Lesebericht: Antonio Scurati, »Faschismus und Populismus«

Stürzende Imperien««Die neue weiße Reihe bei Cotta bündelt immer wieder, präzise auf den Punkt gebracht, Überlegungen zu den großen Fragen unserer Zeit. Im vorliegenden Buch meldet sich Antonio Scurati zu Wort und erklärt die Zusammenhänge zwischen Faschismus und Populismus. Es lohnt sich, »Faschismus und Populismus« zu lesen und seine Gedankengänge genau nachzuvollziehen, da es seinen Lesern von heute den Blick auf die Praktiken der Populisten schärft, die unsere Parlamente erobern, obwohl sie mit der parlamentarischen Demokratie fremdeln. Dieses Buch ist auch ein Weckruf. Seid wachsam gegenüber den Populisten, ihr Treiben ist durchschaubar, man muss nur genau hinsehen. Lasst Euch nicht verführen, denn irgendwann ist es zu spät, so könnte das Resümee dieses Buches lauten.

I. Faschismus. Antonio Scurati, Literaturwissenschaftler und Autor des mehrbändigen Romanzyklus über Mussolini »M« erklärt in dem Essay »Faschismus und Populismus« (übers. v. E. Heinemann, Stuttgart: Cotta 2024), warum die populistischen Extremisten, die sich nicht unbedingt links oder rechts einordnen lassen, unseren Demokratien so gefährlich werden. Wie konnte es dazu kommen? „Dass das Gefühl für Geschichte verloren ging, ist eine der großen geistigen Unzulänglichkeiten unserer Zeit, die in vielerlei Hinsicht eine privilegierte Epoche ist“ (S. 9). Es sei zu Beginn des Millenniums gewesen: „Wir verloren die Fähigkeit, uns vom großen Strom der Zeit, die von fernher kam und in die Ferne strömte noch getragen zu werden…“ (S. 11). Das sei kein Grund, sich zu verstecken, zumal gerade eine rechtsextreme Partei in Italien die Regierung übernommen hat. Wird die Verbindung zur Geschichte von ihr einfach gekappt oder neu interpretiert werden? Da die Debatte bisher ausgeblieben sei, befürchtet Scurati, dass es zu einem „aufwiegelnden und gehässigen Revisionismus“ (S. 14) kommen werde.

Es sind die Erfahrungen, die Scurati bei der Niederschrift des Romanzyklus über Mussolini »M« gesammelt hat, die sein historisches Bewusstsein geschärft haben. Im neuen Millennium verstärkten sich die revisionistischen Geschichtsdarstellungen und die Propaganda von offen neofaschistischen Gruppen und es gab immer neue Grenzüberüberschreitungen geprägt vom nationalen Bewusstsein. So erlitt die demokratische Grundeinstellung einen offensichtlichen Schaden, während zur gleichen Zeit Populisten auf dem Vormarsch waren (vgl. S. 21).

Den deutschen Ausdruck Vergangenheitsbewältigung gebe es nicht im Italienischen. Mit der Erzählung des Faschismus aus der Sicht des Antifaschismus hofft Scurati, seinen Teil dazu beitragen zu können, dass die Vergangenheit besser verstanden werde. Sein Befund scheine sich mit aktuellen Lage Italiens zu bestätigen. An dieser Stelle präzisiert Scurati seine Einschätzung: die Parteien, die heute die Demokratien herausfordern, seien Nachfahren des populistischen, nicht des faschistischen Mussolinis, der den Faschismus konzipiert und die politische Praxis eingeführt hat, die heute als „souveränistischer Populismus“ (S. 28 f.) bezeichnet wird. Mit der Unterstützung der Arditi und der Gründung der Italienischen Kampfverbände begann der Faschismus, immer geprägt von Gewalt: „Die Gewalt ist das Alpha und Omega des Faschismus“ (S. 39).

II. Populismus. Die folgenden identifizierten Merkmale des Populismus ergaben sich für Scurati auch aus seiner Arbeit an »M«:

1. Autoritäre Personalisierung ist eines der Kennzeichen, die auf Verführung hinweisen, wenn der Populist sich mit dem Volk gleichsetzen will. Personalisierung entsteht immer, wenn eine Person für die Partei bzw. gar für ein ganzes Volk stehen will. 2. Antiparlamentarische Polemik, die sich aus der Gleichsetzung mit dem Volk ergibt und die Vielfalt der Meinungen im Parlament verunglimpft sowie einfache Lösungen anbietet. 3. Führung durch Nachfolgen wird Mussolinis Leitsatz werden, Taktik statt Strategie, ständiger Verrat. 4. Politik der Angst. Die vermeintlichen Gefahren ständig beschwören, den Niedergang allen vor Augen führen, nicht Hoffnung, sondern Angst verbreiten. Jetzt ist das Ziel fast erreicht: 5. Die Angst in Hass verwandeln, wie Mussolini dies ausdrücklich wünschte. 6. Das moderne Leben vereinfachen: Die Migranten seien der Feind, so wie damals die Sozialisten. Das Verführungskonzept von Mussolini funktioniere heute noch, so Scurati. 1.-6. definiert den Autoritarismus, den die Extremen wie auch Trump sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dazu kommt die Kommunikation, die sich nicht widerspruchsduldend an die primitiven Instinkte der Menschen richte: „Der Faschismus ist keine Komödie, sondern eine Tragödie“ (S. 80).

Im Nachwort erinnert Scurati schließlich an den Fall der Berliner Mauer und heute nach 20 Jahren sei er sich der „Illusion der ewigen Demokratie“ (S. 83) bewusst.

Antonio Scurati
Faschismus und Populismus
Aus dem Italienischen von: Enrico Heinemann
Stuttgart: klett-Cotta 2024, 96 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7681-9861-5

Lesebericht: Peter Heather, John Rapley, »Stürzende Imperien«

Jetzt ist die Taschenbuchausgabe von Peter Heather, John Rapley, »Stürzende Imperien« bei Klett-Cotta erschienen. Hier der Lesebericht von 2024:

Peter Heather, Professor für mittelalterliche Geschichte am New College in Oxford, lehrt zurzeit am King’s College in London. John Rapley unterrichtet politische Ökonomie an der Universität in Cambridge und am Johannesburg Institute for Advanced Studies. Beide Autoren zeichnen ein düsteres Bild vom Niedergang des Westens, der mit der Jahrtausendwende eingesetzt hat: Das Bruttoinlandsprodukt der westlichen Länder sinkt, die Migrantenströme wurden zu einem immer größeren Problem, die populistischen Strömungen bieten auch keine Lösungen, sondern akzentuieren mit ihren simplen Lösungen eher noch den Niedergang.

Dem Westen gelingt angesichts der Herausforderungen durch neue Zentren in der Welt keine geeignete Antwort, so wie auch in den westlichen Staaten Finanzprobleme aus dem Ruder laufen, die Verschuldung steigt. Immer mehr wird die Globalisierung als gescheitert empfunden. Wurde der Containerhandel als Antrieb für den weltweiten Handel einst gefeiert, so merkt der Westen, wie er seinen Teil zu einer Entwicklungshilfe beiträgt, die so nicht geplant war. Die dritte Welt gewinnt ein neues Selbstbewusstsein, das auch einen WTO-Gipfel scheitern ließ. So einfach wie früher kann der Westen seine Handelsbedingungen nicht mehr formulieren. Und schließlich ist da auch der Aufstieg Chinas, den beide Autoren als eine außergewöhnliche Zeitenwende bezeichnen, die in einem starken Kontrast zu Russland stehe.

Das Bild, das Heather und Rapley vom Westen zeichnen, könnte düsterer nicht sein. Niedergang überall, rundherum aufstrebende Kräfte in den Peripherien. Eine Krise in den 90er Jahren, die mit staatlichen Hilfen beantwortet wurde, was aber nur zu einem erstmal letzten Aufbäumen des Westens führte und zum Streit der Ökonomen über Sparmaßnahmen und einer staatlichen Ausgabenpolitik. Schon werden Steuermodelle in Frage gestellt und es zeigen sich erste Protestreaktionen, die diese Steuerlast nicht mehr mittragen wollen. Ganz zu schweigen von dem Teufelskreis anfänglicher Proteste, zunehmender Instabilität, die durch zu Autorität neigenden Systemen oder Regierungen, zunehmend möglicherweise mit der Missachtung von (Menschen-)Rechten und dann auch mit Gewalt beantwortet werden. (Auch Paul Lynch widmet sich auf fiktionaler Ebene diesem Thema in seinem Roman „Das Lied des Propheten“ (Klett-Cotta, 2024)).

Diese Liste enthält nur eine Auswahl der vielen Faktoren, an denen der Niedergang des Westens abzulesen ist. Beide Autoren suchen nach Erklärungen und Rezepten, um diesen Abstieg nach einer dreihundert Jahre langen Vorherrschaft über den Planeten zu verhindern. Sie erinnern uns daran, wie das Römische Reich nach einer vergleichbaren Blütezeit mit großer Ausdehnung eine Epoche des Niedergangs und schließlich des Zerfalls erlebte.

Peter Heather und John Rapley schreiben eine Art parallele Geschichte und vergleichen auf beinahe jeder Seite ihres Buches Vorgänge, Ereignisse, Tendenzen und Entwicklungen des Westens mit der römischen Geschichte. So systematisch, wie sie das machen, könnte man auch manchmal Zweifel bekommen, ob die Geschichte sich wirklich wiederholt. Aber genau darin liegt die Spannung ihrer Darstellung, die zu einer Diskussion über Ursachen und Konsequenzen des Abstiegs des Westens anregen soll. Im Zentrum steht dabei immer wieder die Frage nach der Art und Weise, wie Rom mit den Bedrohungen und Angriffen aus seiner Peripherie umgegangen ist. In den Augen beider Autoren gibt es genügend Beispiele, die es erlauben, den Niedergang Roms mit der Entwicklung des Westens zu vergleichen.

Beeindruckend sind die Kenntnisse der beiden Autoren über das Wirtschaftsgefüge der Spätantike, mit denen sie die Sozialgeschichte der letzten Jahrhunderte Roms interpretieren und immer neue Ansatzpunkte zum Vergleich mit dem heutigen Westen aufdecken. Natürlich erinnert man sich an Gibbons Studie über den Verfall und Untergang des römischen Reichs und beide Autoren zeigen, wieso seine Darstellung heute korrigiert werden muss; dabei stützen sie sich auch auf Ergebnisse er Archäologie und zeigen Handelswege mit Konsequenzen auf, von denen Gibbon nichts ahnte.

Immer wieder rechtfertigen beide Autoren ihren Vergleichs-Ansatz: Rom und der Westen gerieten „zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Wohlstandsmaximums“ in eine Krise, ihre Epizentren verschoben sich und Zentren außerhalb ihres Einflussbereiches stiegen auf. Für beide liege darin der Keim ihres eigenen Niedergangs. Die Autoren beharren auf ihrer Idee, Rom und den Westen miteinander zu vergleichen. Dies dürfe aber keinesfalls nur hinsichtlich der Migrationswellen geschehen, sondern auch die Funktionsweise des imperialen Systems müsse berücksichtigt werden, woraus sich ihrer Meinung nach weitere Vergleichspunkte ergeben.

Und dennoch diskutieren beide Autoren auch die Migration, weil ihr Problem sehr viel umfangreicher sei und sich keinesfalls nur mit Größenordnungen beschreiben lasse. So ließen sich die „‘Barbareneinfälle‘ der spätrömischen Zeit“ […] keinesfalls mit den Migrationsströmen unserer Zeit vergleichen“. Ein Migrationsstopp ist in ihren Augen „ein Patentrezept für den absoluten wirtschaftlichen Niedergang“.

Der Vergleich der Endzeit des Römischen Reiches mit der heutigen Situation des Westens führt beide Autoren dazu, dem Westen zu raten, römische Fehler nicht zu wiederholen. Ein ganzes Bündel von Ratschlägen tragen sie vor, darunter die Mahnung, mit neu entstehenden Zentren, wie China nicht um jeden Preis in Konfrontation zu treten, sondern zunächst in der eigenen Peripherie nach Verbündeten zu suchen, die bisher zum Westen in einem Konkurrenzverhältnis gestanden haben.

Nicht jeder Leser wird manchen Vergleich zwischen dem Westen und Roms gleichermaßen bewerten, dennoch ist die Methode der beiden Autoren ein sehr inspirierender Ansatz, um die aktuellen Probleme des Westens besser zu verstehen, die populistischen Sirenentöne der Rechtsextremen fachgerecht beantworten und Lösungsvorschläge zugunsten des Westens diskutieren zu können.

Peter Heather, John Rapley
Stürzende Imperien
Rom, Amerika und die Zukunft des Westens
Aus dem Englischen von: Thomas Andresen
Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Auflage 2026, 288 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-98922-9

Konrad-Adenauer-Stiftung: Analysen & Argumente Europäische Union – der steinige Weg zum globalen Stabilitätsanker. Ergebnisse der Panorama-Analyse 2026

Johanna Hohaus und Tim Peter haben für die Konrad-Adenauer-Stiftung habt in ihrer Reihe „Analysen & Argumente“ die Ergebnisse der Panorama-Analyse 2026 unter dem Titel „Europäische Union – der steinige Weg zum globalen Stabilitätsanker“ veröffentlicht:

Die Panorama-Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung ist eine multithematische Standortbestimmung der Entwicklung der Europäischen Union und ihres Umfelds im Jahresvergleich. Sie umfasst drei Dimensionen: (I) Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, (II) Europapolitische Ausrichtung der Mitgliedstaaten und (III) Globales Umfeld. Diesen liegen jeweils fünf Indikatoren zugrunde, die sich wiederum auf mehreren Kriterien pro Indikator gründen. In dieser Studie werden die Hauptergebnisse der Panorama-Analyse 2026 präsentiert.

Konrad-Adenauer-Stiftung:   Analysen & Argumente Europäische Union – der steinige Weg zum globalen Stabilitätsanker. Ergebnisse der Panorama-Analyse 2026

Die Panorama-Analyse zeigt, dass die Europäische Union im geopolitisch angespannten Umfeld zunehmend als Stabilitätsanker gilt. Fortschritte gibt es vor allem bei Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Resilienz, während Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft gegenüber China unter Druck geraten. Trotz einzelner Blockaden bleibt die EU handlungsfähig und sollte nach dem Machtwechsel in Ungarn Reformen wie mehr Mehrheitsentscheidungen im Rat vorantreiben. International sollen die EU und ihre Mitgliedstaaten gemeinsam mit anderen Mittelmächten die regelbasierte Weltordnung stärken; die erfolgreiche Handelsagenda gilt dabei als wichtiger erster Schritt.

Benefizkonzerte in Berlin zugunsten der neuen Bach-Orgel in Riga

Benefizkonzerte in Berlin zugunsten der neuen Bach-Orgel in RigaDer Förderverein Orgel Dom Riga e.V. setzt sich dafür dafür ein, dass im Dom zu Riga eine neue Barockorgel nach dem Vorbild von Heinrich Andreas Contius (1708–1795) entstehen kann. Als „Bach-Orgel“ gedacht, soll sie ein barockes Gegenstück zur berühmten romantischen Walcker-Orgel bilden – und Riga um eine weitere, originale Klangwelt zu bereichern. Dieses Instrument soll mehr sein als ein Neubau: Es geht um einen eigenständigen barocken Klangpol – transparent, lebendig und stilistisch überzeugend, gebaut mit heutiger Präzision und in enger Orientierung an historischen Vorbildern.

Im Frühjahr/Sommer 2026 veranstaltet der Förderverein Orgel Dom Riga e.V. noch zwei Benefizkonzerte an Wegscheider-Orgeln in und bei Berlin. Die Konzertreihe verbindet hohe Spielkunst mit persönlicher Nähe zum Instrument: Renommierte Organistinnen und Organisten gestalten die Abende gemeinsam mit engagierten Studierenden der UdK und weiteren Künstlern.

3. Juni 2026 19 :30 Uhr
19.30 Uhr Alte Pfarrkirche Pankow
Kantorin Rudite Livmane & Freunde

14. Juni 2026 17 :00 Uhr
17.00 Uhr Heilandskirche Sacrow
(Potsdam)
Prof. Henry Fairs, UdK Berlin

Eintritt frei. Spenden erbeten.

Zum Herunterladen: > Flyer: Benefizkonzerte zugunsten der Bachorgel in Riga

Die Konzertreihe verbindet hohe Spielkunst mit einem
persönlichen Zugang zum Instrument: Renommierte
Organistinnen und Organisten gestalten die Abende gemein-
sam mit engagierten Studierenden der UdK Berlin. So trifft
Erfahrung auf frische Neugier – und das Publikum erlebt die
Orgel als lebendiges Konzertinstrument.

Förderverein Orgel Dom Riga e.V.
www.orgel-dom-riga.de

„Under Destruction“ lautet das Motto der Münchner Sicherheitskonferenz vom 13. – 15. Februar 2026: Die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz

| Münchner Sicherheitskonferenz: Ex-US-General Hodges lobt Europas Rolle: Interview von Ingo Zamperoni |Gespräch zwischen US-Außenminister Marco Rubio und Bundeskanzler Friedrich Merz |

Heute hat Bundeskanzler Friedrich Merz zur Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz mit einer Grundsatzrede zur deutschen Außenpolitik gehalten. Ein Gratwanderung, aber eine beeindruckende und hoffentlich erfolgreiche. Deutlich und präzise äußerte Merz die Kritik an den Vereinigten Staaten, aber er vermittelte ein Gegengewicht mit der geschickten Formulierung, dass auch eine Großmacht, wenn sie sich isoliert und alleine ist, an ihre Grenzen stößt, und doch wieder Partner braucht. Er beschwor die Erinnerung an die Gründung der NATO, den gemeinsamen Geist mit den USA und sprach für ein Europa eine Art nostra culpa aus, wir seien zu abhängig von den USA geworden, das werde jetzt aber mit Anstrengungen auf militärischem und wirtschaftlichen Gebieten revidiert: ein deutliches Eingehen auf die Forderungen der Administration Trump: Europa müsse mehr Verantwortung übernehmen. Die damit verbundenen Ansätze und Entscheidungen in Europa werden von Ex-US-General Hodges im Gespräch mit Ingo Zamperoni anerkannt.

Video: > Bundeskanzler Merz bei der Münchner Sicherheitskonferenz – Website des Bundeskanzlers

> Münchner Sicherheitskonferenz

In seiner Rede beschrieb Bundeskanzler die neuen Vektoren der deutschen Außenpolitik und deren Folgen für Deutschland für Europa und auch für die Bündnispartner. Er kritisierte die Vereinigten Staaten, wiederholte die Kluft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, von der Vizepräsident J. D. Vance vor einem Jahr in München gesprochen habe. Der Kanzler beschwor aber auch die gemeinsamen Werte, die Europa und die USA nach 1945 mit der Gründung der NATO verbunden haben und erläuterte den Wunsch nach einer Neubegründung der transatlantischen Partnerschaft.

Er erinnerte daran, dass er „mit einigen Unterbrechungen seit mehr als 30 Jahren nach München zur Sicherheitskonferenz“ komme. Die Münchner Sicherheitskonferenz bezeichnet er als „Seismograf“ der politischen Lage, für die Beziehungen zwischen Amerika und Europa, seit vielen Jahren auch als ein ein Seismograf für die gesamte politische Weltlage.

Spätestens mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vor vier Jahren habe eine neue Phase offen ausgebrochener Kriege und Konflikte begonnen, die unsere Welt tiefgreifender verändern würden, als alle es für möglich gehalten hätten.

Ein düsteres Motto stehe über dieser Konferenz, so der Kanzler: „Under Destruction.“ Damit wird gesagt: „Die internationale Ordnung, die auf Rechten und auf Regeln ruhte, ist im Begriff, zerstört zu werden. ‑ Ich fürchte, wir müssen es noch etwas deutlicher sagen: Diese Ordnung, so unvollkommen sie selbst zu ihren besten Zeiten war, sie gibt es so nicht mehr.“ Was daraus folgt? Der Kanzler zitiert Peter Sloterdijk: „Europa hat einen langen Urlaub von der Weltgeschichte beendet.“ Eine Schwelle in eine Zeit sei überschritten worden, die wieder einmal offen von Macht und vor allem Großmachtpolitik geprägt sei.

Eine Aufzählung der neuen Faktoren: „Russlands gewalttätiger Revisionismus, ein brutaler Krieg gegen die Ukraine, gegen unsere politische Ordnung, mit täglichen schwersten Kriegsverbrechen.“ China erhebe einen globalen Gestaltungsanspruch.

Nach dem Fall der Berliner Mauer habe es einen unipolaren Moment in der Geschichte gegeben, der jetzt lange vorbei sei: „Der Führungsanspruch der Vereinigten Staaten jedenfalls ist angefochten, vielleicht schon verspielt.“ Der Kanzler meint, dass unsere Freunde in den Vereinigten Staaten den eigenen Nachholbedarf gegenüber China erkannt hätten. Auch die Europäer reagieren darauf, aber mit „anderen Ergebnissen als etwa die Administration in Washington.“

Zunächst müsse diese neue Realität anerkannt werden. Es gelte aber weiterhin „deutsche Außenpolitik und deutsche Sicherheitspolitik sind europäisch verankert. Dieses Europa ist heute wertvoller denn je. Wie wir unsere Ziele verfolgen, das bringen wir heute neu mit unseren eigenen Möglichkeiten in Einklang.“

Der Kanzler beschwörte neue Einsichten: „In der Ära der Großmächte ist unsere Freiheit nicht mehr einfach so gegeben. Sie ist gefährdet. Es wird Festigkeit und Willenskraft brauchen, um diese Freiheit zu behaupten.“ Dazu werde dazu nicht demnächst Opfer geben, „sondern jetzt.“

Die Neuordnung der Welt durch große Mächte vollziehe sich schneller und tiefgreifender, als Deutschland reagieren könne. Aber der Kanzler will die Vereinigten Staaten als Partner keineswegs abschreiben, sonst würde man das Potenzial unterschätzen, das unsere Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten bei allen Schwierigkeiten weiterhin habe.

Nein, der Kanzler wünscht keine Großmachtpolitik in Europa: „Nie wieder werden wir Deutsche allein gehen.“ Und der Kanzler fügt hinzu: „Unsere Freiheit behaupten wir mit unseren Nachbarn, nur mit unseren Nachbarn, unseren Verbündeten und unseren Partnern. Wir bauen auf unsere Stärke, unsere Souveränität und unsere Fähigkeit zu gegenseitiger Solidarität in Europa. Wir tun es mit prinzipienfestem Realismus.“

Das Programm der Freiheit hat vier Punkte. Erstens. Wir stärken uns militärisch, politisch, wirtschaftlich und technologisch mit dem Ziel Europa innerhalb der NATO zu stärken. Dazu gehört auch die Unterstützung für die Ukraine. Die Bundeswehr werde schnellstmöglich tiefgreifend modernisiert, die Ostflanke der NATO werde mit der deutschen Brigade in Litauen gestärkt.

Zweitens. Wir stärken Europa: Und der Kanzler nennt (ohne die europapolitischen Konzepte Macrons zu zitieren): „Ein souveränes Europa ist unsere beste Antwort auf die neue Zeit. Europa zu einen und zu stärken ist heute unsere vornehmste Aufgabe.“ Und er fügt hinzu: „Europa muss ein weltpolitischer Faktor werden, mit einer eigenen sicherheitspolitischen Strategie.“ Merz berichtet an dieser Stelle von ersten Gespräche mit Emmanuel Macron über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen. Aber für Deutschland gelte weiterhin die nukleare Teilhabe innerhalb der NATO, und es werde in Europa keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit geben.

> Merz und Macron reden über europäischen Atomschirm – DER SPIEGEL, 13.2.2026

Erfolg haben nur alle Partner in Europa zusammen. „…für uns Deutsche führt kein Weg daran vorbei. Wir sind die Mitte Europas. Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland.“

„Drittens. Wir wollen eine neue transatlantische Partnerschaft begründen.“ Merz erinnert an die Rede Vizepräsident J. D. Vance vor einem Jahr in München, der von einer Kluft, einem tiefen Graben zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika gesprochen habe. Der Kanzler gab Vance recht und fügte sogleich hinzu: „Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung in den USA ist nicht unserer. Die Freiheit des Wortes endet hier bei uns, wenn sich dieses Wort gegen Menschenwürde und Grundgesetz wendet. Und wir glauben nicht an Zölle und Protektionismus, sondern an freien Handel. An Klimaabkommen und der Weltgesundheitsorganisation halten wir fest, weil wir überzeugt sind: Globale Aufgaben werden wir nur gemeinsam lösen.“

Wenn die transatlantische Partnerschaft ihre Selbstverständlichkeit verloren habe, müsse sie im doppelten Sinn neu begründet werden: „Zusammen sind wir stärker. Wir Europäer wissen, wie kostbar das Vertrauen ist, auf dem die NATO gründet.“ Und er erinnert die USA daran, dass sie an die Grenzen der eigenen Macht stoßen, wenn sie im Alleingang unterwegs seien: „Die NATO ist nicht nur unser, sondern, liebe amerikanische Freunde, auch euer Wettbewerbsvorteil.“

Und dann folgt eine Passage auf Englisch, mit der er sich direkt an unsere amerikanischen Freunde wendet: Die NATO ist das stärkste Bündnis aller Zeiten, „nicht nur ein Wettbewerbsvorteil für Europa, sondern auch ein Wettbewerbsvorteil für die Vereinigten Staaten.“ Das Angebot von Merz: „Lassen Sie uns also das transatlantische Vertrauen reparieren und gemeinsam wiederbeleben. Wir Europäer leisten unseren Beitrag hierzu.“ Die starke Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten hätte man hier selbst verschuldet. das ist aber für Merz kein Grund, die NATO abschaffen zu wollen, im Gegenteil, wir sollten „im Bündnis im eigenen Interesse einen starken, selbsttragenden europäischen Pfeiler errichten.“

„Viertens und last, but not least, knüpfen wir ein starkes Netz globaler Partnerschaften.“

Neue Partner, wie Kanada und Japan, die Türkei, Indien, Brasilien, und auch Südafrika, die Golfstaaten und andere werden dabei eine Schlüsselrolle bekommen. Das EU-MERCOSUR-Abkommen und das Freihandelsabkommen mit Indien gehören zu dieser Neuordnung mit dazu. Und die folgenden beiden Sätze sind auch an die USA gerichtet: „Wir teilen das grundlegende Interesse an einer politischen Ordnung, in der wir auf Verabredungen vertrauen können, in der wir zur gemeinsamen Bewältigung globaler Probleme imstande sind und in der wir vor allem Konflikte miteinander friedlich ausräumen. Wir teilen die Erfahrung, dass Völkerrecht und internationale Organisationen unserer Souveränität, unserer Unabhängigkeit und auch unserer Freiheit dienen.“

Wer jetzt noch zaudert, den erinnert Merz an die deutsche Geschichte: „Wir Deutsche wissen: Eine Welt, in der nur Macht zählt, wäre ein finsterer Ort. Unser Land ist diesen Weg im 20. Jahrhundert bis zum bitteren und bösen Ende gegangen. Heute schlagen wir einen anderen, einen besseren Weg ein.“

Unsere größte Stärke bleibt die Fähigkeit, Partnerschaften, Bündnisse und Organisationen zu bauen, die auf Recht und Regeln fußen, die auf Respekt und Vertrauen gründen und die an die Kraft der Freiheit glauben.

Und Merz erinnert unsere amerikanischen Freunde, die uns Deutsche Partnerschaften und Bündnisse nach 1945 begeistert hätten: „Das vergessen wir euch nicht. Auf diesem Fundament ist die NATO zum stärksten politischen Bündnis der Geschichte geworden.“

Vergleicht man die Rede von Bundeskanzler Freidrich Merz mit der > Rede des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron auf der Münchner Sicherheitskonferenz ergeben sich zweifelsohne fundamentale Übereinstimmungen auch wenn sich die Wege zum Ziel eines souveränen Europas teilweise unterscheiden: Stichwort Eurobonds.


Zum Gespräch zwischen US-Außenminister Marco Rubio und Bundeskanzler Friedrich Merz hieß es aus Regierungskreisen:

Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz mit US-Außenminister Marco Rubio getroffen. Zentrales Thema des Gesprächs war die Situation in der Ukraine, der Stand der Verhandlungen mit Russland und die weitere Unterstützung des Landes vor allem mit militärischen Mitteln. Außerdem wurde über die Nato und die europäische Rolle darin gesprochen. Rubio würdigte die deutschen Schritte zur Stärkung der Allianz. Merz und Rubio tauschten sich über die Situation im Nahen Osten und vor allem in Iran aus. Merz nutzte die Gelegenheit vor seiner bevorstehende Reise nach China mit dem US-Außenminister über die Situation in Fernost und die handelspolitische Situation zu sprechen.


Ausschnitte aus dem folgenden Interview wurden am 13.2.2026 in den Tagesthemen gezeigt:
Münchner Sicherheitskonferenz: Ex-US-General Hodges lobt Europas Rolle | tagesthemen-Interview
„Wir brauchen unsere Alliierten“: