Unterrichten in Schulpforta

Mit den Monaten nach Schloss Bieberstein als Französisch- und Geschichtslehrer in der Landesschule Pforta in Naumburg auf den Spuren von Friedrich Nietzsche, der dort von 1858-1864 Schüler war, sind nachdrückliche Erlebnisse und Erinnerungen verbunden. Sue Prideaux hat in ihrer Biographie ausführlich über die Schulzeit Nietzsches in Schulpforta berichtet: Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche.

Schloss Bieberstein, ein privates Oberstufengymnnasium der Hemann-Lietz-Stiftung auf deiner hohen Bergkuppe und dann die Landesschule Pforta, ein öffentliches Internatsgymnasium für Hochbegabte in einem alten Zisterzienser Kloster vor den Toren von Naumburg. Kleine Lerngruppen auf Schloss Bieberstein und in der Landesschule – insgesamt 300 Schüler/innen – hatte ich 82 Schüler in fünf Klassen. Der vergleich der beiden Internate war sehr lehrreich. Beide Schulen haben ihren jeweils ganz eigenen spiritus loci. Das altehrwürige Schloss oberhalb von Hofbieber bei Fulda, das Hermann Lietz kurz nach 1900 erworben hat, um darin eine seiner Schulen zu gründen und die Landesschule, die 1543 das Kloster bezog, dass die Zisterzienser kurz vorher aufgegeben hatten. Zum Kloster gehört noch heute eine Kirche, die größer als so manche Stadtkirche ist und in der u .a. am Montagabend, Schüler/innen de Andacht weitgehend selbst gestalten. Wenn sie singen, könnte an meinen, die Kirche sei voll. Heute lernen in Schulpforta rund 300 Jugendliche der Klassen 9 bis 12 unter anspruchsvollen Aufnahmebedingungen und im Rahmen des Internatslebens. Ziel der Schule ist es weiterhin, talentierte junge Menschen unabhängig vom sozialen Hintergrund zu fördern, weshalb die Internatskosten vergleichsweise niedrig sind und zusätzliche Unterstützung durch Stiftungen erfolgt.

Unser Fotoalbum:

Nach dem Weggang der Zisterziensermönche 1540 wurde das Kloster 1543 von Kurfürst Moritz von Sachsen in eine staatliche Internatsschule für begabte Jungen umgewandelt, die kostenlos ausgebildet werden sollten. Anfangs lag der Schwerpunkt auf den Alten Sprachen, besonders Latein, und die Schule entwickelte sich trotz Kriegen und Krisen zu einer bedeutenden Bildungsstätte mit vielen berühmten Absolventen. Im 19. Jahrhundert erlebte Schulpforte unter preußischer Herrschaft eine Blütezeit, während sich im 20. Jahrhundert durch Weltkriege, Inflation und politische Umbrüche tiefgreifende Veränderungen ergaben. ⚔️ Während der NS-Zeit wurde die Schule zur nationalsozialistischen Eliteschule umgestaltet, später in der DDR in das sozialistische Bildungssystem integriert, wobei nach und nach neue Schwerpunkte wie Sprachen und Musik entstanden. Nach der deutschen Wiedervereinigung ging die Schule in die Trägerschaft Sachsen-Anhalts über, wurde modernisiert und um einen naturwissenschaftlichen Zweig ergänzt, sodass heute etwa 300 Schülerinnen und Schüler dort gemeinsam lernen und leben. Noch nie habe ich in einer Schule so viele Klaviere gesehen… und eine Schülerin, die ich suchte, saß in einem der Übungsräume und übte Harfe. In einen der Clubraeume kamen abends 20 Schüler/innen und wir haben den Klavierspieler vom Gare du Nord angeguckt. Ein anderer hatte mir Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ mitgebracht und wir haben mehrere Wochen lang, regelmäßig darin gelesen und darüber diskutiert.

Die Landesschule Pforta fördert besonders begabte Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse in den drei Schwerpunkten Fremdsprachen, Musik oder Naturwissenschaften, ohne die allgemeine Bildung zu vernachlässigen. Neben der fachlichen Vertiefung legt die Schule großen Wert auf soziale Kompetenzen, die durch das gemeinsame Leben im Internat und die Betreuung durch Lehrer als Hauseltern gestärkt werden. Als zertifizierte Begabtenförderschule ist sie Teil mehrerer Fördernetzwerke und Initiativen, wodurch ihre Absolventinnen und Absolventen zusätzlich zum Abitur besondere Leistungsnachweise für Studium und Beruf erhalten.

Schulpforta besitzt eine bemerkenswerte Historische Bibliothek, die um 1570 gegründet wurde und umfasst heute rund 80 000 Titel umfasst. Sie gehört jedoch aufgrund fehlender Neuanschaffungen seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem zu den wissenschaftlich-historischen Sammlungen. Ihre Bestände reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, darunter mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln, und wuchsen über Jahrhunderte durch staatliche Mittel, Spenden und Geschenke erheblich an. Heute ist sie eine Präsenzbibliothek für Forschung und historische Studien, während aktuelle Literatur den Schülerinnen und Schülern in einem modernen Studienzentrum zur Verfügung steht.

Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803), Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), Philosoph.Leopold von Ranke (1795 – 1886), Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), Karl Gotthart Lamprecht (1856 – 1915) gehören zu den berühmten Schülern dieser Schule.

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1

Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat einige Jahre zu früh gelebt, möglicherweise war er seiner Epoche voraus. Erst nach seinem Zusammenbruch am 3. Januar 1888 setzte allmählich sein Ruhm ein, seine Bücher verkauften sich besser, das konnte er von seinem Fenster aus in Weimar nicht mehr miterleben und vielleicht hätte er sich in den folgenden Jahren auch gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die rechte Szene verwahrt.

>Nachgefragt:  Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche  *.pdf

Sue Prideaux hat eine spannende Biographie verfasst. Sie beschreibt en détail die Freundschaft und den so intensiven geistigen Austausch mit Richard Wagner (1813-1883) und Cosima Wagner (1837-1930) – 23 Besuche Nietzsches ab Mai 1869 bis April 1872 in der  Villa Tribschen am Vierwaldstättersee, wo er auch ein eigenes Arbeitszimmer bekam – erzählt seine Kindheit in Röcken, seine Jugend in Naumburg, die Schulzeit in Pforta, seine Krankheiten, die vier Jahre Studium in Bonn und Leipzig, das zeitweise so komplizierte Verhältnis zu seinen Schwestern –  bevor er im Herbst 1866 Richard Wagner (vgl. S. 9-16) kennenlernte. 1869 nimmt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Philologie der Universität in Basel an. Am 28. Mai hält er seine Antrittsvorlesung > Homer und die klassische Philologie – zeno.org. Er lernt Jacob Burckhardt (1818-1897) kennen. Er wird freiwilliger Krankenpfleger im Deutsch-französischen Krieg und erkrankt schwer.

Ein Senkrechtstarter, der aber auch von den Verbindungen seines Netzwerkes enorm profitierte. Prideaux nennt die Philosophen, die Nietzsche besonders beeindruckt haben, allen voran Friedrich Schleiermacher (1768-1834) mit Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), den er mit seinen Zweifeln am Christentum als Alternative zu Kant verstand. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) (S. 117-147), die Erfahrungen aus seinen vielen Gesprächen mit Wagner verarbeitet und sein Profil als Philosoph schärfte, wird eines seiner Hauptwerke. Er bekommt positive Rückmeldungen von den Wagners, die ihn gleich sehen wollen: „Kommen Sie bald auf einen Husch herüber…“ War die Reaktion Wagners ehrlich gemeint oder wollte er Nietzsche schonen? Friedrich Ritschl (1806-1876), dem Nietzsche nach Leipzig gefolgt war, hingegen markierte sein Exemplar der Die Geburt der Tragödie mit Ausrufen wie „Größenwahn“ – er sollte nicht der Einzige bleiben, der von Nietzsches Entwicklung entsetzt war. Unmittelbar danach folgt seine Schrift über > Die Zukunft unserer Bildungsanstalten (zeno.org): Die „Rückkehr zur Bildung als Selbstzweck“ ist ihm ein Anliegen und seine Kritik ist eindeutig: „…dass nämlich der Staat keine brillanten Köpfe wolle, sondern funktionierende Rädchen im Getriebe, Spezialisten, die gerade soweit ausgebildet werden, dass sie unkritisch und untertänig ihren Beitrag leisten können…,“ (S. 133) schreibt Sue Prideaux.

War Nietzsche sich seiner eigenen Unzeitgemäßheit bewusst? Oder ahnte er sie? „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften,“ erklärt er in Ecce Homo (1888, ersch. 1908). 1873 stellt er die erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller fertig. 1874 folgt die zweite > Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. – Von seinen Büchern werden nur sehr wenige Exemplare verkauft, das wird sich bis zu seinem Zusammenbruch 1888 nicht ändern. – In dieser Schrift über die Geschichte erscheint das Wort vom „Begriffsbeben“ verbunden mit der Frage „… soll das Erkennen über das Leben herrschen?“ (zit. auf S. 161, vgl. auch das Kap. 7: Begriffsbeben, S. 165-184) Die Wahrheit gibt es in der Wissenschaft genauso wenig wie in der Religion. Jacob Burkhardt mag Nietzsches Argumentation nicht folgen.

Ein unsteter Geist war Nietzsche.
Die vielen Reisen nach Italien, die vielen verschiedenen Orte, wo er sich immer für ein paar Wochen, ein paar Monate niederließ, sind kaum nachzuvollziehen. Er wirkte ständig wie ein von den eigenen Gedanken Getriebener, durch sein Streben, endlich Erfolg zu haben, wie auch durch die schon vertraute Gewohnheit, die Kritik und die mangelnde Beachtung, gar Verachtung seiner Schriften wegzustecken oder zu übergehen. Seine Misserfolge waren für ihn immer ein neuer Antrieb weiterzudenken.

Prideaux legt hier eine Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor. Wagner und sein Ring gehören ebenso dazu, wie dessen gigantische Anstrengungen, seine Idee der Oper als Gesamtkunstwerk in Bayreuth gegen so viele Widerstände zu realisieren. Muss man herausfinden, wer von beiden, Nietzsche oder Wagner dem Anderen mehr gegeben hat? Oder wird die Frage schon mit den Hinweisen darauf entschieden, dass der Schöpfer des Tristans seinem Kritiker und Freund nicht wirklich zu folgen vermochte? Oder dass Nietzsche sich gedanklich von Wagner abwandte? „Der Fall Wagner ist für den Philosophen ein Glücksfall…,“ hieß es in Nietzsche, Der Fall Wagner, in id., Der Fall Wagner. Schriften – Aufzeichnungen – Briefe, hrsg. v. D. Borchmeyer, S.129. Aber 1882/83 schreibt er: „W(agner), der übrig bleiben wird als M(ensch), der im Ungeschmack der Anmaßung am weitesten gegangen ist.“  Id. „Loslösung von Wagner“ (1877-1883), in: Der Fall Wagner, loc cit., S. 413. Die Freundschaft schien dahin zu sein, als Wagner am 21. September 1873 an Nietzsche schreibt: Er habe mit „trauriger Absichtlichkeit zuletzt lange Zeit gänzlich unterlassen, Nietzsche zu schreiben, weil ich … aus purer Eitelkeit immer noch annahm, Sie würden einen Brief von mir auch selbst lesen wollen, was Ihnen übel bekommen mußte.“ (R. Wagner, Briefe, hrsg. v. H. Kesting, München, Zürich 1983, S. 584) – Die Erschütterungen ihrer Freundschaft zeichnet Prideaux genau nach und lässt erkennen, wie hier der Musiker und der Philosoph mit ihren jeweiligen Empfindlichkeiten nicht gerade freundschaftlich miteinander umgehen.

Menschliches, Allzumenschliches
(Kap. 10, S. 221-234) erscheint 1876/78 in Aphorismenform. Der ersehnte Erfolg stellt sich nicht ein und dieses Kapitel endet mit der Aufgabe der Professur in Basel am 2. Mai 1879. Man kann wohl nicht sagen, dass seine publizistische Arbeit ihm seine Stellung gekostet hat, aber auch sein Ansehen war durch seine Publikationen nicht gerade größer geworden. Er wird zum Wanderer und Dauerreisenden zwischen Naumburg, Venedig, Genau, Rom, Luzern und neuen Bekanntschaften darunter Lou Salomé (1861-1939).

Von Genua nach Rappallo, wo er sich in Klausur begab, in der Also sprach Zarathustra entstand, in der er vom Übermenschen spricht, wird die individuelle Tugend, das Wesen des Verbrechens und die Frage nach einem guten Tod erläutert. (vgl. S. 299). Prideaux hat eine bemerkenswerte Art, die Inhalte und die Interpretation der Werke Nietzsches in die Erzählung seiner Biographie so zu integrieren, auf dass sie dem Leser eindrucksvolle Einblicke in die Beweggründe seines Schreibens vermitteln kann.

Auf Jenseits von Gut und Böse (1886)
mit dem Untertitel Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (vgl. S: 346-360) folgte 1887/88 Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift und 1889 Götzen-Dämmerung. Prideaux stellt alle drei Werke in einen Zusammenhang, den Nietzsche selber in Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, Abschnitt 1 so kommentiert: „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche
Aus dem Englischen von: Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler
Klett-Cotta: stuttgart 2020
ISBN: 978-3-608-98201-5

Lesebericht: Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. Eine Biographie

Mit seiner Biographie über  den Historiker > Ernst Kantorowicz (Posen 1895 – Princeton N.J. 1963) hat Robert E. Lerner einem sehr bemerkenswerten Lebenslauf ein ebenso beeindruckendes Buch gewidmet. Ernst Kantorowicz ist vor allem wegen seiner beiden großen Bücher > Kaiser Friedrich II (Berlin 1927;  wiederaufgelegt: Mit einem biographischen Nachwort von Eckhart Grünewald: Stuttgart, Klett-Cotta 5. Druckaufl. 2019) und  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957), die auch heute noch den Rang von wichtigen Standardwerken haben, bekannt geworden.

Auf der letzten Seite seiner Biographie (S. 456) fasst Lerner Kantorowicz‘ Leben zusammen: der Likörfabrikantensohn gerät in die Schützengräben um Verdun, nach dem Ende des Krieges kämpft er gegen die bayrische Räterepublik. Am Anfang der Weimarer Republik kommt er den Kreis um > Stefan George. Mutig stellt er sich dem Nationalsozialismus entgegen und ihm gelingt kurz nach der ‚Reichskristallnacht‘ 1938 die Flucht über die Niederlande in die USA. Er erhält eine Stelle in Berkeley, die ist aber prekär, er muss immer wieder um die Verlängerung bangen, bis er schließlich doch auf einen Lehrstuhl berufen wird. Die McCarthy-Ära bringt ihn in neue Schwierigkeiten wegen des Loyalitätseides. Nach der Annahme des Rufs nach Princeton kann er dort seine Forschungen fortsetzen.

Er gehörte zu den 13 Schülern des Abiturjahrgangs 1913, zu dem einmal 48 gehört hatten. Auch wenn er in Geschichte nur „Genügend“ hatte, hindert ihn das nicht daran, ein berühmter Historiker zu werden. Während seines Studiums kam in den Kreis um > Stefan George. (vgl. S. 70-102) – 1921 hatte seine Dissertation Das Wesen der muslimischen Handwerksverbände und bei Eberhard Gothein (1853-1923) eingereicht. – Das Verhältnis mit dem Dichter George wurde so eng, dass dieser die Druckfahnen von Friedrich II. sorgfältig korrigierte und darauf achtete, dass auch sein Stil berücksichtigt wurde: „Mehr denn ein Jahrzehnt hatte [Friedrich II.] gerichtet gewaltet und gewütet.“ (zit. auf S. 123) : Die gewaltige Figur Asyndeton und fehlende Kommata… „George war der Prophet des Geheimen Deutschlands, zu dem Kantorowicz gehören wollte.“ (S. 99) Das Kapitel über St. George (S. 84-102) ist auch ein wichtiges Kapitel der Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Kantorowicz sollte sich in seinem Leben von George abwenden und einen Linksschwenk vollziehen.

EKa, wie er sich von seinen Schülern nennen ließ, konnte es sich aufgrund seiner Wohlhabenheit leisten, die Habilitation erst einmal zu verschieben und sich der Biographie über Kaiser Friedrich II. zu widmen. In der Tat, mit 31 Jahre verfasste ein noch unbekannter Historiker diese bemerkenswerte Biographie, die ihm die mehr oder weniger laute Kritik einiger Vertreter seine Zunft (vgl. S. 152-163) einbrachte: Auf dem Historikertag 1930 in Halle erhielt Kantorowicz Gelegenheit, sein Buch über Friedrich II. mit seinen methodischen Ansatz vor der gesamten Historikerzunft erfolgreich zu verteidigen: Eckhart Grünewald > Sanctus amor patriae dat animum – ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930 (Mit Edition), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters / Zeitschriftenband (1994) / Zeitschriftenteil / Artikel / 89 – 126 – http://www.digizeitschriften.de/dms/resolveppn/?PID=GDZPPN000360287. Der hier zitierte Artikel von Eckhart Grünewald enthält zum ersten Mal den Text des Vortrages: Ernst Kantorowicz, Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte – auch heute noch ein sehr wichtiger Grundlagentext: „Sie sehen, worauf es hier ankommt: der eine Schluß benötigt nur den rechnenden Verstand, der andere außerdem die schöpferische Vorstellung, die imagination créatrice.“ (loc cit., S. 115).

Im Kapitel 9 „Auf dem Weg zur wissenschaftlichen Karriere“ wird sein Weg zum Hochschullehrer erzählt. Allerdings hat er vorher noch den Ergänzungsband für Kaiser Friedrich II fertiggestellt. (S. 169-177) . Bei Klett-Cotta ist der Band leider vergriffen. Vielleicht war dieser Band auch eine Antwort auf die Kritik am Grad der Wissenschaftlichkeit  der Biographie über Friedrich II. Einer solchen Meinung kann dieser Band mit dem sehr umfangreichen Apparat an wissenschaftlichen Belegen einschließlich der 10 Zusatzkapitel beruhigt widersprechen. Im Vorwort erinnert EKa an seine Methode: dass „… durch noch so ausgedehnte Quellenbezüge sich niemals das Wesentliche  beweisen läßt; die Grundauffassung […]  und als deren Ergebnis: das historische Bild.“ (zit auf S. 169)

Es folgt die Bewerbung in Frankfurt mit großen Schwierigkeiten und schließlich beginnt er als ordentlicher Professor im Wintersemester 1931/32 dort zu lehren. Der Bericht über die folgenden Jahre bis 1938 – mit einem Aufenthalt in Oxford (S, 211-234) und seiner Flucht aus Deutschland 1938 zeigen einen EKa der vor allem den Grundsätzen seines Faches in diesen stürmischen Zeiten treu bleibt und alles daran setzt, seine Lehre zu verteidigen, ohne je seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Dabei half ihm auch sein ausgedehntes Netzwerk, das hier in einer eigentlich über den Rahmen einer Biographie hinausgehen Maße vorgestellt wird. Das ist aber auch nötig, denn sonst können die Erfolge EKas kaum nachvollzogen werden. Später wird er bei anderen Gelegenheiten alles daran setzten, auch Andere in misslichen Lagen, besonders wenn er die Freiheit der Lehre bedroht sieht, nahezu bedingungslos zu verteidigen.

In den USA beginnt seine Stellensuche wieder von neuem, bevor er in Berkeley nach immer neuen Zeitverträgen auch dort wieder auf einen Lehrstuhl berufen wird. Kantorowic war keinesfalls nur Mittelalterhistoriker. Er war zudem ungeheuer produktiv. In Berkeley sind seine getippten Vorlesungen mit 6000 Seiten in 22 Ringordnern erhalten (S. 325). Zwischendurch erscheint Laudes regiae (S. 287-300), in dem er die Ursprünge und die Transformation von „Christus vincit“ untersucht. Landers Kapitel zu diesem Buch ist ein vorzügliche Einführung, die den Leser auffordert, Laudes regiae  nochmal zur Hand zu nehmen.

Bis Juni 1949 war für EKa die Welt in Ordnung, als mit dem Streit um den kalifornischen Loyalitätseid (S. 371-391) durch die ausbrechenden Kommunistenangst entstand. EKa weigerte sich den erweiterten Eid abzulegen und verstand ihn als Gesinnungsschnüffelei. Ihm ging es um, die persönliche und berufliche Ehre, sowie die Freiheit der Lehre. Auch zeigt er sich empört, dass die Autoren und die Verteidiger des Eides nicht verstanden, dass die Universität mit ihrem Lehrkörper eine Einheit bildet. Er war der Überzeugung, dass diese Einheit sich durch nichts auseinanderdividieren lasse dürfe. Schließlich verlor er seine lebenslange Stellung in Berkeley und war sicher auch daran erinnert, dass er schon einmal aufgrund einer Ideologie schon einmal gezwungen war, seine Lebensstellung aufzugeben. Sein unbedingtes Eintreten für die Idee der Universität wirkt auch heute noch sehr inspirierend und lehrreich.

Ernst H. Kantorowicz, > The Fundamental Issue. Documents and Marginal Notes on the University of California Loyalty Oath – Auf der Website der Universität Berkeley
sowie in: Walter Seitter, Schriften zur Verkehrswissenschaft 16(1991) S. 33-75: vgl, dazu die Anmerkung 4, Lerner, S. 527.

Zur Unterstützung des Berufungsverfahrens nach Princeton empfahl > Felix Gilbert (1905-1991): „Seine Arbeit und seine Interessen überschreiten das Gebiet der mittelalterlichen Geschichte, wie es üblicherweise chronologisch, geographisch, thematisch und methodisch definiert wird. Chronologisch reichen sie von der klassischen Antike bis ins fünfzehnte oder sechzehnte Jahrhundert. Thematisch-methodisch widmen sie sich komplizierten und facettenreichen Problemen und durchleuchten sie aus all den verschiedenen Blickwinkeln, die ihm seine Kenntnis noch der verstreutesten Spezialgebiete und Methoden erlauben.“ (zit. auf S. 396)

Er hatte Glück und bekam einen Ruf nach Princeton, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Dort entstand ein weiteres wichtiges Buch: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957). Sein Biograph nennt das Buch eine „Ansammlung derartiger Schmuckstücke unter einem Buchdeckel… : das Kabinett des Dr. Kantorowicz.“ Die Formulierung ist wunderbar. Eine grundlegende These gibt es nicht in diesem auch heute unüberholten Standardwerk, das Historikern eine reiche Fundgrube überreicht, ja ein Vademekum der Macht ist. Lerner nennt das Buch eine „Anthologie verschiedener Diskussionen zur Transformation christlich-theologischer in politische Formulierungen“ (S. 417). Es fällt auf, dass die Politische Theologie (1922) von Carl Schmitt (1888-1885) von Kantorowicz nie genannt wird. EKas Buch ist auch ein Forschungsbericht, wie man sich diesem Thema nähern kann, welche Bedeutungslinien man nachgehen muss, wie man wieder zur eigentlichen Frage zurückkommt. Wir dürfen hier die These wagen, dass Verfassungsgeschichte des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit und darüber hinaus mit diesem Buch eine unverzichtbare Grundlage erhält. Wenn man sich an seinen Sprachduktus gewöhnt hat lernt man schnell die entscheidenden Passagen Seiten und Kapitel in diesem Buch aufzufinden: Kirche, Staat, der politische Körper, die Stellung des Königs, Corpus mysticum, Rex et patria, Kontinuität; aeternitas, aevum und tempus, er König stirbt nie (S. 405): ein exzellentes Buch für ein spannendes Hauptseminar.

Jean Lebrun sprach mit dem Historiker Jacques Delarun > Ernst Kantorowicz (1895-1963) et les deux corps du roi – France-inter – 21. August 2019 – 28 Minuten

Das Kapitel über Die zwei Körper des Königs (S. 409-429) erinnert auch an Kantorowicz‘ historiographische Grundsätze: „Nie könne Geschichte das ‚Warum‘ von Geschichte erklären, weil die Welt sich nicht auf ein „weil“ hin entwickle. 1954 hat er diesen Grundsatz in einem Brief erläutert: „Hier, Verehrtester, meine Skepsis bezüglich der Erklärbarkeit historischer Phänomene. Sie können zur Not erklären, wie etwas Vorhandenes entstanden ist. Aber warum es entstanden ist, oder gar warum es irgendwo nicht entstanden ist, entzieht sich meiner Ansicht nach unserer Urteilsfähigkeit. Warum ist überhaupt eine Frage, die nur Theologen und Kinder – Pardon: ich vergaß ‚Geschichtsphilosophen‘ stelle, […] der Historiker fragt ; Wie ? und nie Warum! Und die Antwort ist darum nie ein Weil sondern ein So.“ S. 367

Am 9. September 1963 ist Ernst Kantorowicz in Princeton verstorben.

Robert E. Lerner
Ernst Kantorowicz
Eine Biographie
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gruber (Orig.: Ernst Kantorowicz)
1. Aufl. 2019, 554 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Tafelteil mit 25 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-96199-7

 

Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch

Stephan Detjen ist Jurist und Historiker. Er leitet in Berlin das Hauptstadtbüro vom Deutschlandradio. Im August 2015 warfen Kritiker der Bundesregierung „ständigen Rechtsbruch“ vor. In ihrem Buch, das er und Maximilian Steinbeis verfasst haben, prüfen sie diese Behauptung und zeigen, wie deren ungeprüfte Weitergabe an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt. Wie kommt es aber zu dem Titel Die Zauberlehrlinge Mit dem Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“? Klett-Cotta: Stuttgart 2019. Vergriffen.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2019 für den Blog von Klett-Cotta verfasst und mit diesem Video dort veröffentlicht.

Erst kamen die Flüchtlinge in so großer Zahl im Sommer 2015 über Ungarn nach Deutschland, dann schrieb Ulrich Vosgerau, eine Staatsrechtsdozent aus Köln,in der Zeitschrift Cicero einen Artikel mit der Überschrift „Die Herrschaft des Unrechts“. Wie konnte es aber passieren, dass diese Auffassung eine so steile politische Karriere machte?

Die Kritiker sprachen von Rechtsbruch, ohne aber tragfähige Alternativen aufzuzeigen: Im Vordergrund stand die Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen geöffnet zu haben. Nun die Grenzen war offen, da gab es nichts zu öffnen. Horst Seehofer verlieh dem Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ kurz vor dem Aschermittwoch 2018  seinen ministeriellen Segen, in dem er ihn in einem Interview nannte und so eine Granate nach Berlin abschoss, war das populistisch, darf man fragen.

In Deutschland habe mit den Folgen der These vom Rechtsbruch, so beide Autoren, habe die „Rechtskultur gelitten“, Stephan Detjen sprach im Studio 9 auch von einer „Erosion des Rechtsbewusstseins“, kann man damit den Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl deuten?

Die Gretchenfrage: Hatte die Bundesregierung im August/September 2015 eine Handlungsalternative? Die Grenzen schließen? Die Fehler und die Versäumnisse der Bundesregierung liegen aber wohl woanders: „Die Bundesregierung hat viel zu lange geglaubt, das Problem vernebeln und sich alle Optionen offen halten zu können, anstatt öffentlich aufzuklären darüber, auf welche rechtlichen Vorgaben sie ihr Tun und Unterlassen gründet.“ (S. 231)

Damit ist die Bundesregierung aber nicht allein. Sie und Herr Steinbeis nehmen aber auch die Juristen in den Blick, die das Europarecht irgendwie nicht richtig auf dem Schirm hatten. Und die Medien geraten auch in das Visier von ihnen beiden. Die Medien hätten sich von der „Kraft der Erzählung von der angeblichen Herrschaft des Unrechts“ faszinieren lassen und so indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen.

Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis
Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Das Buch ist leider vergriffen.
1. Aufl. 2019, ca. 176 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-96430-1

Zu diesem Thema vgl. auf > www.france-blog.info: > Les réfugiés, les migrants, les demandeurs d’asile et les droits de l’homme. Une interview de la Présidente de la CNCDH > www.france.blog.info – 28. Januar 2016 von H. Wittmann

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