Rezension: Hubertus Heil, Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner

Frankfurter Buchmesse
Fr, 9. Oktober | 20:00
OPEN BOOKS:
Der Angriff der Autokraten
Hubertus Heil im Gespräch mit Jürgen Trittin

Moderation: Franziska Haas
Volksbühne im Großen Hirschgraben
Großer Hirschgraben 19
60311, Frankfurt am Main
hwww.klett-cotta.de/veranstaltung/open-books-der-angriff-der-autokraten-v-2498

Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse 2026 erscheint bei Klett-Cotta der Band von Hubertus Heil, > Der Angriff der Autokraten. Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner. Seit 1998 ist Heil Bundestagsabgeordneter, von 2018 bis 2015 war er Bundesminister für Arbeit und Soziales. Heute ist er Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages.

Unter den Büchern, die zur Zeit sehr berechtigterweise die Gefährdung unserer Demokratie beschwören, fällt das Buch von Hubertus Heil ganz besonders auf, zumal es präzise die Bedrohungen unserer Demokratie durch innere und äußere Gegner nicht nur mit hoher Präzision beschriebt, sondern – unsere Redaktion hat bei der Lektüre nachgezählt-, mindestens 30 plausible Vorschläge macht, wie der aktuellen Lage entgegengesteuert werden sollte.

Im Kapitel „Die Verwundbarkeit der Demokratie“ steht die Erkenntnis: „Die große Gefahr unserer Zeit ist nicht der offene Autoritarismus. Es ist der fortschreitende Verlust des Vertrauens in die demokratische Selbtstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger.“ (S. 21) Nicht ganz, aber irgendwie schon dreht der Autor den Spieß herum… nicht immer Kritik an den Anderen, wir müssen erst einmal selbst dahinterkommen, wie wir es mit unserer Demokratie halten. Mehr Mut für unsere demokratischen Prozesse, in allen ihren Formen und sie gegenüber Andersdenkenden vertreten, so könnte man sein Zitat, seine Aufforderung interpretieren. Wir trauen uns zu wenig zu. Sonst würden wir der Kritik der ständig Nörgelnden anders entgegentreten. Es gibt schon eine gewisse Gewohnheit oder Akzeptanz, die da in Berlin so heftig zu kritisieren, in den Chor der Kanzlerschelte einzustimmen. Würde das Vertrauen in die „Selbstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger“ wieder zunehmen, würden wir unsere Demokratie auch wieder mehr als das Unsrige auffassen und auch mal die Erfolge des Ganzen sehen und den Kritikern entgegenhalten. Insoweit sendet Heil einen Weckruf. Viele andere Einsichten in diesem Buch kann man auch auf eine ähnliche Weise interpretieren. Wie kommt es zu dem vermeintlichen Niedergang? „Offenheit und Wehrlosigkeit“ (S. 26 f.) werden miteinander verwechselt. Vielleicht ist es wirklich die offenen Gesellschaft, die eine so geeignete Angriffsfläche bietet: vgl. S. 27 f.

Hinzu kommt das Zerbrechen des Wertekonsens des Westens, vgl. S.30, der brüchig wird, wenn „äußere Einflussnahme“ zunimmt und im Inneren das Vertrauen schwindet. (vgl. ebd.) Besonders wenn viele Krisen jeder Art auf einmal auftauchen… und die Auswirkungen der Regierung, denen da oben vorgeworfen werden. Und die Menschen fühlen sich alleine gelassen, wenn zum Beispiel der kommunale Zusammenhalt zerbricht: vgl. dazu: H. Wittmann, Lesebericht und Nachgefragt: Simon Strauß, In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Die Abgeordneten von Bund und Land müssen sich um ihre Wahlkreise kümmern. Demokratie fängt unten an. Im Dorf, wo der Krämerladen erhalten bleibt und künftig Dorfladen heißt, wo statt Schlecht-Reden, Aufbruchsstimmung durch Initiativen erzeugt wird. Heil kann zu diesem Thema einiges aus seinem Wahlkreis berichten. Schade, dass bei uns nicht jeder Abgeordnete, wie in Frankreich seinen Wahlkreis hat… dann hätten wird die heutigen Probleme vielleicht nicht. „Demokratiejahr“ (einer von den rund 30 Vorschlägen in diesem Buch) ist Heils Stichwort, das die Bürgerinnen und Bürger daran erinnert, dass Demokratie nicht von oben kommt, sondern sie ist in gewissem Maße unsere Pflicht.

Das Kapitel „Hybride Attacken“ erklärt „Russlands Schattenkrieg“ und „Die Logik der Nadelstiche“ (S.59 ff, 61, 65) und man wird auch auf diese Weise auch den Aufbau dieses Buches verstehen, wenn man sich fragt, wie es soweit (mit der AfD) kommen konnte, nachdem es Russland und China in einem solchen Maße gelingt, die Welt zu verändern. Und dazu kommt auch das außenpolitische Schlingern der USA unter Donald Trump: Zölle, Kriege und ständige Verunsicherungen über den Zusammenhalt des westlichen Bündnisses und damit der NATO. Was muss getan werden? „Europa muss souveräner werden.“ Natürlich kommt uns dabei die Dokumentation der > europapolitischen Reden Emmanuel Macrons in den Sinn, der schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit uns außenpolitisch allen voraus war. Nur Angela Merkel wollte offenkundig von seiner ersten Sorbonne-Rede nichts wissen. Die Berliner Regierung ließ Macron im Regen stehen, hätte sie seine Vorschläge aufgegriffen, zusammen mit ihm weiterentwickelt und mehr daraus als nur den Aachener-Vertrag gemacht… Heute muss mühsam in großer Eile nachgeholt werden, was Macron schon damals anmahnte.

„Der Krieg der Informationen“ zeigt wie über die (gar nicht mal so) „sozialen Medien“ Wahlen bei uns beeinflusst werden. Heil bringt es auf den Punkt: Die Überforderung von Menschen durch die heutige Informationsflut kann für Desinformationskampagnen genutzt werde.“ (S. 111) Wieder eine Lösung, eine Aufgabe: „Demokratische Immunisierung“ nennt Heil sie und wünscht sich mehr Widerstandskraft, in dem die Urteilsfähigkeit gestärkt wird. Troll-Fabriken (vgl. H. W., Lesebericht und Nachgefragt: Michal Hvorecky, »Troll« , 18.10. 2018 – Den Blog von Klett-Cotta gab es von 2006-2021 mit rund 350 Beiträgen, von 140 Beiträge noch auf der aktuellen Website von Klett-Cotta zu finden sind.) gehören zur hybriden Kriegsführung und schüren die Desinformation, deren Mechanismen Heil en détail aufdeckt.  Es sind die Aushandlungsprozesse als Kern unserer Demokratie, die unter die Räder kommen, wenn Tech-Oligarchen, diese für unnötig halten: (vgl. S. 127-139) – Es geht darum, die Urteilsfähigkeit zu stärken: S. 140. Unsere Redaktion würde gerne hinzufügen… geht nur schwer mit der Künstlichen Intelligenz: Und Heil fügt auch gleich hinzu: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Offensive für mehr Urteilsfähigkeit.“ Richtig. Und zu dieser Seite 140 gäbe es noch so viel zu sagen. Wie konnte es bloß zu diesem Misstrauen gegenüber den Medien („Lügenpresse“) oder der Herabwürdigung von denen da oben kommen? Es sind Gefühle, enttäuschte Erwartungen und das Empfinden, alleine gelassen zu werden. Heil sagt es selber: „Rote Linien für die KI ziehen.“ (S. 142) Und er wünscht „Eine Schule, die Urteilskraft trainiert und kritisches Denken vermittelt.“ Demokratische Bildung sollte, so Heil in einen Staatsvertrag zwischen den 16 Bundesländern festgeschrieben werden (vgl. S. 145) : Noch einer von seinen 30 Vorschlägen in diesem Band.

„Europas Freiheit und die neue Weltwirtschaft“ untersucht „Wie sich globale Kräfteverhältnisse verschieben“ (S. 151, 156): Digitale Revolution, Energiewende, Kriegsgefahr in Europa, als wenn in einer Garküche es in allen Töpfen zugleich zu brodeln anfangen würde. Die Auswirkungen, wie Benzinpreisschock wird dann denen da oben vorgeworfen, die dann mit Tankrabatten die Kritiker besänftigen.

Das Gefühl, das bloße Gefühl, der Eindruck, man verliere die Kontrolle, wie gesagt das Gefühl, bedroht zu werden…  das ist der Boden auf dem die AfD wächst und gedeiht. Sie nutzt die Stimmung der Menschen aus und macht aus pandemischen Schutzmaßnahmen (vgl. S. 189) das Märchen vom autoritären Staat. „Das System hat versagt…“ ruft sie und ihre Anhänger nicken. Verunsicherung und Misstrauen erntet, verstärkt und sät sie wieder. Der Angriff auf die Ukraine beruht für sie auf westlicher Mitschuld am Krieg aufgrund der NATO-Osterweiterung. Nebenbei bemerkt, auch unsere Redaktion hat noch nie gehört, dass die AfD irgendwo einmal die NATO-Russland-Grundakte vom 27. Mai 1997 auch nur irgendwo einmal erwähnt hätte. Aber das Herunterspielen der heutigen russischen Bedrohung gehört zum Handwerkskasten der AfD, die weit darüberhinaus, vielfältige Beziehungen mit Russland pflegt: vgl. dazu das letzte Kapitel in diesem Band „Die Internationale der Nationalisten“. Die so national gesinnte AfD baut ihr internationales Netz immer mehr aus, eigentlich im Widerspruch zu ihrer nationalen Ideologie. Heil nennt viele weitere Kennzeichen der rechtsextremen Politik der AfD: „das tiefe Misstrauen gegenüber unabhängigen demokratischen Institutionen“ (S. 204), ihre „Alternativen Medien“ als Machtinstrumente“ (S. 206), ihrer Opferinszenierung, ihre undurchsichtige Finanzierung. Der allerjüngste Coup von Alice Weidel und Tino Chrupalla…, sich nun doch ein klein bisschen mit der EU und dem EURO anfreunden zu wollen – Vgl.: Bericht über internes Strategiepapier: Plant die AfD eine Kehrtwende zu EU und Euro? – Der Tagesspiegel, 5. 10. 2026. Ach, wahrscheinlich nur eine Übernahme des Fraktionsnamens im EU-Parlament: „Europa der Souveränen Nationen (ESN)“, was nach dem „Europa der Vaterländer“ klingt, das man Charles de Gaulle zuschreibt, der es immer abgelehnt hat, diesen Begriff gebraucht zu haben: vgl. H. W. ,Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation  Ein vereintes Europa – Une Europe unie – auf dem Weg zu einer Konföderation

Wenn wir demokratiemüde werden, wenn hybride Attacken nicht richtig eingeordnet werden, wenn wir dem Krieg der Informationen nichts entgegensetzen, wenn Europa der Zerrüttung der Weltordnung zusieht ohne sich auf seine Souveränität zu besinnen, wenn der Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürger weiter abnimmt, werden – such der Aufbau dieses Buches – dann werden „Die Angriffe im Innern“ (S. 185-214) rapide zunehmen. So wie die AfD dies vorführt: Hass, unbarmherzige, immer nur ideologisch grundierte Kritik an denen da oben, Angstmache durch die „Remigration“ und der Aufwiegelung durch den Einzelfallticker (www.afd.de), der das Gefühl vermittelt, jeder Migrant hielte ein Messer zwischen den Lippen, gehören zu diesen Angriffen aus dem Innern heraus.

Wir brauchen mehr Resilienz, Stärkung der Demokratie und Politiker, die auch bereit sind und sich trauen, über Erfolge zu sprechen und die denen entgegentreten, die glauben, dass unsere Hilfen für die Ukraine besser in unsere Sozialsysteme fließen sollten. Wenn Sie dieses Buch lesen, denken Sie daran, Heils 30 Vorschläge zu nummerieren, es lohnt sich, wenn sie sich nur einige Merken und mit Ihren Freunden darüber diskutieren oder auch mit denen, die den Sirenenklängen der AfD erlegen sind.

Hubertus Heil
> Der Angriff der Autokraten
Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner
Stuttgart: Klett-Cotta 2026