Rezension : Ursula Krechel, Vom Herzasthma des Exils

Ursula Krechel, Vom Herzasthma des ExilsDas Thema der Migranten ist spätestens seit der Versicherung von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir schaffen das!“ zu einem ganz besonderen Reizthema geworden, das besonders von einer Partei am ganzen rechten Rand zum populistischen Stimmenfang genutzt wird: vgl. > Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Ursula Krechel hat zu diesen Themen für die kleine weiße Reihe bei Cotta einen sehr bemerkenswerten Essay verfasst: > Vom Herzasthma des Exils. Sie hat sich vorgenommen „Etappen, Widersprüche und Konsequenzen der Migrationsgeschichte von der französischen Revolution bis ins 21. Jahrhundert“ (so der Klappentext) in den Blick zu nehmen. Das ist wahrlich ein anderer Blick auf Migranten, als bei diesem Thema von einem Zaun rund um Deutschland zu schwadronieren. Auf dem Klappentext steht auch: Krechel „stößt auf eine Einwanderungsgesellschaft, die keine sein will, die sich der elementaren Einsicht verweigert, dass diejenigen, die sich auf den unberechenbaren Weg machen, den Respekt der Sesshaften verdienen.“ Damit ist der Ton dieses Buches angeschlagen. Jedes einzelne Wort dieses Satzes trägt ein Argument zum Schutz der Migranten in sich, der in der Forderung nach mehr Respekt gegenüber denjenigen, die meist aus furchtbaren Gründen wie Krieg, Naturkatastrophen und Verfolgungen jeder Art sich oft auf einen sehr beschwerlichen und gefährlichen Weg machen, ihr Leben riskieren, um in Sicherheit für Leib und Leben zu gelangen, das als ein Menschenrecht man ihnen doch nicht absprechen dürfte.

In 24 Kapiteln fächert Ursula Krechel, die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Migrationsströme seit der Französischen Revolution auf. Sie beginnt mit einem Lesetipp: Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und ihren Erinnerungen an dem Mai 1793 als die Herrschaften aus Mainz fliehen mussten. In diesem Text steht, wie Emigranten sich „zwischen Hoffen und Bangen“ bewegen, der Blick auf die „unsichere Zukunft“, der Ansporn trotz allen Elends eine „Contenance zu bewahren“, der „Verlust des Vertrauten“. Das schreibt sich so leicht, aber manche Migranten haben kaum mehr noch als ihr Leben.

Adelbert von Chamisso (1781-1838) wird von Krechel auch unter die Emigranten gezählt, ein „Sprachwechsler“ schreibt sie und zeigt seine dadurch erworbene Überlegenheit an, die aber oft leider nur in ihren Mängeln gewürdigt wird. „Anpassungsleistungen“ ist das nächste Stichwort, das im Zusammenhang mir Chamisso fällt und für alle Migranten gilt: „Immer lebte er im Dazwischen“ (S. 15), so bringt sie sein Leben auf den Punkt. Das ist die Situation aller Migranten zu allen Zeiten.

Karl Marx wurde auch ab Oktober 1843 zum ständigen Migranten, er gesellte sich zu den Migranten in Paris, entdeckte ihre Elend, kritisierte den preußischen König, was man daheim gar nicht goutierte. Alexander von Humboldt beklagte sich beim französischen König und Marx musste wieder auf Wanderschaft gehen, diesmal nach London, wo Das kommunistische Manifest entsteht. Der staatenlose Marx hatte keinen Pass.

Das Kapitel „Zahlen“ berichtet von dem Gedenkbuch aus dem Jahr 2018: Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste: Jeder Eintrag ein bewegendes Schicksal: Tod in der Fremde durch Ertrinken, Unglücke auf Reisen, Erfrierungen, Selbstmord, etc. „Die Zahl der Flüchtlinge, die „irregulär“ in die EU reisen, haben sich zwischen 2023 und 2024 um 40 Prozent verringert,“ schriebt Krechel und fragt warum? EU-Gelder stützen die lybische Küstenwache… Hier fällt das Wort „irregulär“, das auch rechtlos bedeuten könnte, auf jeden Fall nicht regelkonform, dahinter steckt die Klage, dass wenn der Migrant am Ziel ankommt, wird die Art, wie er ankommt, auf seine Person übertragen, „irregulär“ klingt nach unerwünscht.

Unzählige Dramen spielten sich bei der Einwanderung in die USA im Kontrollzentrum Ellis Island abgespielt haben, so 12 Millionen Menschen zwischen 1892 und 1914 passierten. Alle weiteres Beispiel, das Krechel nennt, fügen dem Bild vom Migranten weitere Aspekte hinzu: „Selbstentwurzelung“ nennt Krechel den Abschied von den Eltern, den z. B. Peter Weiss erzählt hat.

115 Millionen Menschen war laut der UNO-Flüchtlingshilfe 2023 als Flüchtlinge in der ganzen Welt unterwegs: „Das Europa das begehrteste Fluchtziel ist, ist eine Angstfantasie, genährt vom Populismus.“ (S. 65)

Krechel berichtet über viele Einzelschicksale, an denen sie die drängendsten Probleme heutiger Migranten aufzeigt, So auch Milena Jesenská, eine Prager Journalistin, die 1937 eine Unterkunft mit Flüchtlingen aus Deutschland besucht und feststellt, dass sie nicht arbeiten dürfen, „…sie hören die Zeit verrinnen, stehen da und warten auf morgen.“ (S. 75) Die fehlende Beschäftigung, das Nichtstun steht jedem Versuch einer Integration entgegen und Krechel unterstreicht das so berechtigte Mitleid in den Reportagen von Milena Jesenská. – Noch ein Beispiel. Im Kapitel 11 „Stellvertreter“ stellt Krechel den Band Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie (N.V. Noord-Hollandsche Uitgevers Mij, 1939) von Ernst Grünfeld vor, in dem er das „Exil als Lebensform“ (so Sven Papke) untersuchte. Die Reportagen von Jesenská und das Buhc von Grünfeld erreichen offenbar eine Dimension der Analyse hinsichtlich des Exils, die heute den Klagen über „illegale Migranten“ völlig fremd ist.

Ende der 70er Jahre rettete Rupert Neudeck (1939-2016) mit seiner Initiative und der Cap Anamur mehr als 11000 Menschen vor dem Ertrinken im Südchinesischen Meer. Ich erinnere mich gut an seine Erzählung, wie er seinen Kameraden auf der Cap Anamur einen Karton mit Die Pest von Albert Camus mitgebracht hatte: „Die Bibel der NGOs“, sagt er.

Die vier Kapitel über Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehren, sind erschütternd, weil sie zeigen, mit welchem Misstrauen Rückkehrer empfangen wurden. Rückkehrer, Wanderer zwischen Welten, verlieren die immer oder sogar für immer ihre Heimat?

Vertreter einer Partei bei uns, die mit Wort „Remigration“ (Kapitel 24) Wahlwerbung betreiben, nehme es in Kauf, damit Angst und Schrecken zu verbreiten ist. Ihr Populismus verfängt, weil Fremdenhass in Form von gutgemeinter Warnung vor Messerstechern als einfache Lösung präsentiert wird. Mittlerweile denken manche mit Schrecken an die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, die manche Politiker bei uns als Vorbild für ähnliche Behörden bei uns vorschlagen. Dann darf man gleich nochmal daran erinnern, wie Migranten, die bei uns Frieden suchen, stigmatisiert werden, ihre Rechte durch den Begriff „Illegale“ vernebelt werden und straffällige, ausreisepflichtige Migranten dazu dienen Migranten in ein schlechtes Licht zu stellen.

Viele, die heute über Migranten klagen, sollten vorher diesen Essay von Ursula Krechel lesen. Sie entwickelt eine Art Phänomenologie der Entwurzelten, der Menschen und ihren Fluchtbewegungen, gehasst, vertrieben oder geflüchtet nur noch mit ihrem Leben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und sie wissen oft gar nicht ob ihr Ankunftsort schon das Ziel ist. Länder bauen oder Parteien fordern Zäune, um Migranten abzuwehren. Ihnen sagt Krechel: Nicht die Migration bedroht Europa, die Bedrohung kommt aus dem Kern, aus einer Erosion demokratischer Werte.“ (S. 109) Dazu gehört auch das Kapitel 17 „Begriffe“, das den Umgang mit Migranten aus der Sicht der Behörden unter die Lupe nimmt. In Großbuchstaben zitiert sie die Begriffe „Duldung“ und „Kettenduldung“ (S. 117) Menschenverachtend sind sie, weil damit zugleich gesagt wird, dass die Betroffenen keine Perspektive haben. Ihr dürft hier nicht bleiben. Mit solchen Begriffen beginnt der Niedergang, die Abwertung demokratischer Werte. Ihr Essay ist ein gelungenes Plädoyer für mehr Achtung vor den Migranten, die mit der Ankunft bei uns, soviele Hoffnungen mitbringen.

Ursula Krechel
Vom Herzasthma des Exils
Stuttgart: Cotta 2025
ISBN: 978-3-7681-9852-3

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1

Lesebericht: Wilhelm von Humboldt, Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit

Mit diesem Band von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) > Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit setzt Klett-Cotta die Reihe zeitlos-aktueller Werke der Pädagogik und Erziehungsphilosophie aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Gruppe (Ernst Klett Verlag) fort. Nach Johann Amos Comenius, Große Didaktik und John Locke, Einige Gedanken über Erziehung erscheint nun eine Sammlung von Texten, die einen umfassenden Einblick in das Gesamtwerk von Wilhelm von Humboldt vor allem zur Bildung des Menschen vermitteln.

Manfred Geier hat für diesen Band, den wiederum Jürgen Overhoff herausgegeben hat, das Vorwort verfasst. Das Ergebnis ist ein beeindruckender Einblick in das Schaffen von Wilhelm von Humboldt zugunsten seines umfassenden Bildungsanspruchs. Mit der wohl durchdachten Auswahl der Texte in diesem Band aus den Briefen Humboldts und seinen Schriften wird zunächst sein „Weg zur Mündigkeit, 1767-1790“ nachgezeichnet. Selbstvergewisserung und Prinzipientreue sind die Stichwörter des zweiten Kapitels „Selbstbildnis als Lebensprinzip, 1791-1802“. Wahrend seines sechsjährigen Aufenthalts in Rom: „Auf den Spuren der Antike. Rom 1802-1808“ hat Humboldt seine Bildungstheorie vervollständigt und sich dabei, ohne es bereits zu ahnen, auf seine Karriere als „Bildungspolitiker. 1808-1810“ vorbereitet.

Zu Wilhelm von Humboldts Lebensprinzipien gehört „autonomes Selbstsein“ (Geier, S. 13), dessen Begründung er im Stoizismus gefunden hatte, und vor allem die Lehren der Aufklärung sowie auch die konsequente Ablehnung staatlicher Bevormundung. Wenn auch Humboldt Anregungen dankbar aufgriff, so gab es doch wie die Begegnung mit seinem Freund Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort Grenzen, die Geiger so zitiert: „Die Immanenz der Welt kann nicht mit der Transzendenz eines göttlichen Daseins kurzgeschlossen werden.“ (S. 21) Die Reise ins revolutionäre Paris, wo er am 3.August 1789 eintrifft, der Tag, an dem das Feudalsystem abgeschafft wurde, führt ihn zu dem Text Über Religion und Gesetzgebung, in dem er staatliche Autorität kritisiert, die nicht den Menschen als seinen eignen Zweck respektiere. Geiger nennt Humboldt nach Karl Mannheim einen „freischwebenden Intellektuellen“ auf der Such nach dem, was den Menschen antreibt.

Als Humboldt den Absagebrief an König Friedrich Wilhelm II. verfasst, der ihn 1809 zum Chef des preußischen Erziehungswesen ernennen will, denkt er wohl daran, dass er selbst nie in einer Schule war.
Es hilft kein Sträuben, eine Kabinettsorder des Königs folgt und Humboldt hat die Stelle: Aufklärung, Lernen des Lernens, kein äußerer Zwang, Ausbau der universitären Bildung bleiben seine Stichwörter, mit denen er Erfolg hat. Eine nur zweijährige Beschäftigung, aber er ordnet das preußische Unterrichtswesen ganz neu.

Erstaunlich, wie Humboldt seine Selbstfindung dokumentiert und ganz auf die eigene Individualität und die der anderen setzt: „die höchste Moral, die konsequenteste Theorie des Naturrechts“. (S. 71) Es ist dem Herausgeber dieses Bandes gelungen, Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie durch eine kenntnisreiche und kluge Textauswahl auch gerade in ihrer Entwicklung wie in einem Essay, der seinen Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchtet, nachvollziehbar werden zu lassen. So wird 1790 in Über Religion und Gesetzgebung schon über den Gesetzgeber und seine Mittel berichtet, die er nutzt, um die Bildung der Bürger zu fördern, dass diese zweckmäßig seien, wenn „sie die innere Entwicklung der Fähigkeiten und Neigungen begünstigen“, ein Gedanke, der hier  auf das Innere der Seele zielt, eine Veränderung dort bewirkt, aber nie „hervorgebracht werden“ kann. Ein Verbiegen oder eine Veränderung der Individuen ist damit ausgeschlossen: „Denn wahre Tugend ist unabhängig von aller und verträglich mit befohlner, und auf Autorität geglaubter Religion.“ (S. 74) Wir könnten es hier mit dem Lesebericht bewenden lassen, denn präziser kann die Individualität des Lernenden, die es zu schützen gilt, kaum ausgedrückt werden.

Am 16. August 1791 schreibt Humboldt an Georg Forster und kommt wieder auf die Bildung der Individuen zurück. Das erste Gesetz der Moral laute: „Bilde dich selbst,“ und das zweite „Wirke auf andere durch das, was Du bist…“.  (S. 86) Von diesem Maximen möchte Humboldt sich nicht trennen, hat er doch hier auch festgelegt, welches Lehrerbild ihm vorschwebt.

Der Essaycharakter der Auswahl der vorliegenden Texte erweist sich wiederholt, wenn die Auswahl zum zweiten Mal gelesen wird, weil dann erst manche Aussagen erst wirklich ihren verdienten Stellenwert erhalten, so z. B. der Brie fan Friedrich Gentz im Winter 1791: „Wir rühmen uns mehr der menschlichen Erfindungen als der menschlichen Kräfte…“ (S. 91 f.) Was im Menschen zusammengehört wie Vernunft und Sinnlichkeit ist der Kern von Humboldts Menschenbild (vgl. ebd.), woraus man auch die Bedeutung der Ästhetik für die Bildung ableiten darf. In den  Ideen über Staatsverfassung durch die neue französische Constitution veranlasst: es geht hier um Wirkung und Bildung, Kraft, sagt Humboldt, und wiederum „Selbstthätigkeit“ (= selbständiges Arbeiten) und verbindet sie sogleich mit der Freiheit und die Einbettung in die Geschichte als historischen Prozess. Humboldt sagt: „Dass kein einzelner Zustand der Menschen und Dinge Aufmerksamkeit verdient an sich, sondern nur im Zusammenhang mit dem vorhergehenden und folgenden Dasein….“ (S. 96) Diese Bemerkung, so wie sie hier gemeint ist, verweist nicht auf Resultate, sondern auf die (individuellen) Kräfte, die hier am Werk sind. Der Leser spürt hier, wie der Herausgeber Humboldt dazu bringt, hier sein Menschenbild vorzuführen.

Am 1. Juni 1792 nennt Humboldt in seinem Brief an Georg Forster wieder die „innere Kraft des Menschen“ (S. 98) als den einzigen Stoff, dem alles unterzuordnen sei. Man habe sich angewöhnt nur auf Resultate zu achten, er vermisse aber die Aufmerksamkeit auf die „Kraft und die Energie der Menschen“, durch die Resultate von selber kommen und die Aufklärung komme mit dazu (vgl. S. 99). Nichts anderes steht in den Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmn. 1792, wenn Humboldt im II. Abschnitt „Der Endzweck des Menschen“ „die höchste und proportionirlichste Bindung seiner Kräfte zu einem Ganzen“ (S. 106) als eben seinen Zweck beschreibt. Seine Bedingung ist die Freiheit und „Mannigfaltig der Situationen“ (ebd.) als Folge der eben dieser Freiheit wieder ein weiterer Baustein der Anthropologie Hmboldts. Sartre nannte den Menschen in seinen Vorwort zu seiner Flaubert-Studie „un universel singulier“, ein „einzelnes Allgemeines“. Im Kapitel VI. „Über öffentliche Staatserziehung“ steht: Erziehung, die den Menschen bildet, benötigt den Saat nicht: „Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung…“, (S.116) womit wir wieder beim Lehrerbild sind. Wie gesagt, was man zunächst überliest, wird in diesem Essayband durch weitere Bausteine in Erinnerung gerufen und so zurechtgerückt: „Öffentliche Erziehung scheint mir daher ganz ausserhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten muss […]. (S. 117)

In Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück 1794/95 steht: Was der Mensch nothwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache.“ (S. 134) In Das achtzehnte Jahrhundert. 1797 steht eine Klage über viele Perioden unseres Lebens, die uns durch Hindernissse niederdrücken und die Ausübung unserer Kräfte “ in ihrer vollen und natürlichen Energie“ (S. 155) behindern. Gemeint ist hier auch der freie Wille und zugleich auch eine Selbstgenügsamkeit: Seine Menschenkenntnis ist für Humboldt der Grund, „warum ich nie etwas hervorbringen werde, was der Mühe wert sey, mich zu überleben.“ (S. 166)

Humboldts zweijährige Tätigkeit als Bildungspolitiker ist deshalb so interessant, weil er alle Vorgänge, die er um sich herum beobachtet, auch in seinen Briefen an seinem Menschenbild misst. Aber er wird auch deutlich. Unterrichtsbesuche: „Ich komme, ohne daß man es weiß.“ (S. 221) Das ist für ihn amüsanter als Akten lesen. Und dann der „Königsberger Schulplan“, gefolgt vom litauischen Schulplan“, beide klüger als die heutigen Kompetenzkataloge, deren Vermittlung und Prüfung den Lehrer immer unentbehrlicher machen und so gar nichts mit der Art und Weise zu tun, wie die Lehrer sich in Humboldts Lehrplänen überflüssig machen sollen. (vgl S. 237)

Wie nennt Humboldt staatliche Bildung? Das „Verbesserungsgeschäft der Nation“, das alle Seiten berücksichtigen muss, die Jugend und die Erwachsenen. Die Schulen haben den Zögling auf die Universität vorzubereiten, so dass dieser „physisch, sittlich und intellektuell der Freiheit und Selbstthätigkeit überlassen werden kann…“ (S. 283). „Ein so vorbereitetes Gemüth nun ergreift die Wissenschaft von selbst….“ (S. 283)

Wilhelm von Humboldt
> Bildungstrieb und Freiheitsdrang
Über die Erziehung zur Mündigkeit
Hrsg. von Jürgen Overhoff
mit einem Vorwort von Manfred Geier
Stuttgart: Klett-Cotta 2022, 336 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-608-98670-9

Lesebericht: Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. Eine Biographie

Mit seiner Biographie über  den Historiker > Ernst Kantorowicz (Posen 1895 – Princeton N.J. 1963) hat Robert E. Lerner einem sehr bemerkenswerten Lebenslauf ein ebenso beeindruckendes Buch gewidmet. Ernst Kantorowicz ist vor allem wegen seiner beiden großen Bücher > Kaiser Friedrich II (Berlin 1927;  wiederaufgelegt: Mit einem biographischen Nachwort von Eckhart Grünewald: Stuttgart, Klett-Cotta 5. Druckaufl. 2019) und  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957), die auch heute noch den Rang von wichtigen Standardwerken haben, bekannt geworden.

Auf der letzten Seite seiner Biographie (S. 456) fasst Lerner Kantorowicz‘ Leben zusammen: der Likörfabrikantensohn gerät in die Schützengräben um Verdun, nach dem Ende des Krieges kämpft er gegen die bayrische Räterepublik. Am Anfang der Weimarer Republik kommt er den Kreis um > Stefan George. Mutig stellt er sich dem Nationalsozialismus entgegen und ihm gelingt kurz nach der ‚Reichskristallnacht‘ 1938 die Flucht über die Niederlande in die USA. Er erhält eine Stelle in Berkeley, die ist aber prekär, er muss immer wieder um die Verlängerung bangen, bis er schließlich doch auf einen Lehrstuhl berufen wird. Die McCarthy-Ära bringt ihn in neue Schwierigkeiten wegen des Loyalitätseides. Nach der Annahme des Rufs nach Princeton kann er dort seine Forschungen fortsetzen.

Er gehörte zu den 13 Schülern des Abiturjahrgangs 1913, zu dem einmal 48 gehört hatten. Auch wenn er in Geschichte nur „Genügend“ hatte, hindert ihn das nicht daran, ein berühmter Historiker zu werden. Während seines Studiums kam in den Kreis um > Stefan George. (vgl. S. 70-102) – 1921 hatte seine Dissertation Das Wesen der muslimischen Handwerksverbände und bei Eberhard Gothein (1853-1923) eingereicht. – Das Verhältnis mit dem Dichter George wurde so eng, dass dieser die Druckfahnen von Friedrich II. sorgfältig korrigierte und darauf achtete, dass auch sein Stil berücksichtigt wurde: „Mehr denn ein Jahrzehnt hatte [Friedrich II.] gerichtet gewaltet und gewütet.“ (zit. auf S. 123) : Die gewaltige Figur Asyndeton und fehlende Kommata… „George war der Prophet des Geheimen Deutschlands, zu dem Kantorowicz gehören wollte.“ (S. 99) Das Kapitel über St. George (S. 84-102) ist auch ein wichtiges Kapitel der Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Kantorowicz sollte sich in seinem Leben von George abwenden und einen Linksschwenk vollziehen.

EKa, wie er sich von seinen Schülern nennen ließ, konnte es sich aufgrund seiner Wohlhabenheit leisten, die Habilitation erst einmal zu verschieben und sich der Biographie über Kaiser Friedrich II. zu widmen. In der Tat, mit 31 Jahre verfasste ein noch unbekannter Historiker diese bemerkenswerte Biographie, die ihm die mehr oder weniger laute Kritik einiger Vertreter seine Zunft (vgl. S. 152-163) einbrachte: Auf dem Historikertag 1930 in Halle erhielt Kantorowicz Gelegenheit, sein Buch über Friedrich II. mit seinen methodischen Ansatz vor der gesamten Historikerzunft erfolgreich zu verteidigen: Eckhart Grünewald > Sanctus amor patriae dat animum – ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930 (Mit Edition), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters / Zeitschriftenband (1994) / Zeitschriftenteil / Artikel / 89 – 126 – http://www.digizeitschriften.de/dms/resolveppn/?PID=GDZPPN000360287. Der hier zitierte Artikel von Eckhart Grünewald enthält zum ersten Mal den Text des Vortrages: Ernst Kantorowicz, Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte – auch heute noch ein sehr wichtiger Grundlagentext: „Sie sehen, worauf es hier ankommt: der eine Schluß benötigt nur den rechnenden Verstand, der andere außerdem die schöpferische Vorstellung, die imagination créatrice.“ (loc cit., S. 115).

Im Kapitel 9 „Auf dem Weg zur wissenschaftlichen Karriere“ wird sein Weg zum Hochschullehrer erzählt. Allerdings hat er vorher noch den Ergänzungsband für Kaiser Friedrich II fertiggestellt. (S. 169-177) . Bei Klett-Cotta ist der Band leider vergriffen. Vielleicht war dieser Band auch eine Antwort auf die Kritik am Grad der Wissenschaftlichkeit  der Biographie über Friedrich II. Einer solchen Meinung kann dieser Band mit dem sehr umfangreichen Apparat an wissenschaftlichen Belegen einschließlich der 10 Zusatzkapitel beruhigt widersprechen. Im Vorwort erinnert EKa an seine Methode: dass „… durch noch so ausgedehnte Quellenbezüge sich niemals das Wesentliche  beweisen läßt; die Grundauffassung […]  und als deren Ergebnis: das historische Bild.“ (zit auf S. 169)

Es folgt die Bewerbung in Frankfurt mit großen Schwierigkeiten und schließlich beginnt er als ordentlicher Professor im Wintersemester 1931/32 dort zu lehren. Der Bericht über die folgenden Jahre bis 1938 – mit einem Aufenthalt in Oxford (S, 211-234) und seiner Flucht aus Deutschland 1938 zeigen einen EKa der vor allem den Grundsätzen seines Faches in diesen stürmischen Zeiten treu bleibt und alles daran setzt, seine Lehre zu verteidigen, ohne je seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Dabei half ihm auch sein ausgedehntes Netzwerk, das hier in einer eigentlich über den Rahmen einer Biographie hinausgehen Maße vorgestellt wird. Das ist aber auch nötig, denn sonst können die Erfolge EKas kaum nachvollzogen werden. Später wird er bei anderen Gelegenheiten alles daran setzten, auch Andere in misslichen Lagen, besonders wenn er die Freiheit der Lehre bedroht sieht, nahezu bedingungslos zu verteidigen.

In den USA beginnt seine Stellensuche wieder von neuem, bevor er in Berkeley nach immer neuen Zeitverträgen auch dort wieder auf einen Lehrstuhl berufen wird. Kantorowic war keinesfalls nur Mittelalterhistoriker. Er war zudem ungeheuer produktiv. In Berkeley sind seine getippten Vorlesungen mit 6000 Seiten in 22 Ringordnern erhalten (S. 325). Zwischendurch erscheint Laudes regiae (S. 287-300), in dem er die Ursprünge und die Transformation von „Christus vincit“ untersucht. Landers Kapitel zu diesem Buch ist ein vorzügliche Einführung, die den Leser auffordert, Laudes regiae  nochmal zur Hand zu nehmen.

Bis Juni 1949 war für EKa die Welt in Ordnung, als mit dem Streit um den kalifornischen Loyalitätseid (S. 371-391) durch die ausbrechenden Kommunistenangst entstand. EKa weigerte sich den erweiterten Eid abzulegen und verstand ihn als Gesinnungsschnüffelei. Ihm ging es um, die persönliche und berufliche Ehre, sowie die Freiheit der Lehre. Auch zeigt er sich empört, dass die Autoren und die Verteidiger des Eides nicht verstanden, dass die Universität mit ihrem Lehrkörper eine Einheit bildet. Er war der Überzeugung, dass diese Einheit sich durch nichts auseinanderdividieren lasse dürfe. Schließlich verlor er seine lebenslange Stellung in Berkeley und war sicher auch daran erinnert, dass er schon einmal aufgrund einer Ideologie schon einmal gezwungen war, seine Lebensstellung aufzugeben. Sein unbedingtes Eintreten für die Idee der Universität wirkt auch heute noch sehr inspirierend und lehrreich.

Ernst H. Kantorowicz, > The Fundamental Issue. Documents and Marginal Notes on the University of California Loyalty Oath – Auf der Website der Universität Berkeley
sowie in: Walter Seitter, Schriften zur Verkehrswissenschaft 16(1991) S. 33-75: vgl, dazu die Anmerkung 4, Lerner, S. 527.

Zur Unterstützung des Berufungsverfahrens nach Princeton empfahl > Felix Gilbert (1905-1991): „Seine Arbeit und seine Interessen überschreiten das Gebiet der mittelalterlichen Geschichte, wie es üblicherweise chronologisch, geographisch, thematisch und methodisch definiert wird. Chronologisch reichen sie von der klassischen Antike bis ins fünfzehnte oder sechzehnte Jahrhundert. Thematisch-methodisch widmen sie sich komplizierten und facettenreichen Problemen und durchleuchten sie aus all den verschiedenen Blickwinkeln, die ihm seine Kenntnis noch der verstreutesten Spezialgebiete und Methoden erlauben.“ (zit. auf S. 396)

Er hatte Glück und bekam einen Ruf nach Princeton, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Dort entstand ein weiteres wichtiges Buch: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957). Sein Biograph nennt das Buch eine „Ansammlung derartiger Schmuckstücke unter einem Buchdeckel… : das Kabinett des Dr. Kantorowicz.“ Die Formulierung ist wunderbar. Eine grundlegende These gibt es nicht in diesem auch heute unüberholten Standardwerk, das Historikern eine reiche Fundgrube überreicht, ja ein Vademekum der Macht ist. Lerner nennt das Buch eine „Anthologie verschiedener Diskussionen zur Transformation christlich-theologischer in politische Formulierungen“ (S. 417). Es fällt auf, dass die Politische Theologie (1922) von Carl Schmitt (1888-1885) von Kantorowicz nie genannt wird. EKas Buch ist auch ein Forschungsbericht, wie man sich diesem Thema nähern kann, welche Bedeutungslinien man nachgehen muss, wie man wieder zur eigentlichen Frage zurückkommt. Wir dürfen hier die These wagen, dass Verfassungsgeschichte des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit und darüber hinaus mit diesem Buch eine unverzichtbare Grundlage erhält. Wenn man sich an seinen Sprachduktus gewöhnt hat lernt man schnell die entscheidenden Passagen Seiten und Kapitel in diesem Buch aufzufinden: Kirche, Staat, der politische Körper, die Stellung des Königs, Corpus mysticum, Rex et patria, Kontinuität; aeternitas, aevum und tempus, er König stirbt nie (S. 405): ein exzellentes Buch für ein spannendes Hauptseminar.

Jean Lebrun sprach mit dem Historiker Jacques Delarun > Ernst Kantorowicz (1895-1963) et les deux corps du roi – France-inter – 21. August 2019 – 28 Minuten

Das Kapitel über Die zwei Körper des Königs (S. 409-429) erinnert auch an Kantorowicz‘ historiographische Grundsätze: „Nie könne Geschichte das ‚Warum‘ von Geschichte erklären, weil die Welt sich nicht auf ein „weil“ hin entwickle. 1954 hat er diesen Grundsatz in einem Brief erläutert: „Hier, Verehrtester, meine Skepsis bezüglich der Erklärbarkeit historischer Phänomene. Sie können zur Not erklären, wie etwas Vorhandenes entstanden ist. Aber warum es entstanden ist, oder gar warum es irgendwo nicht entstanden ist, entzieht sich meiner Ansicht nach unserer Urteilsfähigkeit. Warum ist überhaupt eine Frage, die nur Theologen und Kinder – Pardon: ich vergaß ‚Geschichtsphilosophen‘ stelle, […] der Historiker fragt ; Wie ? und nie Warum! Und die Antwort ist darum nie ein Weil sondern ein So.“ S. 367

Am 9. September 1963 ist Ernst Kantorowicz in Princeton verstorben.

Robert E. Lerner
Ernst Kantorowicz
Eine Biographie
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gruber (Orig.: Ernst Kantorowicz)
1. Aufl. 2019, 554 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Tafelteil mit 25 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-96199-7

 

Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch

Stephan Detjen ist Jurist und Historiker. Er leitet in Berlin das Hauptstadtbüro vom Deutschlandradio. Im August 2015 warfen Kritiker der Bundesregierung „ständigen Rechtsbruch“ vor. In ihrem Buch, das er und Maximilian Steinbeis verfasst haben, prüfen sie diese Behauptung und zeigen, wie deren ungeprüfte Weitergabe an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt. Wie kommt es aber zu dem Titel Die Zauberlehrlinge Mit dem Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“? Klett-Cotta: Stuttgart 2019. Vergriffen.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2019 für den Blog von Klett-Cotta verfasst und mit diesem Video dort veröffentlicht.

Erst kamen die Flüchtlinge in so großer Zahl im Sommer 2015 über Ungarn nach Deutschland, dann schrieb Ulrich Vosgerau, eine Staatsrechtsdozent aus Köln,in der Zeitschrift Cicero einen Artikel mit der Überschrift „Die Herrschaft des Unrechts“. Wie konnte es aber passieren, dass diese Auffassung eine so steile politische Karriere machte?

Die Kritiker sprachen von Rechtsbruch, ohne aber tragfähige Alternativen aufzuzeigen: Im Vordergrund stand die Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen geöffnet zu haben. Nun die Grenzen war offen, da gab es nichts zu öffnen. Horst Seehofer verlieh dem Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ kurz vor dem Aschermittwoch 2018  seinen ministeriellen Segen, in dem er ihn in einem Interview nannte und so eine Granate nach Berlin abschoss, war das populistisch, darf man fragen.

In Deutschland habe mit den Folgen der These vom Rechtsbruch, so beide Autoren, habe die „Rechtskultur gelitten“, Stephan Detjen sprach im Studio 9 auch von einer „Erosion des Rechtsbewusstseins“, kann man damit den Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl deuten?

Die Gretchenfrage: Hatte die Bundesregierung im August/September 2015 eine Handlungsalternative? Die Grenzen schließen? Die Fehler und die Versäumnisse der Bundesregierung liegen aber wohl woanders: „Die Bundesregierung hat viel zu lange geglaubt, das Problem vernebeln und sich alle Optionen offen halten zu können, anstatt öffentlich aufzuklären darüber, auf welche rechtlichen Vorgaben sie ihr Tun und Unterlassen gründet.“ (S. 231)

Damit ist die Bundesregierung aber nicht allein. Sie und Herr Steinbeis nehmen aber auch die Juristen in den Blick, die das Europarecht irgendwie nicht richtig auf dem Schirm hatten. Und die Medien geraten auch in das Visier von ihnen beiden. Die Medien hätten sich von der „Kraft der Erzählung von der angeblichen Herrschaft des Unrechts“ faszinieren lassen und so indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen.

Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis
Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Das Buch ist leider vergriffen.
1. Aufl. 2019, ca. 176 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-96430-1

Zu diesem Thema vgl. auf > www.france-blog.info: > Les réfugiés, les migrants, les demandeurs d’asile et les droits de l’homme. Une interview de la Présidente de la CNCDH > www.france.blog.info – 28. Januar 2016 von H. Wittmann