Rezension: Jens Nordalm Deutschland, Das unterschätzte Land. Ein Loblied
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In einer Zeit, in der das Lamentieren über „die da oben“ zur Regel geworden ist, das die Beliebtheitswerte den Bundeskanzler fast verschwinden lässt, die Regierung für jede Krise verantwortlich gemacht wird, in der Reformen angemahnt und dann sogleich bekämpft werden, in der der Niedergang der Wirtschaft allerorten beklagt wird, in der eine rechtsextreme Partei die CDU „vernichten“ will, tut es gut, sich die Erfolge der deutschen Geschichte und Literatur einmal vor Augen zu halten und die Erfolge unseres politischen Systems aus einer anderen Perspektive zu betrachten: uns unserer erfolgreichen Demokratie zu vergewissern. Dabei geht es überhaupt nicht darum, die Verbrechen des Dritten Reiches auch nicht im geringsten zugunsten anderer Epochen auch nur ansatzweise zu minimieren.
„Ein Loblied“ stimmt Jens Nordalm in seinem Band > Deutschland – Das unterschätzte Land an und erinnert daran, was es bedeutet, von Deutschland zu reden. Nein, er redet natürlich keinem wie auch immer gearteten kurzsichtigen Nationalismus das Wort. Aber in einem Satz fasst er das Potential der Geschichte und das, was die Passion eines Historikers bestimmen kann, zusammen: „Eben das ist ihr Bildungsziel: die Abgewöhnung schlichter und schneller Urteile.“ (S. 20) Das ist es, was den Geschichtsunterricht so spannend macht: Vor 32 Schülerinnen und Schülern in der Landesschule in Naumburg/Saale zu stehen und das über 14 Jahre alte Schulbuchkapitel über die Folgen des Nationalsozialismus mit einem Video, das ein Interview mit dem Leiter der Gedenkstätte Konzentrationslagers Buchenwald Jens-Christian Wagner zeigt, zu aktualisieren. Mit der Klasse darüber sprechen, was heute die Erinnerungskultur bedeutet. Zwei bis vier Schulstunden Zeit, um ihnen, die Bedeutung des Nachdenkens nicht nur über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern auch immer wieder über Geschichte, ihre Tragweite und den Ansporn, darüber nachzudenken, mit auf den Weg zu geben. Die Verantwortung für diese Aufgabe ist riesig und doch so großartig und wird von denen, die in Sachsen-Anhalt so leichtfertig die Bedeutung der Geschichte des Dritten Reiches abwerten wollen, bewusst unterschlagen.
Die Geschichte der Landesschule, Friedrich Nietzsche und Leopold von Ranke zählten zu ihren Schülern seit 1543 (Schulgeschichte seit 1543), der Unterricht in ihren Klostermauern und dann die vielen Unterrichtsstunden über den Nationalsozialismus waren für den Historiker ein einzigartiges Betätigungsfeld, zumal in den anderen Unterrichtsstunden im Grundkurs der Jahrgangsstufe 12 mit 24 Schülerinnen und Schülern über das Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ und über die Reformbewegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen wurde: „Deutsche Geschichte als Reformgeschichte – das hätte einiges Recht.“ (Nordalm, S. 21) über Deutschland (und seine Erfolge) gesprochen wurde. Und die AfD in Sachsen-Anhalt möchte doch so gerne, dass mehr über Bismarck statt über Hitler gesprochen werde. Nun gut, auf dass sie lerne, wie der Nationalismus aufgekeimt ist und warum später Charles de Gaulle sich so vehement gerne ein „Europa der Vaterländer“ gewendet hat: H. W., Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation.
Ja, es war die Landesschule als der Ort für diesen Unterricht, der diese Epochen alle miterlebt hatte: Bedeutende Schüler der Landesschule. Die Erinnerungen des Rezensenten dieses Buches von Jens Nordalm werden mit dessen Lektüre geweckt, steht doch das Fach Geschichte ganz besonders im Mittelpunkt unserer so dringend notwendigen Neuorientierung unserer Demokratie. „Eine Schule, die Urteilskraft trainiert und kritisches Denken vermittelt“, so lautet eine Kapitelüberschrift in Hubertus Heils Buch Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner (Stuttgart: Klett-Cotta 2026). Wie war es? Revolution in Frankreich? Und in deutschen Landen? (Vgl. S. 47 f.) Wenn die Preußischen Reformen im Unterricht thematisiert werden, staunen die Schülerinnen und Schüler über die Modernität Preußens und später dann über den Mut aller, die für eine Verfassung eintraten. Auch die Leser von Nordalm werden über die Werke mancher Leser besonders bei der von ihm vorgeschlagenen neuen Lektüre staunen.
In zwei Teilen Geschichte und Musik, Literatur und Philosophie pickt er deren Rosinen heraus, wie er selber zugibt und zeigt uns deren Höhepunkte in der deutschen Geistesgeschichte. Allein seineBibliographie (S. 185-189) belegt schon, wie lehrreich die Lektüre seines Buches ist. Deutschland, ein „Sonderweg“? „Anders als wir es im Zechen jenes ‚Sonderweg‘-Denkens lange gelernt haben, ist die deutsche Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts eine europäischer Weg zur Demokratie unter anderen.“ (S. 20) Man kann die Dinge immer von mehreren Seiten, mindestens von zwei sehen… zwei Seiten einer Medaille. Wiederholen wir: „Deutsche Geschichte als Reformgeschichte – das hätte einiges Recht.“ (S. 21) Und er fängt im Mittelalter an… berichtet dann, wie Machiavelli in den Discorsi die deutschen freien Städte bewundert, erwähnt dann die Reise Montaignes nach Deutschland, der die Fugger in Augsburg besucht und im Zusammenhang mit Luther schriebt Nordalm: „Diese Radikalität des Fragens und des Infragestellens sind auf das Gewissen gegründet, vom Standpunkt des einzelnen denkenden Menschen her, aus persönlicher Seelennot, kann ein Vorbild an Selbstermächtigung gegen übermächtig erscheinende Strukturen und Traditionen sein.“ (S.31)
Die so knappe deutsche Geschichte, die Nordalm hier präsentiert, erfüllt besten ihren Zweck, den er ihr zuschreibt, nämlich eine Grundlage für unsere Selbstvergewisserung zu sein.
Nordalms Urteil über das Alte Reich: „Diese Welt des Alten Reichs ist kosmopolitisch: Die Deutschen waren weltoffen“ (S. 37)
Er spürt den Entwicklungen über lange Perioden nach und zeigt, wie unser Sozialstaat durch die „katholische Soziallehre“ und die evangelische Seite beispielsweise durch den „Nationalsozialen Verein“ geprägt ist (Vgl. S. 36 f.)
Die Musik. Nach der Lektüre dieses Kapitels – S. 37-47- werden Sie sogleich Ihre CD-Sammlung durchsehen und nachhören!
Die Modernität Preußens: „Das deutsche 19. Jahrhundert dann wird das Geburtsjahr der Moderne, in der wie heute – trotz aller Ausrufe von Hyper-, Spät- oder Postmoderne noch immer stehen. (S. 56)
Nordalms Vorstellung des 19. Jahrhunderts, seine Einsichten sind ein Ansporn nachzulesen, z. B. auch bei Georg Simmel und Max Weber (vgl. S: 70) und sich dann wieder mit der Weimarer Republik zu beschäftigen: S. 70-74
Auf den zwei Seiten über den Nationalsozialismus nennt Nordalm diejenigen, die Widerstand geleistet haben, die sich der Diktatur nicht gebeugt haben; von Georg Elser bis Dietrich Bonhoeffer. (vgl. S. 74 f.)
In Erinnerung an die Amtszeit von Angela Merkel: „Viele beschleicht heute das Gefühl, die letzten zwei Jahrzehnte seien der in großer Selbstzufriedenheit erst spät bemerkte Beginn eines neuerlichen Abstiegs unsere Landes gewesen.“ (S. 76) Zur Diskussion gestellt! Die Stichworte: „Euro- und Bankenrettung, ausstiegsbetonte Energie- und Klimapolitik, Migration, Russland“. Und dann nennt Nordalm einen der Gründe für dieses Buch: „Nicht wenige zögern heute erneut, den Weg der Bundesrepublik einverstanden und gelassen als Erfolgsgeschichte zu erzählen, so wie es bis vor zehn, fünfzehn Jahren üblich geworden war – weil es nun die AfD gibt.“ Die AfD hat ihre Wähler darauf eingeschworen, schlecht über unser Land zu reden, und das färbt auf andere Wähler ab. Die Umfragewerte des Bundeskanzlers sind ganz unten und nur wenige trauen sich, auf dessen Erfolge hinzuweisen. Natürlich muss uns das doch auffallen, die Anhänger der AfD lassen sich von den Sirenenklängen der AfD einfangen und reden schlecht über Deutschland, so wie es die AfD Ihnen ständig vormacht, nur negative Seiten hervorheben, um dann eigene simple Lösungen zu präsentieren, verpackt in den Slogan, „man hole sich das Land zurück“ – so geht Populismus. „Nörgler zurücktreten,“ sagte der Kanzler in einer nicht ganz geglückten Form. Liest man aber die Kapitel von Nordalm über die deutsche Geschichte, Literatur und Musik und vergleicht das alles mit dem Grundtenor der AfD-Programme, dann könnte man schon meinen, die AfD weiß nicht, wovon sie redet. Wenn aber eine der ersten offiziellen Verlautbarungen des Landtags in Sachsen-Anhalte in der Überschrift „AFD-Landtagspräsident“ trägt, merkt kam schon, dass diese Partei für das Regieren noch Nachhilfe benötigt, um es nur ganz vorsichtig auszudrücken.
Die Literaturgeschichte (S. 76 – S. 146): „Es braucht die Neubegegnung um zu begreifen, was wir an solchen Werke und Gestalten haben“ (S. 89) Ja, lesen Sie mindestens sechs der von Nordalm hier genannten Autoren, dann merken Sie, wie sich die Perspektive ändert. Lesen (Das Stichwort auf www.france-blog.info.) rückt tatsächlich die Perspektiven zurecht. Allein schon durch die Lektüre dieses wunderbaren Kapitels Literaturgeschichte von Nordalm spricht man hinterher wieder anders über Deutschland. Diesen Anregungen werden sich die Leser seines Buches nicht entziehen können.
Das dritte Kapitel „Politik und Demokratie“ beginnt mit einer Standortbestimmung, was uns die „Nation“ heute bedeutet und erinnert ganz richtig an Ernest Renan, der die Nation nicht als „Abstammungsgemeinschaft, sondern als ein ‚tägliches Plebiszit'“ verstand. (S. 148). Man wird verstehen, dass die AfD dazu nichts beizutragen hat oder nichts damit anfangen kann. Und dann zählt Nordalm drei Errungenschaften auf, die unseren Staat prägen: Die Strukturen des Sozialstaates, der liberale Rechtsstaat und die unabhängigen Gerichten. (vgl. S. 150 ff.) Und er erinnert an die Errungenschaften des Liberalismus… mache Leser werden wohl merken, dass die politische Atmosphäre unserer Zeit versucht, den Liberalismus kritisch zu sehen. Für den Konservatismus stehen Namen wie Ernst Forsthoff, Dietrich Bracher oder Kurt Sontheimer.
Ist die liberale Demokratie heute in Gefahr? „…die netzbedingte Dauerpräsenz der Gesellschaft in unseren Hirnen gefährdet heute unser eigenständiges Selbst in einem historisch wohl beispiellosen Grade.“ (S. 167)
S. 170 ff.: Migration und viele andere Reizthemen: wenn man sie von mehreren Seiten sieht, verlieren sie an Virulenz. Nordalms Aufforderung zur Selbstvergewisserung ist notwendig, weil manche sich an die negativen Einstellungen zur Politik unserer Tage gewöhnt haben. Befreien wir uns von diesen Einflüsterungen vom extrem rechten Rand, gewinnen wir deren Wähler zurück, so könnte man den Tenor seines Buhces resümieren. Besinnen wir uns wieder auf die Wohltaten der repräsentativen Dmeokratie. (vgl. S. 175)
„Im Kapitel „Die Verwundbarkeit der Demokratie“ steht die Erkenntnis: „Die große Gefahr unserer Zeit ist nicht der offene Autoritarismus. Es ist der fortschreitende Verlust des Vertrauens in die demokratische Selbtstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger,“ (S. 21) hieß es in unserer Rezension des Bandes von Hubertus Heil, > Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner, Stuttgart: Klett-Cotta 2026.
Jens Nordalm
Deutschland – Das unterschätzte Land
Ein Loblied
Stuttgart: Cotta 2026.