Lesebericht: Peter Heather, John Rapley, »Stürzende Imperien«

Jetzt ist die Taschenbuchausgabe von Peter Heather, John Rapley, »Stürzende Imperien« bei Klett-Cotta erschienen. Hier der Lesebericht von 2024:

Peter Heather, Professor für mittelalterliche Geschichte am New College in Oxford, lehrt zurzeit am King’s College in London. John Rapley unterrichtet politische Ökonomie an der Universität in Cambridge und am Johannesburg Institute for Advanced Studies. Beide Autoren zeichnen ein düsteres Bild vom Niedergang des Westens, der mit der Jahrtausendwende eingesetzt hat: Das Bruttoinlandsprodukt der westlichen Länder sinkt, die Migrantenströme wurden zu einem immer größeren Problem, die populistischen Strömungen bieten auch keine Lösungen, sondern akzentuieren mit ihren simplen Lösungen eher noch den Niedergang.

Dem Westen gelingt angesichts der Herausforderungen durch neue Zentren in der Welt keine geeignete Antwort, so wie auch in den westlichen Staaten Finanzprobleme aus dem Ruder laufen, die Verschuldung steigt. Immer mehr wird die Globalisierung als gescheitert empfunden. Wurde der Containerhandel als Antrieb für den weltweiten Handel einst gefeiert, so merkt der Westen, wie er seinen Teil zu einer Entwicklungshilfe beiträgt, die so nicht geplant war. Die dritte Welt gewinnt ein neues Selbstbewusstsein, das auch einen WTO-Gipfel scheitern ließ. So einfach wie früher kann der Westen seine Handelsbedingungen nicht mehr formulieren. Und schließlich ist da auch der Aufstieg Chinas, den beide Autoren als eine außergewöhnliche Zeitenwende bezeichnen, die in einem starken Kontrast zu Russland stehe.

Das Bild, das Heather und Rapley vom Westen zeichnen, könnte düsterer nicht sein. Niedergang überall, rundherum aufstrebende Kräfte in den Peripherien. Eine Krise in den 90er Jahren, die mit staatlichen Hilfen beantwortet wurde, was aber nur zu einem erstmal letzten Aufbäumen des Westens führte und zum Streit der Ökonomen über Sparmaßnahmen und einer staatlichen Ausgabenpolitik. Schon werden Steuermodelle in Frage gestellt und es zeigen sich erste Protestreaktionen, die diese Steuerlast nicht mehr mittragen wollen. Ganz zu schweigen von dem Teufelskreis anfänglicher Proteste, zunehmender Instabilität, die durch zu Autorität neigenden Systemen oder Regierungen, zunehmend möglicherweise mit der Missachtung von (Menschen-)Rechten und dann auch mit Gewalt beantwortet werden. (Auch Paul Lynch widmet sich auf fiktionaler Ebene diesem Thema in seinem Roman „Das Lied des Propheten“ (Klett-Cotta, 2024)).

Diese Liste enthält nur eine Auswahl der vielen Faktoren, an denen der Niedergang des Westens abzulesen ist. Beide Autoren suchen nach Erklärungen und Rezepten, um diesen Abstieg nach einer dreihundert Jahre langen Vorherrschaft über den Planeten zu verhindern. Sie erinnern uns daran, wie das Römische Reich nach einer vergleichbaren Blütezeit mit großer Ausdehnung eine Epoche des Niedergangs und schließlich des Zerfalls erlebte.

Peter Heather und John Rapley schreiben eine Art parallele Geschichte und vergleichen auf beinahe jeder Seite ihres Buches Vorgänge, Ereignisse, Tendenzen und Entwicklungen des Westens mit der römischen Geschichte. So systematisch, wie sie das machen, könnte man auch manchmal Zweifel bekommen, ob die Geschichte sich wirklich wiederholt. Aber genau darin liegt die Spannung ihrer Darstellung, die zu einer Diskussion über Ursachen und Konsequenzen des Abstiegs des Westens anregen soll. Im Zentrum steht dabei immer wieder die Frage nach der Art und Weise, wie Rom mit den Bedrohungen und Angriffen aus seiner Peripherie umgegangen ist. In den Augen beider Autoren gibt es genügend Beispiele, die es erlauben, den Niedergang Roms mit der Entwicklung des Westens zu vergleichen.

Beeindruckend sind die Kenntnisse der beiden Autoren über das Wirtschaftsgefüge der Spätantike, mit denen sie die Sozialgeschichte der letzten Jahrhunderte Roms interpretieren und immer neue Ansatzpunkte zum Vergleich mit dem heutigen Westen aufdecken. Natürlich erinnert man sich an Gibbons Studie über den Verfall und Untergang des römischen Reichs und beide Autoren zeigen, wieso seine Darstellung heute korrigiert werden muss; dabei stützen sie sich auch auf Ergebnisse er Archäologie und zeigen Handelswege mit Konsequenzen auf, von denen Gibbon nichts ahnte.

Immer wieder rechtfertigen beide Autoren ihren Vergleichs-Ansatz: Rom und der Westen gerieten „zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums“ in eine Krise, ihre Epizentren verschoben sich und Zentren außerhalb ihres Einflussbereiches stiegen auf. Für beide liege darin der Keim ihres eigenen Niedergangs. Die Autoren beharren auf ihrer Idee, Rom und den Westen miteinander zu vergleichen. Dies dürfe aber keinesfalls nur hinsichtlich der Migrationswellen geschehen, sondern auch die Funktionsweise des imperialen Systems müsse berücksichtigt werden, woraus sich ihrer Meinung nach weitere Vergleichspunkte ergeben.

Und dennoch diskutieren beide Autoren auch die Migration, weil ihr Problem sehr viel umfangreicher sei und sich keinesfalls nur mit Größenordnungen beschreiben lasse. So ließen sich die „‘Barbareneinfälle‘ der spätrömischen Zeit“ […] keinesfalls mit den Migrationsströmen unserer Zeit vergleichen“. Ein Migrationsstopp ist in ihren Augen „ein Patentrezept für den absoluten wirtschaftlichen Niedergang“.

Der Vergleich der Endzeit des Römischen Reiches mit der heutigen Situation des Westens führt beide Autoren dazu, dem Westen zu raten, römische Fehler nicht zu wiederholen. Ein ganzes Bündel von Ratschlägen tragen sie vor, darunter die Mahnung, mit neu entstehenden Zentren, wie China nicht um jeden Preis in Konfrontation zu treten, sondern zunächst in der eigenen Peripherie nach Verbündeten zu suchen, die bisher zum Westen in einem Konkurrenzverhältnis gestanden haben.

Nicht jeder Leser wird manchen Vergleich zwischen dem Westen und Roms gleichermaßen bewerten, dennoch ist die Methode der beiden Autoren ein sehr inspirierender Ansatz, um die aktuellen Probleme des Westens besser zu verstehen, die populistischen Sirenentöne der Rechtsextremen fachgerecht beantworten und Lösungsvorschläge zugunsten des Westens diskutieren zu können.

Peter Heather, John Rapley
Stürzende Imperien
Rom, Amerika und die Zukunft des Westens
Aus dem Englischen von: Thomas Andresen
Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Auflage 2026, 288 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-98922-9

Rezension : Ursula Krechel, Vom Herzasthma des Exils

Ursula Krechel, Vom Herzasthma des ExilsDas Thema der Migranten ist spätestens seit der Versicherung von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir schaffen das!“ zu einem ganz besonderen Reizthema geworden, das besonders von einer Partei am ganzen rechten Rand zum populistischen Stimmenfang genutzt wird: vgl. > Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Ursula Krechel hat zu diesen Themen für die kleine weiße Reihe bei Cotta einen sehr bemerkenswerten Essay verfasst: > Vom Herzasthma des Exils. Sie hat sich vorgenommen „Etappen, Widersprüche und Konsequenzen der Migrationsgeschichte von der französischen Revolution bis ins 21. Jahrhundert“ (so der Klappentext) in den Blick zu nehmen. Das ist wahrlich ein anderer Blick auf Migranten, als bei diesem Thema von einem Zaun rund um Deutschland zu schwadronieren. Auf dem Klappentext steht auch: Krechel „stößt auf eine Einwanderungsgesellschaft, die keine sein will, die sich der elementaren Einsicht verweigert, dass diejenigen, die sich auf den unberechenbaren Weg machen, den Respekt der Sesshaften verdienen.“ Damit ist der Ton dieses Buches angeschlagen. Jedes einzelne Wort dieses Satzes trägt ein Argument zum Schutz der Migranten in sich, der in der Forderung nach mehr Respekt gegenüber denjenigen, die meist aus furchtbaren Gründen wie Krieg, Naturkatastrophen und Verfolgungen jeder Art sich oft auf einen sehr beschwerlichen und gefährlichen Weg machen, ihr Leben riskieren, um in Sicherheit für Leib und Leben zu gelangen, das als ein Menschenrecht man ihnen doch nicht absprechen dürfte.

In 24 Kapiteln fächert Ursula Krechel, die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Migrationsströme seit der Französischen Revolution auf. Sie beginnt mit einem Lesetipp: Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und ihren Erinnerungen an dem Mai 1793 als die Herrschaften aus Mainz fliehen mussten. In diesem Text steht, wie Emigranten sich „zwischen Hoffen und Bangen“ bewegen, der Blick auf die „unsichere Zukunft“, der Ansporn trotz allen Elends eine „Contenance zu bewahren“, der „Verlust des Vertrauten“. Das schreibt sich so leicht, aber manche Migranten haben kaum mehr noch als ihr Leben.

Adelbert von Chamisso (1781-1838) wird von Krechel auch unter die Emigranten gezählt, ein „Sprachwechsler“ schreibt sie und zeigt seine dadurch erworbene Überlegenheit an, die aber oft leider nur in ihren Mängeln gewürdigt wird. „Anpassungsleistungen“ ist das nächste Stichwort, das im Zusammenhang mir Chamisso fällt und für alle Migranten gilt: „Immer lebte er im Dazwischen“ (S. 15), so bringt sie sein Leben auf den Punkt. Das ist die Situation aller Migranten zu allen Zeiten.

Karl Marx wurde auch ab Oktober 1843 zum ständigen Migranten, er gesellte sich zu den Migranten in Paris, entdeckte ihre Elend, kritisierte den preußischen König, was man daheim gar nicht goutierte. Alexander von Humboldt beklagte sich beim französischen König und Marx musste wieder auf Wanderschaft gehen, diesmal nach London, wo Das kommunistische Manifest entsteht. Der staatenlose Marx hatte keinen Pass.

Das Kapitel „Zahlen“ berichtet von dem Gedenkbuch aus dem Jahr 2018: Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste: Jeder Eintrag ein bewegendes Schicksal: Tod in der Fremde durch Ertrinken, Unglücke auf Reisen, Erfrierungen, Selbstmord, etc. „Die Zahl der Flüchtlinge, die „irregulär“ in die EU reisen, haben sich zwischen 2023 und 2024 um 40 Prozent verringert,“ schriebt Krechel und fragt warum? EU-Gelder stützen die lybische Küstenwache… Hier fällt das Wort „irregulär“, das auch rechtlos bedeuten könnte, auf jeden Fall nicht regelkonform, dahinter steckt die Klage, dass wenn der Migrant am Ziel ankommt, wird die Art, wie er ankommt, auf seine Person übertragen, „irregulär“ klingt nach unerwünscht.

Unzählige Dramen spielten sich bei der Einwanderung in die USA im Kontrollzentrum Ellis Island abgespielt haben, so 12 Millionen Menschen zwischen 1892 und 1914 passierten. Alle weiteres Beispiel, das Krechel nennt, fügen dem Bild vom Migranten weitere Aspekte hinzu: „Selbstentwurzelung“ nennt Krechel den Abschied von den Eltern, den z. B. Peter Weiss erzählt hat.

115 Millionen Menschen war laut der UNO-Flüchtlingshilfe 2023 als Flüchtlinge in der ganzen Welt unterwegs: „Das Europa das begehrteste Fluchtziel ist, ist eine Angstfantasie, genährt vom Populismus.“ (S. 65)

Krechel berichtet über viele Einzelschicksale, an denen sie die drängendsten Probleme heutiger Migranten aufzeigt, So auch Milena Jesenská, eine Prager Journalistin, die 1937 eine Unterkunft mit Flüchtlingen aus Deutschland besucht und feststellt, dass sie nicht arbeiten dürfen, „…sie hören die Zeit verrinnen, stehen da und warten auf morgen.“ (S. 75) Die fehlende Beschäftigung, das Nichtstun steht jedem Versuch einer Integration entgegen und Krechel unterstreicht das so berechtigte Mitleid in den Reportagen von Milena Jesenská. – Noch ein Beispiel. Im Kapitel 11 „Stellvertreter“ stellt Krechel den Band Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie (N.V. Noord-Hollandsche Uitgevers Mij, 1939) von Ernst Grünfeld vor, in dem er das „Exil als Lebensform“ (so Sven Papke) untersuchte. Die Reportagen von Jesenská und das Buhc von Grünfeld erreichen offenbar eine Dimension der Analyse hinsichtlich des Exils, die heute den Klagen über „illegale Migranten“ völlig fremd ist.

Ende der 70er Jahre rettete Rupert Neudeck (1939-2016) mit seiner Initiative und der Cap Anamur mehr als 11000 Menschen vor dem Ertrinken im Südchinesischen Meer. Ich erinnere mich gut an seine Erzählung, wie er seinen Kameraden auf der Cap Anamur einen Karton mit Die Pest von Albert Camus mitgebracht hatte: „Die Bibel der NGOs“, sagt er.

Die vier Kapitel über Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehren, sind erschütternd, weil sie zeigen, mit welchem Misstrauen Rückkehrer empfangen wurden. Rückkehrer, Wanderer zwischen Welten, verlieren die immer oder sogar für immer ihre Heimat?

Vertreter einer Partei bei uns, die mit Wort „Remigration“ (Kapitel 24) Wahlwerbung betreiben, nehme es in Kauf, damit Angst und Schrecken zu verbreiten ist. Ihr Populismus verfängt, weil Fremdenhass in Form von gutgemeinter Warnung vor Messerstechern als einfache Lösung präsentiert wird. Mittlerweile denken manche mit Schrecken an die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, die manche Politiker bei uns als Vorbild für ähnliche Behörden bei uns vorschlagen. Dann darf man gleich nochmal daran erinnern, wie Migranten, die bei uns Frieden suchen, stigmatisiert werden, ihre Rechte durch den Begriff „Illegale“ vernebelt werden und straffällige, ausreisepflichtige Migranten dazu dienen Migranten in ein schlechtes Licht zu stellen.

Viele, die heute über Migranten klagen, sollten vorher diesen Essay von Ursula Krechel lesen. Sie entwickelt eine Art Phänomenologie der Entwurzelten, der Menschen und ihren Fluchtbewegungen, gehasst, vertrieben oder geflüchtet nur noch mit ihrem Leben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und sie wissen oft gar nicht ob ihr Ankunftsort schon das Ziel ist. Länder bauen oder Parteien fordern Zäune, um Migranten abzuwehren. Ihnen sagt Krechel: Nicht die Migration bedroht Europa, die Bedrohung kommt aus dem Kern, aus einer Erosion demokratischer Werte.“ (S. 109) Dazu gehört auch das Kapitel 17 „Begriffe“, das den Umgang mit Migranten aus der Sicht der Behörden unter die Lupe nimmt. In Großbuchstaben zitiert sie die Begriffe „Duldung“ und „Kettenduldung“ (S. 117) Menschenverachtend sind sie, weil damit zugleich gesagt wird, dass die Betroffenen keine Perspektive haben. Ihr dürft hier nicht bleiben. Mit solchen Begriffen beginnt der Niedergang, die Abwertung demokratischer Werte. Ihr Essay ist ein gelungenes Plädoyer für mehr Achtung vor den Migranten, die mit der Ankunft bei uns, soviele Hoffnungen mitbringen.

Ursula Krechel
Vom Herzasthma des Exils
Stuttgart: Cotta 2025
ISBN: 978-3-7681-9852-3

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1