f.) zu bewahren, eine Perspektive, die ihren Wählern wohl nicht so vertraut ist. Sie werden durch die Beschwörung des Katechon in eine neue Ost (Katechon) – West (Messias) Konfrontation gezogen und verinnerlichen so den Gegensatz zwischen „liberal“ (Messias) und „illeberal“ (Katechon). (vgl. S. 70) Die Verächtlichmachung aller sozialen Errungenschaften bis zu den Menschenrechten und allem, was in irgendeiner Form Macht reguliert, ist die Folge.


Lesebericht und Nachgefragt: Volker Weiß, »Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes«
Aufgezeichnet von Heiner Wittmann
27.3.2017

Hinterfragt man, wie Weiß den Ursprung des Begriffs Katechon deutet, wie auch in diesem Zusammenhang der Messianismus zum Beispiel im Denken eines Alfred Rosenberg, „der Parteiphilosoph der NSDAP“ verstanden wird, lautet das Urteil: „Der Messianismus wird, wie in diesen Passagen zu sehen ist, von seinen Gegnern, hauptsächlich auf seinen Ursprung im Judentum zurückgeführt, um nachzuweisen, dass aus ihm die schädlichen Verheißung des Liberalismus, Sozialismus sowie das Zionismus hervorgegangen sein. In diesem Bild des „falschen“ Messianismus moderner Emanzipationsbewegungen konnten Konterrevolution und Antisemitismus nahtlos vereint werden. Das Verständnis dieses Denkens ist wichtig, um die Wahl des Katechon-Motivs durch die Extreme Rechte nachzuvollziehen.“ (S. 76)

Mit dieser Analyse des Katechon-Begriffs erläutert Volker Weiß, wie im Hintergrund die AfD-Ideologie der Extremen Rechten entsteht. Inhalt und Herkunft des Begriffs spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle, es kommt eigentlich nur auf seine Bedeutung als politischen Kampfbegriff u. a. gegen den Liberalismus an. Möglicherweise können nur wenige auf Nachfrage, die Genese des Katechon erklären. Am 12. Januar 2026 hat Björn Höcke in einem Tweet erklärt: „Die Weltordnung von 1945 wird endgültig abgeräumt. Für Alexander Dugin sehen sich globale Akteure in unterschiedlichen Rollen in einem eschatologischen Endkampf: Rußland begreift sich beispielsweise als Katechon, der das Chaos aufhält, die USA als globaler Befreier. Die religiöse Aufladung macht die internationale Spannungslage nochmal unberechenbarer und gefährlicher…“ (https://x.com/BjoernHoecke/status/2010757720547160492 – aufgerufen am 10.7.2026) und erwähnte auch Peter Thiel, zwei Entwicklungen vorhersieht: „Armageddon (3.Weltkrieg) oder der Antichrist“ und Höcke resümiert „Ein an sich selbst irre gewordenes Deutschland und ein machtloses Europa schauen dieser Entwicklung ratlos zu. Was wäre ihr Beruf? Was müßten wir (wieder) sein, um einen dritten Weg zu eröffnen?“

Und am 8. Juli 2026 legte Maximilian Krah in einem Tweet nach : „„Wenn sie [die Europäer] nicht endlich bei Einwanderung und Energie aufpassen, wird es kein Europa mehr geben.“ Donald Trump, heute in Ankara. Und er hat recht!“ (https://x.com/KrahMax/status/2074779061079962016 – aufgerufen am 10.7.2026) Krah bezeichnet Trump hier nicht wie am 23. September 2025 – wie eingangs hier zitiert – als Katechon, aber der Kampf gegen die Migranten bleibt offenbar das Topthema der AfD.

Volker Weiß
Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

Stuttgart: Klett Cotta, 3. Druckaufl., 2026,
128 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7681-9860-8,