Lesebericht und nachgefragt: Volker Weiß, Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

»Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch des Frevels offenbart werden, der Sohn des Verderbens. Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott. Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden; und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt. Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden.«

2. Thess 2, 3-10

Maximilian Krah (AfD, MdB) twitterte am 23. September 2025: „Trump ist der Katechon! In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung rechnete er mit der politisch korrekten Selbstzerstörung ab: Einwanderung, Klimawahn, Energiewende – alles zerstört. Er beendet den woken Irrsinn und bietet eine versöhnte Zukunft.“ (https://x.com/KrahMax/status/1970519034404970765 – aufgerufen am 10.7.2026)

Am 3. Januar 2026 twitterte M. Krah: „Trump bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben. Großraumordnung statt „rules-based“ Losertum a la Baerbock. Wer als Rechter das kritisiert, kennt die eigene Weltanschauung nicht. Wie kann man ernsthaft Maduro verteidigen? Trump ist der Katechon!“ (https://x.com/KrahMax/status/2007504046727553365 – aufgerufen am 10.7.2026)

Was verbirgt sich hinter dem Wort „Katechon, das Krah mit dem „Wandel“ und sogar mit einer „Großraumordnung“ statt des „‚rules-based‘ Losertums a la Baerbock“ und auch gleich mit Trump gleichsetzt?

Mit Recht macht Volker Weiß in diesem Buch auf den „Katechon“ aufmerksam, scheint er doch ganz offenkundig für die Ideologie der AfD zu stehen. Weiß zeigt auch wie die beiden Begriffe „Katechon“ und „Großraum“ auf die Lehre des Staatsrechtlers Carl Schmitt verweisen. Die Ursprünge dieser Begriffe werden in AfD-Kreisen wohl gar nicht hinterfragt, ihr Schlagwortcharakter reicht aus, um daraus politisches Kapital zu generieren. Die AfD bedient sich gerne des Begriffs des „Katechon“, vielleicht um von der Autorität der Bibel (vgl. 2. Thess 2) zu profitieren und die Idee des „Aufhalters“, den Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki erwähnt hat, zu nutzen. Paulus erläutert die Parusie, die Absicht Gottes, Christus wieder auf die Erde zu schicken und das damit verbundene Ende der Zeit, um so der Verbreitung von Irrlehren entgegenzuwirken.

Was manche als Hinweise auf die Wiederkunft Christi verstehen wollte, sei nur die List eines Widersachers, des Anti-Christen, dieser führe aber die Menschen zum Bösen, er/es müsse aufgehalten werden: „Diese verzögernde Instanz wird im Griechischen Katechon genannt.“ (S. 14) Die Unbestimmtheit dieser Bezeichnung, die eigentlich nur eine Eigenschaft ist, macht es Krah und der AfD so leicht, sie zu interpretieren und für die eigenen Zwecke zu vereinnahmen.

Volker Weiß
Das Deutsche Demokratische Reich
Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört
Stuttgart: Klett-Cotta 2025,
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96667-1

Die Gleichsetzung von „Katechon“ mit Trump lässt aufhorchen und Volker Weiss durchleuchtet die Argumentation des Tech-Oligarchen Peter Thiels, der seine Unternehmen wie Palantir mit dem Kampf gegen das Böse assoziiert, wobei er zunächst die menschliche Entscheidungsfähigkeit als Gefahr versteht. Daraus folgt, so Weiß, eine Antihaltung „gegen Alters- und Gesundheitsfürsorge, betriebliche Mitbestimmung und Gleichstellungsvorschriften, Umweltschutz und verbriefte Menschenrechte“, die freiem Unternehmertum entgegenstehen. (vgl. S. 25 f.) Auch der russische Ultranationalist Alexander Dugin (https://x.com/AGDugin/status/2047323714962801005 – aufgerufen am 10.7.2026) zitiert den Katechon. Ihm wird die Kraft zuerkannt, das Böse aufhalten zu können. Für ihn ist dieser Gedanke wohl die einzige Weg, Personen, wie Trump oder Putin zu deuten. So wird der Katechon zu einer Figur der politischen Theologie, die die rechtsextreme Ideologie beherrscht, aber nichts wirklich erklären kann.

Rechtsextreme Parteigänger werden zu religiösen Fundamentalisten und geben zu verstehen, dass eine höhere Kraft den »falschen Verheißungen« des »Antichristen« entgegentreten müsse. Es sind Werte einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft, die Globalisierung wie auch die Klimapolitik, die genauso wie die Migrationspolitik – mit ihre alle Migranten (Stichwort „Remigration“) in Bausch und Bogen verdammt werden, als seien sie Werke des Teufels. Diesen Werten gilt es etwas entgegenzusetzen und der Katechon als »Aufhalter« des Bösen wird zu einer theologisch-politischen Figur, die die Ideologie der extremen Rechten nährt: M. Krah: „Es kann kein Zweifel bestehen: Donald Trump ist der Katechon unserer Zeit!“ (https://x.com/KrahMax/status/1994315844269048220 – aufgerufen am 10.7.2026)

Die Kritik der AfD an der Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg bekommt mit dem Hinweis von Volker Weiß auf Dugins Interpretation der russischen Angriffskriegs als der Versuch, die „Welt nicht nur vor der Ukraine, sondern vor dem globalistischen Westen“ (S. 41 f.) zu bewahren, eine Perspektive, die ihren Wählern wohl nicht so vertraut ist. Sie werden durch die Beschwörung des Katechon in eine neue Ost (Katechon) – West (Messias) Konfrontation gezogen und verinnerlichen so den Gegensatz zwischen „liberal“ (Messias) und „illeberal“ (Katechon). (vgl. S. 70) Die Verächtlichmachung aller sozialen Errungenschaften bis zu den Menschenrechten und allem, was in irgendeiner Form Macht reguliert, ist die Folge.


Lesebericht und Nachgefragt: Volker Weiß, »Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes«
Aufgezeichnet von Heiner Wittmann
27.3.2017

Hinterfragt man, wie Weiß den Ursprung des Begriffs Katechon deutet, wie auch in diesem Zusammenhang der Messianismus zum Beispiel im Denken eines Alfred Rosenberg, „der Parteiphilosoph der NSDAP“ verstanden wird, lautet das Urteil: „Der Messianismus wird, wie in diesen Passagen zu sehen ist, von seinen Gegnern, hauptsächlich auf seinen Ursprung im Judentum zurückgeführt, um nachzuweisen, dass aus ihm die schädlichen Verheißung des Liberalismus, Sozialismus sowie das Zionismus hervorgegangen sein. In diesem Bild des „falschen“ Messianismus moderner Emanzipationsbewegungen konnten Konterrevolution und Antisemitismus nahtlos vereint werden. Das Verständnis dieses Denkens ist wichtig, um die Wahl des Katechon-Motivs durch die Extreme Rechte nachzuvollziehen.“ (S. 76)

Mit dieser Analyse des Katechon-Begriffs erläutert Volker Weiß, wie im Hintergrund die AfD-Ideologie der Extremen Rechten entsteht. Inhalt und Herkunft des Begriffs spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle, es kommt eigentlich nur auf seine Bedeutung als politischen Kampfbegriff u. a. gegen den Liberalismus an. Möglicherweise können nur wenige auf Nachfrage, die Genese des Katechon erklären. Am 12. Januar 2026 hat Björn Höcke in einem Tweet erklärt: „Die Weltordnung von 1945 wird endgültig abgeräumt. Für Alexander Dugin sehen sich globale Akteure in unterschiedlichen Rollen in einem eschatologischen Endkampf: Rußland begreift sich beispielsweise als Katechon, der das Chaos aufhält, die USA als globaler Befreier. Die religiöse Aufladung macht die internationale Spannungslage nochmal unberechenbarer und gefährlicher…“ (https://x.com/BjoernHoecke/status/2010757720547160492 – aufgerufen am 10.7.2026) und erwähnte auch Peter Thiel, zwei Entwicklungen vorhersieht: „Armageddon (3.Weltkrieg) oder der Antichrist“ und Höcke resümiert „Ein an sich selbst irre gewordenes Deutschland und ein machtloses Europa schauen dieser Entwicklung ratlos zu. Was wäre ihr Beruf? Was müßten wir (wieder) sein, um einen dritten Weg zu eröffnen?“

Und am 8. Juli 2026 legte Maximilian Krah in einem Tweet nach : „„Wenn sie [die Europäer] nicht endlich bei Einwanderung und Energie aufpassen, wird es kein Europa mehr geben.“ Donald Trump, heute in Ankara. Und er hat recht!“ (https://x.com/KrahMax/status/2074779061079962016 – aufgerufen am 10.7.2026) Krah bezeichnet Trump hier nicht wie am 23. September 2025 – wie eingangs hier zitiert – als Katechon, aber der Kampf gegen die Migranten bleibt offenbar das Topthema der AfD.

Volker Weiß
Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

Stuttgart: Klett Cotta, 3. Druckaufl., 2026,
128 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7681-9860-8,