Lesebericht: Volker Weiß, Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört

Volker Weiß ist Historiker und schrieb lange u. a. für DIE ZEIT und die FAZ. Jetzt schreibt er für die SZ. 2017 stand sein Buch »Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes« (mit einem Interview) auf unserer Leseliste. Jetzt ist sein Band »Das Deutsche Demokratische Reich« erschienen, in dem er laut Untertitel erklärt »Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört«.

Donald Trump und Wladimir Putin beherrschen beide die „Resignifikation“, die alte Begriffe oder Umstände in der Geschichte aktualisiert und in einen neuen Kontext stellt, um ihnen eine neue Bedeutung zu geben und von dieser zu profitieren. „Kämpft“, ruft Trump, als er bei einem Attentat am Ohr verletzt wurde, so wie Arbeiterführer oder schwarze Bürgerrechter dies einmal gerufen haben. Putin lädt die Mächtigen in die frühere Datscha Stalins ein, so als ob er ihnen zeigen wollte, wo künftig der Hammer hängt.

Schon die ersten sechs Seiten dieses Buches erläutern, wie bei einem Rezept, die Zutaten für Putins Propaganda bzw. Geschichtsklitterung, welcher zufolge die Nazis in der Ukraine bekämpft werden müssen. Jenseits des Atlantiks heißt es „Make … great again“ und zielt ebenso auf eine Interpretation der Vergangenheit, gerade so, wie es der eigenen Ideologie am besten nützt.

Und wenn die Geschichte nicht passt, wird sie hinterfragt, wird ihr der Prozess gemacht, so wie Götz Kubitschek von der „Vergiftung der Vergangenheit“ (zit. S. 9) spricht. Begriffe werden vereinnahmt, herumgedreht, in ein neues Gewand gesteckt. Die sozialen Medien helfen dabei, weil Unsinn sofort in alle Welt geblasen werden kann, wo es ungeprüft seinen Siegeszug durch retweeten, liken o. ä. antritt.

Dieses Buch schärft das Bewusstsein, um der politischen Rhetorik der extremen Rechten besser gegenüber treten zu können. Weiß entlarvt die Methoden, mit denen Propaganda gemacht wird, wo deren Füllstoffe herkommen, wie sie umgedeutet und in neuem Gewand wieder präsentiert werden. Die Rede des AfD-Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt Hans-Thomas Tillschneider mit seiner Geißelkritik an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris und sein überschwängliches Lob der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi sind ein Beispiel für solche Umdeutungen: man kann leicht die pro-russische Haltung der AfD erkennen…

Wie konnte es zu einer Annäherung zwischen den Nationalisten und Russland kommen? Beide Seiten haben ihre eigenen neuen Vorstellungen von der Geschichte und es sind die Umdeutungen, die zu Übereinstimmungen führen. In diesem Zusammenhang zitiert Weiß die Kriegserklärung. Die Ansprache des russländischen Präsidenten am Morgen des 24.2.2022 (Osteuropa hg. v. der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde) – und zeigt ausführlich, wie Putin die „Spezialoperation“ mit sehr fragwürdigen Interpretationen rechtfertigt (vgl. S. 19-29). Statt die erfolgreiche Niederringung Nazi-Deutschlands zu beschwören, scheint der Krieg schon immer der „ewige Kampf des Westens gegen Russland“ gewesen zu sein.
Weiß ermittelt die Quellen dieser Umdeutungen, so zum Beispiel der nationalistische Pseudomystiker Alexander Dugin, dem es gelang, zwischen deutschen und russischen Nationalisten Verbindungen aufzubauen (vgl. S. 45-57). Einer seiner Leser heißt Dimitrios Kisoudis, der im Februar 2022 Grundsatzreferent bei Tino Chrupalla (AfD) wird.

„Resignifikation der Nationalgeschichte“ (S. 125) ist es auch, wenn der Nationalsozialismus, der für die AfD doch irgendwie störend wirkt, qua Neuinterpretation in eine linke Ecke verbannt wird. Als Beleg muss immer wieder ein Goebbels-Zitat herhalten: „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke. Nichts ist uns verhasster als der rechtsstehende nationale Bürgerblock.“ Weiß hat untersucht, wie oft das Zitat in AfD-Kreisen verwendet wird. Zitiert wird es 1983 in einer Dokumentensammlung, deren Autor die Quelle nicht geprüft hat, denn dann hätte er gemerkt, dass es sie nicht gibt. Es folgt dann bei Weiß eine kluge Einschätzung, wie ein Artikel vom 9. September 1931 in der nationalsozialistischen Niedersächsischen Tageszeitung links und rechts verwirft und den Nationalsozialismus weder als „rechts“ noch „national“ versteht, sondern ihn auf das ganz Volk bezieht: völkisch.

Liest man das Kapitel über die DDR-Nostalgie, wird der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern verständlich. Der Anspruch der AfD, das „Volk“ zu vertreten als Erinnerung an die Wendeparole von 1989 „Wir sind das Volk“ kommt gut an. Dazu kommt, so Weiß, „das Paradox einer antikommunistischen DDR-Nostalgie“ (S. 178). Weiß erkennt ein „neues Selbstbewusstsein Ost“, das von AfD & Co, autoritär, völkisch und national gelenkt worden sei und deren die identitätsstiftende Parole laute: bloß nicht so werden wie der Westen. Migration, Pandemie, Globalisierung und alle Linken bilden den neuen „Ost-West-Konflikt“, der die Antihaltung gegenüber dem Westen bestimmt. Frühere Werte der DDR werden wieder hervorgekramt und neu aufgewertet Tino Chrupalla (AfD) bedauerte das Verschwinden der so sprichwörtlichen „Hilfsbereitschaft“ und „Mitmenschlichkeit“, die ja damals auch ein Ergebnis des repressiven Staatssystems war. Brisant werden derartige Erinnerungen, wenn die DDR als das bessere Deutschland unter russischer Herrschaft gelobt wird… sie hatte keine Freiheit aber eine nationale Identität. Auch hier werden die Bezüge zur antiwestlichen Propaganda in Russland deutlich.

Schließlich zeigt der Wunsch nach Plebisziten die Absicht, den Willen des „Volkes“ auszuführen. Hier erinnert Volker Weiß an Carl Schmitt und sein Modell der plebiszitären Mehrheitsdiktatur. Die Annäherung an das alte DDR-Blockparteiensystem werde aber gleich wieder auf den Gegner projiziert, so der Autor.

Die Schöpfung „Deutsches Demokratische Reich“ stammt von Jürgen Elsässer- Gründer und Chefredakteur des rechtsextremen Magazins Compact – der am „Tag der deutschen Freiheit“ in Gera am 3. Oktober 2023 seinen Zuhörern von einer Neugründung der DDR als eine Art Synthese aller Nationalstaaten in Deutschland vorschwärmte mit Höcke als Reichskanzler. Kapital käme von den Chinesen, die Amerikaner seien nicht notwendig und Musk baue einen Raketenbahnhof in Peenemünde (vgl. S. 210 ff). Immerhin es war ein Versuch, wie Weiß ihn erklärt, „als eine Art positiv gewendete Totalitarismusthese Bestandteile der NS-Zeit und der DDR für ein zukünftiges Reich produktiv“ (S. 212) zu machen. Und dann kommt wieder die Migration: Björn Höcke hatte berichtet, dass sein Vater ihm 1989 erklärt habe, das mit der DDR „nun das letzte ethnische Reservoir von Überfremdung bedroht werde“ (S. 217).

Die traditionellen Werte, die Furcht vor der Globalisierung und der Konservatismus in Russland sprechen die Republikaner in den USA an, sodass der politisch rechtsaußenstehende Pat Buchanan vor dem sogenannten cultural marxism warnte und Putin als einen Gleichgesinnten entdeckte.

Die Systematik, mit der Volker Weiß den Geschichtsverfälschungen und der Umkehrung der Interpretationen entgegentritt, überzeugt. Er zeigt den populistischen Mechanismus auf: Im Nachhinein werden die Sowjetunion und die DDR rehabilitiert und ein selektives Geschichtsverständnis präsentiert. Die Parole von „linken Nazis“ dient dazu, seine verbrecherischen Aspekte nach links auszulagern, so dass die heutigen Gegner der AfD diskreditiert werden können, während zugleich der ideologische Kern des Nationalsozialismus rehabilitiert werde (vgl. S. 233).

In der Tat, die alternative Geschichtsdeutung und deren Durchsetzung gehen einher mit der Zerstörung des „dekadenten Westens“, so wie die AfD es auf ihre Fahnen geschrieben hat. Einfache Erklärungen aufgrund falscher Fakten und Interpretationen. Das alles passt zum Populismus der AfD, die einfach behauptet, man sei hier nicht frei, und deshalb die Freiheit verspricht. Mit diesem Buch hat Volker Weiß einen wertvollen Beitrag zur Entzauberung der AfD geschrieben.

Heiner Wittmann

Volker Weiß
Das Deutsche Demokratische Reich
Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört
Stuttgart: Klett-Cotta 2025,
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96667-1