Handlungsempfehlungen für Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt

In meinen letzten vier Schulahren als Lehrer in Internatsgymnasien zeigt die Beobachtung von Schüler/innen, dass sie bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit mit einem Griff ihr Smartphone hervorholen, entsichern, wischen und immer wieder wischen. Sie sitzen den Pausen in Gruppen zusammen oder alleine, starren auf ihr Smartphone, Gespräche entstehen eigentlich nur, wenn einer dem anderen das Display zeigt. Viele von ihnen tragen ihr Smartphone ständig auf der flachen Hand vor sich her. Kaum jemand von ihnen guckt irgendetwas Schulrelevantes nach, alle sind den sozialen Medien verfallen, denen es mit allen Tricks gelingt, ständig die Aufmerksamkeit ihrer User zu kapern. Das Wort „Konzentration“ kommt nur auf S. 58 einmal vor. Wegen der besonderen Tragweite des Mangels an Konzentration durch die sozialen Medien hätte dieser Begriff viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die jetzt vorgelegte Studie schlägt sehr zu Recht eine großen Bogen, in dem sie viele Aspekte der digitalen Welt, in die viele Jugendliche sich gerne zurückziehen untersucht. Die große Vorsicht, mit der die Autoren sich einer Regelung der Nutzung der „Sozialen Medien“ annähern, zeigt, dass sie sich sehr wohl den technischen Hürden, die mit einer solchen Regelung verbunden sind, bewusst sind. Es wird auch deutlich, wie notwendig eine europäische Regelung dieser Frage ist.

Die Unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat am 24. Juni 2026 der Bundesbildungs- und – familienministerin Karin Prien 56 Handlungsempfehlungen für eine moderne Kinder- und Jugendpolitik im digitalen Zeitalter überreicht.

Handlungsempfehlungen der Expertenkommission Kinder und Jugendmedienschutz

Kurzfassung: Handlungsempfehlungen der Expertenkommission Kinder und Jugendmedienschutz

Die Empfehlungen zeigen Wege auf, wie Schutz, Befähigung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt gelingen können. Sie bilden die Grundlage für die im Koalitionsvertrag vereinbarte Gesamtstrategie der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt. Die Empfehlungen enthalten Vorschläge zum Schutz, zur Befähigung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt. Der Bericht ist auch eine Grundlage für die im Koalitionsvertrag vereinbarte Gesamtstrategie der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt.

Karin Prien bewertet die Empfehlungen der Kommission als wichtige Grundlage für eine moderne Kinder- und Jugendpolitik in der digitalen Welt. Sie fordert mehr Verantwortung von Plattformanbietern, sichere und kindgerechte digitale Angebote („Safety by Design“) sowie eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren für soziale Medien mit wirksamer Alterskontrolle. Zudem unterstützt sie die stärkere Verankerung elterlicher Medienerziehung und setzt auf gemeinsame Anstrengungen von Politik, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft und Familien. Ziel ist eine Gesamtstrategie, die Schutz, Befähigung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen gleichermaßen stärkt und ihnen eine sichere Nutzung digitaler Angebote ermöglicht.

Die 56 Handlungsempfehlungn Kurzfassung: Handlungsempfehlungen der Expertenkommission Kinder und Jugendmedienschutz, S. 8-10, enthalten eine sehr großes Bündel an weitreichenden Maßnahmen, die nahezu alle Aspekte der Nutzung von digitalen Angeboten durch Kinder und Schüler enthalten.

Hat unsere Rdaktion etwas übersehen? „TikTok“ kommt gar nicht vor. „YouTube“ wird auch nicht genannt. Es geht aber um „soziale Medien“: „Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der digitale Medien allgegenwärtig sind. Soziale Medien, digitale Plattformen und zunehmend auch Anwendungen künstlicher Intelligenz (KI) prägen ihre Informationsumgebungen, ihre Freizeitgestaltung, ihre sozialen Beziehungen, ihre Lernprozesse und insgesamt ihre gesellschaftliche Teilhabe. “ S. 4

In der „Handlungsempfehlung 19“ wird der Bericht deutlicher. Wir zitieren:
„Problem. Internet und soziale Medien sind für junge Menschen zentrale Quellen politischer Informationen und zugleich Räume der Identitätsbildung. Dort treffen sie auf vereinfachte, zunehmend KI-generierte Narrative, emotionale Zuspitzungen und gezielte Desinformation antidemokratischer Akteure. Diese Strategien sind schwer zu durchschauen und sie beeinflussen die Meinungsbildung und das Demokratieverständnis.“ S. 47

Die „Empfehlung“ lautet:
„Medienbildung und politische Bildung sollen gezielt verzahnt werden, damit junge Menschen antidemokratische Narrative erkennen und sich aktiv damit auseinandersetzen.
Über ein bundesweites Förderprogramm sollen Konzepte für Schule, Jugendverbandsarbeit, Vereine und die offene Kinder- und Jugendarbeit entwickelt, erprobt und implementiert werden, getragen von Projektverbünden aus Praxis und wissenschaftlicher Begleitung. Eine Zusammenarbeit mit den Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung soll angestrebt werden.

Zuständig ist der Bund.“ (ib.)

Die „Wirkung“ auf der gleichen Seite klingt wie ein Lernziel, das geschärft werden könnte:
„Junge Menschen durchschauen manipulative Online-Strategien, ordnen sie ein und
entwickeln eigene Handlungsmöglichkeiten. Sie bilden ein faktenbasiertes
Demokratieverständnis und eine demokratische Haltung aus, mit denen sie sich an der Gesellschaft beteiligen.“ (ib.)

„Handlungsempfehlung 20“ will „Erprobungsräume (Safer Spaces) für junge Menschen öffnen, um Internetphänomene zu erkennen und Umgangsstrategien zu entwickeln“ (S. 48)

Das „Problem“ wird wie folgt umrissen: „Das Internet, Soziale Medien und Online-Games sind für junge Menschen zentrale Räume der Information, des Austauschs und der Meinungsbildung. Dort treffen sie aber auch auf Desinformation, populistische Ansprache und Hasskommentare und bewegen sich durch algorithmische Empfehlungen häufig in Echokammern mit einseitiger Orientierung. Um sich eine eigene, an demokratischen Werten ausgerichtete Haltung zu bilden, fehlen ihnen begleitete Räume, in denen sie Gegenstrategien erproben können.“ (ib.)

Spätestens mit hier beschriebenen „Wirkung“: „Junge Menschen durchschauen Desinformation und Manipulation, ordnen sie ein und treten ihnen kompetent entgegen. Sie sind in der Lage, sich vor der Vereinnahmung durch demokratiefeindliche Akteure zu schützen und sich gestärkt an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen,“ (ib.) kommen Zweifel auf, ob die Autoren dieses Berichts die tatsächlichen Gefahren wirklich in den Blick genommen haben.

Die Argumente bezüglich der Altersgrenzen werden in der „Handlungsempfehlung 36“ „Risiko- und designorientiert regulieren – zwei Alternativen: gesetzliche Mindestaltersgrenze (13 Jahre) und dienstspezifische Altersgrenzen“ gegeneinander abgewogen: S. 69-73. Die erste Alternative: „(1) Nach der ersten Alternative soll für die eigenständige Nutzung eigener Social-Media Accounts eine gesetzliche Mindestaltersgrenze von 13 Jahren gelten. Sie soll mit einer wirksamen Altersüberprüfung verbunden werden. Für Kinder unter 13 Jahren soll ein gesetzlicher Erlaubnisvorbehalt geschaffen werden, der nachweislich kindgerechte und risikoarme Angebote zulässt. Das Erziehungsrecht der Mütter und Väter soll gewahrt bleiben, soweit das körperliche, geistige und seelische Wohl des Kindes nicht gefährdet wird.
Für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sollen abgestufte Schutzstandards gelten.
Dabei soll zwischen den Altersgruppen 13 bis 16 und 16 bis 18 Jahren unterschieden werden. Riskante Funktionen sollen standardmäßig deaktiviert sein (s. HE 37 „Sichere und altersgerechte Voreinstellungen und Designanforderungen für Jugendaccounts“).“

Die „Handlungsempfehlung 38“ „Eine wirksame und datenschutzgerechte Altersbestimmung unter Wahrung der Grundrechte verbindlich regeln“ wird konkreter: Das Problem, das sich mit den sozialen Medien stellt, wird so beschrieben: Alterskontrollen sollen Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten schützen, doch bisher fehlen verbindliche Vorgaben, sodass Plattformen selbst über die eingesetzten Verfahren entscheiden. Viele Methoden bergen Risiken für Datenschutz, Grundrechte und Diskriminierung, während unklare Regeln sowohl den Jugendschutz als auch die Rechte und Teilhabe aller Nutzerinnen und Nutzer gefährden. Die Kommission ist sich bewusst, dass es nicht einfach ist diesen Zugang zu regeln erinnert daran, dass die Verfahren zur Alterskontrolle sich stark in ihrer Zuverlässigkeit, Umgehbarkeit und ihren Auswirkungen auf die Grundrechte der Nutzerinnen und Nutzer unterscheiden. Besonders biometrische und datenbasierte Methoden gefährden Datenschutz und Selbstbestimmung, fördern die Machtkonzentration großer Plattformen und können sowohl den Jugendschutz als auch die Rechte aller Nutzer beeinträchtigen. Dementsprechend sind die Empfehlungen auch kompliziert formuliert: „Variante 1: Bei Einführung eines gesetzlichen Mindestalters für soziale Medien“ und „Variante 2: Risikobasiertes Stufenmodell (ohne allgemeines Mindestalter)“ (S. 75 f)

Unsere Redaktion hat auf unserem Frankreich-Blog schon öfters über die Maßnahmen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen in der digitalen Welt in Frankreich berichtet: > Frankreich will den Jugendlichen unter 15 Jahren den Zugang zu sozialen Netzwerken verbieten – 27. Juni 2026

Lucas Vogelsang liest aus »Zeitlupen. Denn der Fußball schreibt die besten Geschichten«

Der Fußball ist eine Bildermaschine, er produziert Legenden, Momentaufnahmen. Szenen, die vom Triumph und vom Scheitern erzählen, von Rivalität und Leidenschaft, von Aufstieg und Abgrund.

Die »Zeitlupen« folgen diesen Spuren des Spiels und zeigen, wie es weiterging. Nach dem wichtigsten Tor, dem letzten Zweikampf, dem traurigen Abgang. In jedem Augenblick schon der Anfang einer neuen Geschichte.
Und es geht um die Karrieren nach dem Abpfiff, dieser ewigen Nachspielzeit. Und zeigen, wie es weiterging. Nach dem wichtigsten Tor, dem letzten Zweikampf, dem traurigen Abgang. In jedem Augenblick schon der Anfang einer neuen Erzählung.

 

Mit zwei zusätzlichen Kapiteln und ­einem neuen Vorwort.

Lucas Vogelsang
> Zeitlupen. Denn der Fußball schreibt die besten Geschichten
2. Druckaufl., 2024, Erscheinungstermin: 19.10.2022, 272 Seiten, broschiert/div>
ISBN: 978-3-608-50174-2
Diese Ausgabe ersetzt die ISBN: 978-3-608-50497-2

Lesebericht und Nachgefragt: Niclas Seydack, »Geile Zeit«

Das Buch von Niclas Seydack ist gerade als Taschenbuch erscheinen, deshalb zeigt unsere Redeaktion den Lesebericht von 24.9.2024, der bei Klett-Cotta erschienen war, und das Interview zu »Geile Zeit« hier noch einmal an:

Nicht über sich schreibt Niclas Seydack, sondern wie der Untertitel von »Geile Zeit« lautet, er verfasst gleich eine »Autobiographie einer ganzen Generation«. Seydack erzählt, wie das Leben damals in dem kleinen Dorf unweit der Ostsee so war. Er spielte mit seinen Freunden: „Kann Malte rauskommen?“ Und genauso wie wir damals in Köln in einem Büdchen die Verpflegung für unsere Ausflüge kauften, bei uns waren es Gummibärchen, die wir dann auf den Fahrradtouren durch den Kölner Grüngürtel gerecht verteilten, waren es bei Niclas saure Schnüre. Zu Hause wächst er schon mit einem PC und einem Gamepad auf.

So einfach war der Übergang auf die weiterführende Schule nicht, weil sein Volksschullehrer ihm den Wechsel auf das Gymnasium nicht zugetraut hatte, die Eltern sahen das anders und überstimmten Herrn Holm-Reichert. Das Gymnasium begann mit einer Schweigeminute für die Opfer von 9/11. Dann das Seebeben im Indischen Ozean, die Welt rückte irgendwie immer näher. Wieder eine Schweigeminute, diesmal wegen des Amoklaufes in Erfurt: Künftig würde vor so etwas mit „Frau Schwarz bitte ins Sekretariat …“ gewarnt werden.

Eine erste Karriere als Klassenclown scheiterte schon im ersten Anlauf. Der zweite Versuch war kaum besser, ein bisschen unanständig und eigentlich nur für Ärger geeignet. Ein erster Schülerjob führt Niclas in eine Bäckerei, er probt seinen Einsatz gegen Rassismus und bekommt prompt Ärger.

Auf den Familienkassetten entdeckte er bald die einschlägigen Filme, mit denen er zu Hause Vorführungen für seine Freunde veranstaltete. Draußen durfte nicht allzu viel Lärm gemacht werden, die Kurgäste in Bad Schwartau brauchten Ruhe. Im Unterricht sollte HMTL gelernt werden, aber Blobby Volley wurde unbemerkt gespielt. Überhaupt gewinnt man bei Niclas‘ Rückschau den Eindruck, dass überall gelernt wurde, sich ständig neue Horizonte auftaten, dauernd etwas Neues entdeckt wurde, immer wieder was passierte, nur nicht in der Schule. Das stellt die Institution Schule kaum in Frage, denn Niclas scheint über die Kritik an seiner Schulzeit schon schnell und längst hinweg zu sein.

Seine Freunde flogen nach Rom, Athen oder London, Niclas ging zum Campingplatz in Scheeßel. Mehr oder weniger gelungene Mutproben aller Art vertrieben die Zeit. In der Oberstufe stand die Sorge um den Abischnitt immer im Vordergrund. Dann die Abschlussfahrt nach Italien und Herr Krüger erzählte ihnen etwas über die Renaissance, was seine Zöglinge arschlangweilig fanden, und er revanchierte sich bei Niclas: „… aus Ihnen, Niclas, wird sowieso nichts mehr.“ Schulzeit verpfuscht? Kein lobendes Wort über die Schule …? Schwingt da auch Enttäuschung mit, dass so wenig davon übrigblieb? Desillusionen, Missbehagen, Bedauern über verpasste Chancen? Die Rückblicke von Niclas entsprechen manchmal gar nicht so recht dem Titel des Buches. Hätte man was anders machen können?

Zivildienst bei einer katholischen Hilfsorganisation. Und dann passierte wirklich etwas. Lena (Meyer-Landrut) gewann 2010 mit ihrem Hit „Satellite“ den Eurovision Song Contest in Oslo.

Nach dreizehn Schuljahren gings mit 21 in die Uni nach Jena. Regelstudienzeit, Bologna-Prozess, Credit Points, in einem Absatz präzisiert Niclas seine ganz berechtigte Kritik an der deutschen Uni: vgl. S. 99. Wieder geht es um verpasste Chancen, die er aber auch nicht zu verantworten hatte. Studieren zwischen den Partys, improvisierte Raves am Sonntagmittag. Immer näher kommt die Welt. Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg, Amoklauf auf der norwegischen Insel Utøya, der Copilot des Germanwing-Flugs 9525, der 150 Menschen mit in den Tod riss.

Dann das Praktikum bei der Stadtredaktion in Dresden. Wie wird man erwachsen? Wenn die Kindheit endgültig zu Erinnerung wird? (S. 129) Dann kam die Pandemie und die endlosen Zoom-Sitzungen. Eigentlich wollte er Journalist werden, stattdessen gab es jetzt Kurzarbeit im Homeoffice.

Die Krisen der Welt. Aber da war ja Kanzlerin Merkel, die aufpasste, dass sie nicht zu nahekamen. Niclas rechnet ihr hoch an, dass sie seiner Mutter so ähnelte und erinnerte sich an ihr „Wir schaffen das.“ Sie fand das „alternativlos“ und Niclas glaubte im Nachhinein, dass sie dadurch die neue „Fascho-Partei“ förderte.

Um die 30 ist er jetzt und kriegt den ersten Rentenbescheid; hat eine 40-Stunden-Woche. „Eigentlich ist es die Aufgabe und das Privileg junger Menschen, Neues zu erfinden, das die Alten nervt.“ (S. 203)

»Geile Zeit« ist der Bericht aus einer Zeit, in der alles ausprobiert wurde. Zugleich aber auch eine gewisse Nachdenklichkeit, war man doch in der Jugend eigentlich auf nichts vorbereitet, was da später kommen würde.

Niclas Seydack,
Geile Zeit
Stuttgart:Tropen 2024

Rezension : Ursula Krechel, Vom Herzasthma des Exils

Ursula Krechel, Vom Herzasthma des ExilsDas Thema der Migranten ist spätestens seit der Versicherung von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir schaffen das!“ zu einem ganz besonderen Reizthema geworden, das besonders von einer Partei am ganzen rechten Rand zum populistischen Stimmenfang genutzt wird: vgl. > Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Ursula Krechel hat zu diesen Themen für die kleine weiße Reihe bei Cotta einen sehr bemerkenswerten Essay verfasst: > Vom Herzasthma des Exils. Sie hat sich vorgenommen „Etappen, Widersprüche und Konsequenzen der Migrationsgeschichte von der französischen Revolution bis ins 21. Jahrhundert“ (so der Klappentext) in den Blick zu nehmen. Das ist wahrlich ein anderer Blick auf Migranten, als bei diesem Thema von einem Zaun rund um Deutschland zu schwadronieren. Auf dem Klappentext steht auch: Krechel „stößt auf eine Einwanderungsgesellschaft, die keine sein will, die sich der elementaren Einsicht verweigert, dass diejenigen, die sich auf den unberechenbaren Weg machen, den Respekt der Sesshaften verdienen.“ Damit ist der Ton dieses Buches angeschlagen. Jedes einzelne Wort dieses Satzes trägt ein Argument zum Schutz der Migranten in sich, der in der Forderung nach mehr Respekt gegenüber denjenigen, die meist aus furchtbaren Gründen wie Krieg, Naturkatastrophen und Verfolgungen jeder Art sich oft auf einen sehr beschwerlichen und gefährlichen Weg machen, ihr Leben riskieren, um in Sicherheit für Leib und Leben zu gelangen, das als ein Menschenrecht man ihnen doch nicht absprechen dürfte.

In 24 Kapiteln fächert Ursula Krechel, die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Migrationsströme seit der Französischen Revolution auf. Sie beginnt mit einem Lesetipp: Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und ihren Erinnerungen an dem Mai 1793 als die Herrschaften aus Mainz fliehen mussten. In diesem Text steht, wie Emigranten sich „zwischen Hoffen und Bangen“ bewegen, der Blick auf die „unsichere Zukunft“, der Ansporn trotz allen Elends eine „Contenance zu bewahren“, der „Verlust des Vertrauten“. Das schreibt sich so leicht, aber manche Migranten haben kaum mehr noch als ihr Leben.

Adelbert von Chamisso (1781-1838) wird von Krechel auch unter die Emigranten gezählt, ein „Sprachwechsler“ schreibt sie und zeigt seine dadurch erworbene Überlegenheit an, die aber oft leider nur in ihren Mängeln gewürdigt wird. „Anpassungsleistungen“ ist das nächste Stichwort, das im Zusammenhang mir Chamisso fällt und für alle Migranten gilt: „Immer lebte er im Dazwischen“ (S. 15), so bringt sie sein Leben auf den Punkt. Das ist die Situation aller Migranten zu allen Zeiten.

Karl Marx wurde auch ab Oktober 1843 zum ständigen Migranten, er gesellte sich zu den Migranten in Paris, entdeckte ihre Elend, kritisierte den preußischen König, was man daheim gar nicht goutierte. Alexander von Humboldt beklagte sich beim französischen König und Marx musste wieder auf Wanderschaft gehen, diesmal nach London, wo Das kommunistische Manifest entsteht. Der staatenlose Marx hatte keinen Pass.

Das Kapitel „Zahlen“ berichtet von dem Gedenkbuch aus dem Jahr 2018: Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste: Jeder Eintrag ein bewegendes Schicksal: Tod in der Fremde durch Ertrinken, Unglücke auf Reisen, Erfrierungen, Selbstmord, etc. „Die Zahl der Flüchtlinge, die „irregulär“ in die EU reisen, haben sich zwischen 2023 und 2024 um 40 Prozent verringert,“ schriebt Krechel und fragt warum? EU-Gelder stützen die lybische Küstenwache… Hier fällt das Wort „irregulär“, das auch rechtlos bedeuten könnte, auf jeden Fall nicht regelkonform, dahinter steckt die Klage, dass wenn der Migrant am Ziel ankommt, wird die Art, wie er ankommt, auf seine Person übertragen, „irregulär“ klingt nach unerwünscht.

Unzählige Dramen spielten sich bei der Einwanderung in die USA im Kontrollzentrum Ellis Island abgespielt haben, so 12 Millionen Menschen zwischen 1892 und 1914 passierten. Alle weiteres Beispiel, das Krechel nennt, fügen dem Bild vom Migranten weitere Aspekte hinzu: „Selbstentwurzelung“ nennt Krechel den Abschied von den Eltern, den z. B. Peter Weiss erzählt hat.

115 Millionen Menschen war laut der UNO-Flüchtlingshilfe 2023 als Flüchtlinge in der ganzen Welt unterwegs: „Das Europa das begehrteste Fluchtziel ist, ist eine Angstfantasie, genährt vom Populismus.“ (S. 65)

Krechel berichtet über viele Einzelschicksale, an denen sie die drängendsten Probleme heutiger Migranten aufzeigt, So auch Milena Jesenská, eine Prager Journalistin, die 1937 eine Unterkunft mit Flüchtlingen aus Deutschland besucht und feststellt, dass sie nicht arbeiten dürfen, „…sie hören die Zeit verrinnen, stehen da und warten auf morgen.“ (S. 75) Die fehlende Beschäftigung, das Nichtstun steht jedem Versuch einer Integration entgegen und Krechel unterstreicht das so berechtigte Mitleid in den Reportagen von Milena Jesenská. – Noch ein Beispiel. Im Kapitel 11 „Stellvertreter“ stellt Krechel den Band Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie (N.V. Noord-Hollandsche Uitgevers Mij, 1939) von Ernst Grünfeld vor, in dem er das „Exil als Lebensform“ (so Sven Papke) untersuchte. Die Reportagen von Jesenská und das Buhc von Grünfeld erreichen offenbar eine Dimension der Analyse hinsichtlich des Exils, die heute den Klagen über „illegale Migranten“ völlig fremd ist.

Ende der 70er Jahre rettete Rupert Neudeck (1939-2016) mit seiner Initiative und der Cap Anamur mehr als 11000 Menschen vor dem Ertrinken im Südchinesischen Meer. Ich erinnere mich gut an seine Erzählung, wie er seinen Kameraden auf der Cap Anamur einen Karton mit Die Pest von Albert Camus mitgebracht hatte: „Die Bibel der NGOs“, sagt er.

Die vier Kapitel über Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehren, sind erschütternd, weil sie zeigen, mit welchem Misstrauen Rückkehrer empfangen wurden. Rückkehrer, Wanderer zwischen Welten, verlieren die immer oder sogar für immer ihre Heimat?

Vertreter einer Partei bei uns, die mit Wort „Remigration“ (Kapitel 24) Wahlwerbung betreiben, nehme es in Kauf, damit Angst und Schrecken zu verbreiten ist. Ihr Populismus verfängt, weil Fremdenhass in Form von gutgemeinter Warnung vor Messerstechern als einfache Lösung präsentiert wird. Mittlerweile denken manche mit Schrecken an die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, die manche Politiker bei uns als Vorbild für ähnliche Behörden bei uns vorschlagen. Dann darf man gleich nochmal daran erinnern, wie Migranten, die bei uns Frieden suchen, stigmatisiert werden, ihre Rechte durch den Begriff „Illegale“ vernebelt werden und straffällige, ausreisepflichtige Migranten dazu dienen Migranten in ein schlechtes Licht zu stellen.

Viele, die heute über Migranten klagen, sollten vorher diesen Essay von Ursula Krechel lesen. Sie entwickelt eine Art Phänomenologie der Entwurzelten, der Menschen und ihren Fluchtbewegungen, gehasst, vertrieben oder geflüchtet nur noch mit ihrem Leben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und sie wissen oft gar nicht ob ihr Ankunftsort schon das Ziel ist. Länder bauen oder Parteien fordern Zäune, um Migranten abzuwehren. Ihnen sagt Krechel: Nicht die Migration bedroht Europa, die Bedrohung kommt aus dem Kern, aus einer Erosion demokratischer Werte.“ (S. 109) Dazu gehört auch das Kapitel 17 „Begriffe“, das den Umgang mit Migranten aus der Sicht der Behörden unter die Lupe nimmt. In Großbuchstaben zitiert sie die Begriffe „Duldung“ und „Kettenduldung“ (S. 117) Menschenverachtend sind sie, weil damit zugleich gesagt wird, dass die Betroffenen keine Perspektive haben. Ihr dürft hier nicht bleiben. Mit solchen Begriffen beginnt der Niedergang, die Abwertung demokratischer Werte. Ihr Essay ist ein gelungenes Plädoyer für mehr Achtung vor den Migranten, die mit der Ankunft bei uns, soviele Hoffnungen mitbringen.

Ursula Krechel
Vom Herzasthma des Exils
Stuttgart: Cotta 2025
ISBN: 978-3-7681-9852-3

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1

Lesebericht: Wilhelm von Humboldt, Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit

Mit diesem Band von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) > Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit setzt Klett-Cotta die Reihe zeitlos-aktueller Werke der Pädagogik und Erziehungsphilosophie aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Gruppe (Ernst Klett Verlag) fort. Nach Johann Amos Comenius, Große Didaktik und John Locke, Einige Gedanken über Erziehung erscheint nun eine Sammlung von Texten, die einen umfassenden Einblick in das Gesamtwerk von Wilhelm von Humboldt vor allem zur Bildung des Menschen vermitteln.

Manfred Geier hat für diesen Band, den wiederum Jürgen Overhoff herausgegeben hat, das Vorwort verfasst. Das Ergebnis ist ein beeindruckender Einblick in das Schaffen von Wilhelm von Humboldt zugunsten seines umfassenden Bildungsanspruchs. Mit der wohl durchdachten Auswahl der Texte in diesem Band aus den Briefen Humboldts und seinen Schriften wird zunächst sein „Weg zur Mündigkeit, 1767-1790“ nachgezeichnet. Selbstvergewisserung und Prinzipientreue sind die Stichwörter des zweiten Kapitels „Selbstbildnis als Lebensprinzip, 1791-1802“. Wahrend seines sechsjährigen Aufenthalts in Rom: „Auf den Spuren der Antike. Rom 1802-1808“ hat Humboldt seine Bildungstheorie vervollständigt und sich dabei, ohne es bereits zu ahnen, auf seine Karriere als „Bildungspolitiker. 1808-1810“ vorbereitet.

Zu Wilhelm von Humboldts Lebensprinzipien gehört „autonomes Selbstsein“ (Geier, S. 13), dessen Begründung er im Stoizismus gefunden hatte, und vor allem die Lehren der Aufklärung sowie auch die konsequente Ablehnung staatlicher Bevormundung. Wenn auch Humboldt Anregungen dankbar aufgriff, so gab es doch wie die Begegnung mit seinem Freund Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort Grenzen, die Geiger so zitiert: „Die Immanenz der Welt kann nicht mit der Transzendenz eines göttlichen Daseins kurzgeschlossen werden.“ (S. 21) Die Reise ins revolutionäre Paris, wo er am 3.August 1789 eintrifft, der Tag, an dem das Feudalsystem abgeschafft wurde, führt ihn zu dem Text Über Religion und Gesetzgebung, in dem er staatliche Autorität kritisiert, die nicht den Menschen als seinen eignen Zweck respektiere. Geiger nennt Humboldt nach Karl Mannheim einen „freischwebenden Intellektuellen“ auf der Such nach dem, was den Menschen antreibt.

Als Humboldt den Absagebrief an König Friedrich Wilhelm II. verfasst, der ihn 1809 zum Chef des preußischen Erziehungswesen ernennen will, denkt er wohl daran, dass er selbst nie in einer Schule war.
Es hilft kein Sträuben, eine Kabinettsorder des Königs folgt und Humboldt hat die Stelle: Aufklärung, Lernen des Lernens, kein äußerer Zwang, Ausbau der universitären Bildung bleiben seine Stichwörter, mit denen er Erfolg hat. Eine nur zweijährige Beschäftigung, aber er ordnet das preußische Unterrichtswesen ganz neu.

Erstaunlich, wie Humboldt seine Selbstfindung dokumentiert und ganz auf die eigene Individualität und die der anderen setzt: „die höchste Moral, die konsequenteste Theorie des Naturrechts“. (S. 71) Es ist dem Herausgeber dieses Bandes gelungen, Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie durch eine kenntnisreiche und kluge Textauswahl auch gerade in ihrer Entwicklung wie in einem Essay, der seinen Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchtet, nachvollziehbar werden zu lassen. So wird 1790 in Über Religion und Gesetzgebung schon über den Gesetzgeber und seine Mittel berichtet, die er nutzt, um die Bildung der Bürger zu fördern, dass diese zweckmäßig seien, wenn „sie die innere Entwicklung der Fähigkeiten und Neigungen begünstigen“, ein Gedanke, der hier  auf das Innere der Seele zielt, eine Veränderung dort bewirkt, aber nie „hervorgebracht werden“ kann. Ein Verbiegen oder eine Veränderung der Individuen ist damit ausgeschlossen: „Denn wahre Tugend ist unabhängig von aller und verträglich mit befohlner, und auf Autorität geglaubter Religion.“ (S. 74) Wir könnten es hier mit dem Lesebericht bewenden lassen, denn präziser kann die Individualität des Lernenden, die es zu schützen gilt, kaum ausgedrückt werden.

Am 16. August 1791 schreibt Humboldt an Georg Forster und kommt wieder auf die Bildung der Individuen zurück. Das erste Gesetz der Moral laute: „Bilde dich selbst,“ und das zweite „Wirke auf andere durch das, was Du bist…“.  (S. 86) Von diesem Maximen möchte Humboldt sich nicht trennen, hat er doch hier auch festgelegt, welches Lehrerbild ihm vorschwebt.

Der Essaycharakter der Auswahl der vorliegenden Texte erweist sich wiederholt, wenn die Auswahl zum zweiten Mal gelesen wird, weil dann erst manche Aussagen erst wirklich ihren verdienten Stellenwert erhalten, so z. B. der Brie fan Friedrich Gentz im Winter 1791: „Wir rühmen uns mehr der menschlichen Erfindungen als der menschlichen Kräfte…“ (S. 91 f.) Was im Menschen zusammengehört wie Vernunft und Sinnlichkeit ist der Kern von Humboldts Menschenbild (vgl. ebd.), woraus man auch die Bedeutung der Ästhetik für die Bildung ableiten darf. In den  Ideen über Staatsverfassung durch die neue französische Constitution veranlasst: es geht hier um Wirkung und Bildung, Kraft, sagt Humboldt, und wiederum „Selbstthätigkeit“ (= selbständiges Arbeiten) und verbindet sie sogleich mit der Freiheit und die Einbettung in die Geschichte als historischen Prozess. Humboldt sagt: „Dass kein einzelner Zustand der Menschen und Dinge Aufmerksamkeit verdient an sich, sondern nur im Zusammenhang mit dem vorhergehenden und folgenden Dasein….“ (S. 96) Diese Bemerkung, so wie sie hier gemeint ist, verweist nicht auf Resultate, sondern auf die (individuellen) Kräfte, die hier am Werk sind. Der Leser spürt hier, wie der Herausgeber Humboldt dazu bringt, hier sein Menschenbild vorzuführen.

Am 1. Juni 1792 nennt Humboldt in seinem Brief an Georg Forster wieder die „innere Kraft des Menschen“ (S. 98) als den einzigen Stoff, dem alles unterzuordnen sei. Man habe sich angewöhnt nur auf Resultate zu achten, er vermisse aber die Aufmerksamkeit auf die „Kraft und die Energie der Menschen“, durch die Resultate von selber kommen und die Aufklärung komme mit dazu (vgl. S. 99). Nichts anderes steht in den Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmn. 1792, wenn Humboldt im II. Abschnitt „Der Endzweck des Menschen“ „die höchste und proportionirlichste Bindung seiner Kräfte zu einem Ganzen“ (S. 106) als eben seinen Zweck beschreibt. Seine Bedingung ist die Freiheit und „Mannigfaltig der Situationen“ (ebd.) als Folge der eben dieser Freiheit wieder ein weiterer Baustein der Anthropologie Hmboldts. Sartre nannte den Menschen in seinen Vorwort zu seiner Flaubert-Studie „un universel singulier“, ein „einzelnes Allgemeines“. Im Kapitel VI. „Über öffentliche Staatserziehung“ steht: Erziehung, die den Menschen bildet, benötigt den Saat nicht: „Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung…“, (S.116) womit wir wieder beim Lehrerbild sind. Wie gesagt, was man zunächst überliest, wird in diesem Essayband durch weitere Bausteine in Erinnerung gerufen und so zurechtgerückt: „Öffentliche Erziehung scheint mir daher ganz ausserhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten muss […]. (S. 117)

In Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück 1794/95 steht: Was der Mensch nothwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache.“ (S. 134) In Das achtzehnte Jahrhundert. 1797 steht eine Klage über viele Perioden unseres Lebens, die uns durch Hindernissse niederdrücken und die Ausübung unserer Kräfte “ in ihrer vollen und natürlichen Energie“ (S. 155) behindern. Gemeint ist hier auch der freie Wille und zugleich auch eine Selbstgenügsamkeit: Seine Menschenkenntnis ist für Humboldt der Grund, „warum ich nie etwas hervorbringen werde, was der Mühe wert sey, mich zu überleben.“ (S. 166)

Humboldts zweijährige Tätigkeit als Bildungspolitiker ist deshalb so interessant, weil er alle Vorgänge, die er um sich herum beobachtet, auch in seinen Briefen an seinem Menschenbild misst. Aber er wird auch deutlich. Unterrichtsbesuche: „Ich komme, ohne daß man es weiß.“ (S. 221) Das ist für ihn amüsanter als Akten lesen. Und dann der „Königsberger Schulplan“, gefolgt vom litauischen Schulplan“, beide klüger als die heutigen Kompetenzkataloge, deren Vermittlung und Prüfung den Lehrer immer unentbehrlicher machen und so gar nichts mit der Art und Weise zu tun, wie die Lehrer sich in Humboldts Lehrplänen überflüssig machen sollen. (vgl S. 237)

Wie nennt Humboldt staatliche Bildung? Das „Verbesserungsgeschäft der Nation“, das alle Seiten berücksichtigen muss, die Jugend und die Erwachsenen. Die Schulen haben den Zögling auf die Universität vorzubereiten, so dass dieser „physisch, sittlich und intellektuell der Freiheit und Selbstthätigkeit überlassen werden kann…“ (S. 283). „Ein so vorbereitetes Gemüth nun ergreift die Wissenschaft von selbst….“ (S. 283)

Wilhelm von Humboldt
> Bildungstrieb und Freiheitsdrang
Über die Erziehung zur Mündigkeit
Hrsg. von Jürgen Overhoff
mit einem Vorwort von Manfred Geier
Stuttgart: Klett-Cotta 2022, 336 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-608-98670-9

Lesebericht: Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. Eine Biographie

Mit seiner Biographie über  den Historiker > Ernst Kantorowicz (Posen 1895 – Princeton N.J. 1963) hat Robert E. Lerner einem sehr bemerkenswerten Lebenslauf ein ebenso beeindruckendes Buch gewidmet. Ernst Kantorowicz ist vor allem wegen seiner beiden großen Bücher > Kaiser Friedrich II (Berlin 1927;  wiederaufgelegt: Mit einem biographischen Nachwort von Eckhart Grünewald: Stuttgart, Klett-Cotta 5. Druckaufl. 2019) und  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957), die auch heute noch den Rang von wichtigen Standardwerken haben, bekannt geworden.

Auf der letzten Seite seiner Biographie (S. 456) fasst Lerner Kantorowicz‘ Leben zusammen: der Likörfabrikantensohn gerät in die Schützengräben um Verdun, nach dem Ende des Krieges kämpft er gegen die bayrische Räterepublik. Am Anfang der Weimarer Republik kommt er den Kreis um > Stefan George. Mutig stellt er sich dem Nationalsozialismus entgegen und ihm gelingt kurz nach der ‚Reichskristallnacht‘ 1938 die Flucht über die Niederlande in die USA. Er erhält eine Stelle in Berkeley, die ist aber prekär, er muss immer wieder um die Verlängerung bangen, bis er schließlich doch auf einen Lehrstuhl berufen wird. Die McCarthy-Ära bringt ihn in neue Schwierigkeiten wegen des Loyalitätseides. Nach der Annahme des Rufs nach Princeton kann er dort seine Forschungen fortsetzen.

Er gehörte zu den 13 Schülern des Abiturjahrgangs 1913, zu dem einmal 48 gehört hatten. Auch wenn er in Geschichte nur „Genügend“ hatte, hindert ihn das nicht daran, ein berühmter Historiker zu werden. Während seines Studiums kam in den Kreis um > Stefan George. (vgl. S. 70-102) – 1921 hatte seine Dissertation Das Wesen der muslimischen Handwerksverbände und bei Eberhard Gothein (1853-1923) eingereicht. – Das Verhältnis mit dem Dichter George wurde so eng, dass dieser die Druckfahnen von Friedrich II. sorgfältig korrigierte und darauf achtete, dass auch sein Stil berücksichtigt wurde: „Mehr denn ein Jahrzehnt hatte [Friedrich II.] gerichtet gewaltet und gewütet.“ (zit. auf S. 123) : Die gewaltige Figur Asyndeton und fehlende Kommata… „George war der Prophet des Geheimen Deutschlands, zu dem Kantorowicz gehören wollte.“ (S. 99) Das Kapitel über St. George (S. 84-102) ist auch ein wichtiges Kapitel der Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Kantorowicz sollte sich in seinem Leben von George abwenden und einen Linksschwenk vollziehen.

EKa, wie er sich von seinen Schülern nennen ließ, konnte es sich aufgrund seiner Wohlhabenheit leisten, die Habilitation erst einmal zu verschieben und sich der Biographie über Kaiser Friedrich II. zu widmen. In der Tat, mit 31 Jahre verfasste ein noch unbekannter Historiker diese bemerkenswerte Biographie, die ihm die mehr oder weniger laute Kritik einiger Vertreter seine Zunft (vgl. S. 152-163) einbrachte: Auf dem Historikertag 1930 in Halle erhielt Kantorowicz Gelegenheit, sein Buch über Friedrich II. mit seinen methodischen Ansatz vor der gesamten Historikerzunft erfolgreich zu verteidigen: Eckhart Grünewald > Sanctus amor patriae dat animum – ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930 (Mit Edition), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters / Zeitschriftenband (1994) / Zeitschriftenteil / Artikel / 89 – 126 – http://www.digizeitschriften.de/dms/resolveppn/?PID=GDZPPN000360287. Der hier zitierte Artikel von Eckhart Grünewald enthält zum ersten Mal den Text des Vortrages: Ernst Kantorowicz, Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte – auch heute noch ein sehr wichtiger Grundlagentext: „Sie sehen, worauf es hier ankommt: der eine Schluß benötigt nur den rechnenden Verstand, der andere außerdem die schöpferische Vorstellung, die imagination créatrice.“ (loc cit., S. 115).

Im Kapitel 9 „Auf dem Weg zur wissenschaftlichen Karriere“ wird sein Weg zum Hochschullehrer erzählt. Allerdings hat er vorher noch den Ergänzungsband für Kaiser Friedrich II fertiggestellt. (S. 169-177) . Bei Klett-Cotta ist der Band leider vergriffen. Vielleicht war dieser Band auch eine Antwort auf die Kritik am Grad der Wissenschaftlichkeit  der Biographie über Friedrich II. Einer solchen Meinung kann dieser Band mit dem sehr umfangreichen Apparat an wissenschaftlichen Belegen einschließlich der 10 Zusatzkapitel beruhigt widersprechen. Im Vorwort erinnert EKa an seine Methode: dass „… durch noch so ausgedehnte Quellenbezüge sich niemals das Wesentliche  beweisen läßt; die Grundauffassung […]  und als deren Ergebnis: das historische Bild.“ (zit auf S. 169)

Es folgt die Bewerbung in Frankfurt mit großen Schwierigkeiten und schließlich beginnt er als ordentlicher Professor im Wintersemester 1931/32 dort zu lehren. Der Bericht über die folgenden Jahre bis 1938 – mit einem Aufenthalt in Oxford (S, 211-234) und seiner Flucht aus Deutschland 1938 zeigen einen EKa der vor allem den Grundsätzen seines Faches in diesen stürmischen Zeiten treu bleibt und alles daran setzt, seine Lehre zu verteidigen, ohne je seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Dabei half ihm auch sein ausgedehntes Netzwerk, das hier in einer eigentlich über den Rahmen einer Biographie hinausgehen Maße vorgestellt wird. Das ist aber auch nötig, denn sonst können die Erfolge EKas kaum nachvollzogen werden. Später wird er bei anderen Gelegenheiten alles daran setzten, auch Andere in misslichen Lagen, besonders wenn er die Freiheit der Lehre bedroht sieht, nahezu bedingungslos zu verteidigen.

In den USA beginnt seine Stellensuche wieder von neuem, bevor er in Berkeley nach immer neuen Zeitverträgen auch dort wieder auf einen Lehrstuhl berufen wird. Kantorowic war keinesfalls nur Mittelalterhistoriker. Er war zudem ungeheuer produktiv. In Berkeley sind seine getippten Vorlesungen mit 6000 Seiten in 22 Ringordnern erhalten (S. 325). Zwischendurch erscheint Laudes regiae (S. 287-300), in dem er die Ursprünge und die Transformation von „Christus vincit“ untersucht. Landers Kapitel zu diesem Buch ist ein vorzügliche Einführung, die den Leser auffordert, Laudes regiae  nochmal zur Hand zu nehmen.

Bis Juni 1949 war für EKa die Welt in Ordnung, als mit dem Streit um den kalifornischen Loyalitätseid (S. 371-391) durch die ausbrechenden Kommunistenangst entstand. EKa weigerte sich den erweiterten Eid abzulegen und verstand ihn als Gesinnungsschnüffelei. Ihm ging es um, die persönliche und berufliche Ehre, sowie die Freiheit der Lehre. Auch zeigt er sich empört, dass die Autoren und die Verteidiger des Eides nicht verstanden, dass die Universität mit ihrem Lehrkörper eine Einheit bildet. Er war der Überzeugung, dass diese Einheit sich durch nichts auseinanderdividieren lasse dürfe. Schließlich verlor er seine lebenslange Stellung in Berkeley und war sicher auch daran erinnert, dass er schon einmal aufgrund einer Ideologie schon einmal gezwungen war, seine Lebensstellung aufzugeben. Sein unbedingtes Eintreten für die Idee der Universität wirkt auch heute noch sehr inspirierend und lehrreich.

Ernst H. Kantorowicz, > The Fundamental Issue. Documents and Marginal Notes on the University of California Loyalty Oath – Auf der Website der Universität Berkeley
sowie in: Walter Seitter, Schriften zur Verkehrswissenschaft 16(1991) S. 33-75: vgl, dazu die Anmerkung 4, Lerner, S. 527.

Zur Unterstützung des Berufungsverfahrens nach Princeton empfahl > Felix Gilbert (1905-1991): „Seine Arbeit und seine Interessen überschreiten das Gebiet der mittelalterlichen Geschichte, wie es üblicherweise chronologisch, geographisch, thematisch und methodisch definiert wird. Chronologisch reichen sie von der klassischen Antike bis ins fünfzehnte oder sechzehnte Jahrhundert. Thematisch-methodisch widmen sie sich komplizierten und facettenreichen Problemen und durchleuchten sie aus all den verschiedenen Blickwinkeln, die ihm seine Kenntnis noch der verstreutesten Spezialgebiete und Methoden erlauben.“ (zit. auf S. 396)

Er hatte Glück und bekam einen Ruf nach Princeton, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Dort entstand ein weiteres wichtiges Buch: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957). Sein Biograph nennt das Buch eine „Ansammlung derartiger Schmuckstücke unter einem Buchdeckel… : das Kabinett des Dr. Kantorowicz.“ Die Formulierung ist wunderbar. Eine grundlegende These gibt es nicht in diesem auch heute unüberholten Standardwerk, das Historikern eine reiche Fundgrube überreicht, ja ein Vademekum der Macht ist. Lerner nennt das Buch eine „Anthologie verschiedener Diskussionen zur Transformation christlich-theologischer in politische Formulierungen“ (S. 417). Es fällt auf, dass die Politische Theologie (1922) von Carl Schmitt (1888-1885) von Kantorowicz nie genannt wird. EKas Buch ist auch ein Forschungsbericht, wie man sich diesem Thema nähern kann, welche Bedeutungslinien man nachgehen muss, wie man wieder zur eigentlichen Frage zurückkommt. Wir dürfen hier die These wagen, dass Verfassungsgeschichte des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit und darüber hinaus mit diesem Buch eine unverzichtbare Grundlage erhält. Wenn man sich an seinen Sprachduktus gewöhnt hat lernt man schnell die entscheidenden Passagen Seiten und Kapitel in diesem Buch aufzufinden: Kirche, Staat, der politische Körper, die Stellung des Königs, Corpus mysticum, Rex et patria, Kontinuität; aeternitas, aevum und tempus, er König stirbt nie (S. 405): ein exzellentes Buch für ein spannendes Hauptseminar.

Jean Lebrun sprach mit dem Historiker Jacques Delarun > Ernst Kantorowicz (1895-1963) et les deux corps du roi – France-inter – 21. August 2019 – 28 Minuten

Das Kapitel über Die zwei Körper des Königs (S. 409-429) erinnert auch an Kantorowicz‘ historiographische Grundsätze: „Nie könne Geschichte das ‚Warum‘ von Geschichte erklären, weil die Welt sich nicht auf ein „weil“ hin entwickle. 1954 hat er diesen Grundsatz in einem Brief erläutert: „Hier, Verehrtester, meine Skepsis bezüglich der Erklärbarkeit historischer Phänomene. Sie können zur Not erklären, wie etwas Vorhandenes entstanden ist. Aber warum es entstanden ist, oder gar warum es irgendwo nicht entstanden ist, entzieht sich meiner Ansicht nach unserer Urteilsfähigkeit. Warum ist überhaupt eine Frage, die nur Theologen und Kinder – Pardon: ich vergaß ‚Geschichtsphilosophen‘ stelle, […] der Historiker fragt ; Wie ? und nie Warum! Und die Antwort ist darum nie ein Weil sondern ein So.“ S. 367

Am 9. September 1963 ist Ernst Kantorowicz in Princeton verstorben.

Robert E. Lerner
Ernst Kantorowicz
Eine Biographie
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gruber (Orig.: Ernst Kantorowicz)
1. Aufl. 2019, 554 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Tafelteil mit 25 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-96199-7

 

Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch

Stephan Detjen ist Jurist und Historiker. Er leitet in Berlin das Hauptstadtbüro vom Deutschlandradio. Im August 2015 warfen Kritiker der Bundesregierung „ständigen Rechtsbruch“ vor. In ihrem Buch, das er und Maximilian Steinbeis verfasst haben, prüfen sie diese Behauptung und zeigen, wie deren ungeprüfte Weitergabe an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt. Wie kommt es aber zu dem Titel Die Zauberlehrlinge Mit dem Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“? Klett-Cotta: Stuttgart 2019. Vergriffen.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2019 für den Blog von Klett-Cotta verfasst und mit diesem Video dort veröffentlicht.

Erst kamen die Flüchtlinge in so großer Zahl im Sommer 2015 über Ungarn nach Deutschland, dann schrieb Ulrich Vosgerau, eine Staatsrechtsdozent aus Köln,in der Zeitschrift Cicero einen Artikel mit der Überschrift „Die Herrschaft des Unrechts“. Wie konnte es aber passieren, dass diese Auffassung eine so steile politische Karriere machte?

Die Kritiker sprachen von Rechtsbruch, ohne aber tragfähige Alternativen aufzuzeigen: Im Vordergrund stand die Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen geöffnet zu haben. Nun die Grenzen war offen, da gab es nichts zu öffnen. Horst Seehofer verlieh dem Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ kurz vor dem Aschermittwoch 2018  seinen ministeriellen Segen, in dem er ihn in einem Interview nannte und so eine Granate nach Berlin abschoss, war das populistisch, darf man fragen.

In Deutschland habe mit den Folgen der These vom Rechtsbruch, so beide Autoren, habe die „Rechtskultur gelitten“, Stephan Detjen sprach im Studio 9 auch von einer „Erosion des Rechtsbewusstseins“, kann man damit den Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl deuten?

Die Gretchenfrage: Hatte die Bundesregierung im August/September 2015 eine Handlungsalternative? Die Grenzen schließen? Die Fehler und die Versäumnisse der Bundesregierung liegen aber wohl woanders: „Die Bundesregierung hat viel zu lange geglaubt, das Problem vernebeln und sich alle Optionen offen halten zu können, anstatt öffentlich aufzuklären darüber, auf welche rechtlichen Vorgaben sie ihr Tun und Unterlassen gründet.“ (S. 231)

Damit ist die Bundesregierung aber nicht allein. Sie und Herr Steinbeis nehmen aber auch die Juristen in den Blick, die das Europarecht irgendwie nicht richtig auf dem Schirm hatten. Und die Medien geraten auch in das Visier von ihnen beiden. Die Medien hätten sich von der „Kraft der Erzählung von der angeblichen Herrschaft des Unrechts“ faszinieren lassen und so indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen.

Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis
Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Das Buch ist leider vergriffen.
1. Aufl. 2019, ca. 176 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-96430-1

Zu diesem Thema vgl. auf > www.france-blog.info: > Les réfugiés, les migrants, les demandeurs d’asile et les droits de l’homme. Une interview de la Présidente de la CNCDH > www.france.blog.info – 28. Januar 2016 von H. Wittmann