Lesebericht: Nicole Strüber, Unser soziales Gehirn. Warum wir mehr Miteinander brauchen


Oxytocin steht im Mittelpunkt dieses Buches. Es wird von unserem Gehirn, von seinem sozialen Teil, ausgeschüttet, wenn wir berührt oder umarmt werden oder wenn wir vertrauliche Gespräche führen, die das Miteinander pflegen. (Vgl. S. 12) Fehlt dieses Miteinander schlägt dieses Manko aufs Gemüt, Vertrauen nimmt ab, das Wohlbefinden verschlechtert sich und die Synchronisation mit anderen wird immer schwieriger, Kommunikation und Kooperation leiden darunter, genauso wie die Empathie abhandenkommt.
Die Neurologin Nicole Strüber erklärt mit ihrem Band «Unser soziales Gehirn» die Biochemie des Miteinanders, dessen Baustoffe Oxytocin und Dopamin zugunsten des „Wollens“, und Opiode, die mit „Mögen“ und „Genießen“ zusammenhängen, unser Miteinander beeinflussen und steuern. In jedem Kapitel erklärt die Autorin Grundlagen und Auswirkungen einzelner Facetten des Miteinanders und ergänzt sie regelmäßig durch Abschnitte AUS DER FORSCHUNG. Auf diese Weise wird ihr Band zu einem illustrierten Lehrbuch. Wissenschaftliche Abschnitte werden durch allgemeinverständliche Berichte über soziale Beziehungen jeder Art ergänzt.

Es ist etwas ungewohnt, von „Synchronität im Miteinander“ (S. 31-58!) zu hören. Dahinter steckt der Chamäleon-Effekt (S. 32 f.). Die Erklärungen, die dann folgen, gehen weit über die bekannte Feststellung, mit jemandem auf gleicher Wellenlänge zu sein, hinaus. Strüber beschreibt, was man aktiv für ein erfolgreiches Miteinander tun kann. Wissenschaftler haben eine vermehrte Ausschüttung von Oxytocin in solchen Situationen beobachtet. Sich aktiv für soziale Kommunikation einzusetzen ist wichtig, deshalb bekommt dieses Kapitel am Anfang dieses Buches einen so großen Raum.

Und dennoch ist Strüber sich sehr wohl über die persönlichen Unterschiede im Miteinander bewusst und erklärt verschiedene Bindungsmodelle, die schon in Unterschieden im elterlichen Verhalten angelegt sind und durch sie geprägt sein können. Empathie ist das zentrale Stichwort. Aber Mitgefühl Stress und sogar Burnout liegen dicht nebeneinander und dadurch wird ein kompliziertes Beziehungsgeflecht erkennbar, das wenn die Synchronität nicht funktioniert, zur Belastung werden kann. Es kann aus dem Takt geraten, Gefühle werden nicht mehr beherrscht, Mitgefühl wird dann zur Belastung. Wie reagiert die Forschung auf solche Beobachtungen? Das Stichwort „Gefühlsregulation“ (vgl. S. 106) ist noch nicht die Lösung, deutet aber an, das mit bestimmten Techniken dem Stress sehr wohl begegnet werden kann.

Am Ende des ersten Teils hat der Leser alle Grundlagen, um die Beziehungen in einer Gruppe mit den Stichworten Zusammenhalt, Konflikt und Vorurteile richtig bewerten und einordnen zu können. Gruppenkonflikte können beschrieben, verstanden und einer Lösung angenähert werden. Das 8. Kapitel „Die Gruppe im Miteinander – vorbereitet auf Abgrenzung?“ ist besonders gut gelungen, weil hier die Einflussmöglichkeiten der einzelnen Mitglieder sowie die Bedeutung von Oxytocin im Gruppenrahmen verständlich beschrieben werden.

Dann folgt ein zweiter Teil, eigentlich ein zweites Buch mit dem Titel „Wo das Gehirn das Miteinander braucht“. Hier werden nacheinander alle Lebensstationen abgehandelt, von der Geburt, über das Aufwachsen in der Familie, Krippe, Kita, Schule, die Wahl der Partnerschaft, die Beziehungen zu Freunden, das Miteinander in der Arbeitswelt, in den Kulturen, die Beziehungen zu Ärzten, und schließlich das Lebensende. Im Zentrum all dieser Überlegungen steht immer wieder die Bindungsforschung, das Bewerten von Bindungen, das Beobachten von Defiziten und die Ansätze zu ihrer Verbesserung. Die Kapitel in diesem zweiten Teil wirken wie ein praktisches Training nach dem theoretischen ersten Teil dieses Buches. Dazu kommt die gelungene Aufteilung wie z. B. das Kapitel 13 „Zusammen glücklich – Miteinander in der Partnerschaft“, das dieses Thema mit Abschnitten AUS DER FORSCHUNG ergänzt und dann folgt immer ein Abschnitt „Unsere Welt!“, in dem die heutige Realität untersucht und bewertet wird. Heute hat sich das Smartphone in die Partnerschaft eingeschlichen. Der Partner will Aufmerksamkeit haben und das Smartphone klingelt oder piept: neudeutsch „Technoferenz“ oder „Ich habe vergessen, es auszuschalten…“ und schon ist der Streit vorprogrammiert… oder wie oft beobachtet man den Griff zum Smartphone. Die Zeitgenossen gucken bloß aus Gewohnheit auf das Display, um nur nichts zu verpassen, und nur in den seltensten Fällen wollen sie etwas ganz Bestimmtes nachschlagen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sie fest im Griff. Oder sie haben Knöpfe im Ohr, schauen teilnahmslos durch ihre Mitmenschen hindurch. In solchen Momenten klappt die Synchronisation natürlich nicht. Man könnte dieses Thema aufgrund der Anregungen von Nicole Strüber noch viel weiter ausführen und schnell feststellen das die sozialen Netzwerke, sozial nur nach ihrem Namen sind, mit sozialen Formen gar nichts zu tun haben, denn die Kommunikation über sie verursacht allenfalls Stress, Hektik und Missverständnisse – mit einem Miteinander, wie Nicole Strüber das so eindrucksvoll in ihrem Buch beschriebt, hat das alles nun wahrlich nichts zu tun.

Immer hin es gibt einen Trost, den Strüber so beschreibt: „Erkenntnisse der Psychotherapieforschung legen nahe, dass uns das Oxytocin nicht nur in schönen und harmonischen Situationen begleitet, sondern insbesondere auch in Konfliktsituationen ausgeschüttet wird. Es hilft uns, auch in Situationen des Konfliktes von dessen Wirkungen zu profitieren und das Vertrauen in den anderen und die Bindung aufrechtzuerhalten.“ (S. 239)

Nicole Strüber
> Unser soziales GehirnWarum wir mehr Miteinander brauchen
Stuttgart, Klett-Cotta 2024
ISBN: 978-3-608-96621-3

Lesebericht: Lesebericht: Hans Erhard Lessing, Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte

Hans-Erhard Lessing erzählt mit seinem Buch > Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte eine 200-jährige Erfolgsgeschichte. 12–14 Milliarden Fahrräder wurden seither weltweit gebaut und rund 72 Millionen gibt es allein in Deutschland. Hans-Erhard Lessing kommt aus Schwäbisch Gmünd. Er ist Physiker, Technikhistoriker und ein weltweit führender Fahrradexperte. Er machte schon 2000 auf den Zusammenhang zwischen der Zweiraderfindung und der Klimakatastrophe von 1816/17 aufmerksam: Hans-Erhard Lessing: What led to the invention of the early bicycle? In: Cycle History, 11, San Francisco 2000, S. 28–36.

Es war ein weiter Weg von der Draisine Karl Drais‘ (1785-1851) > www.karldrais.de bis zu den heutigen leichten Klappelektorädern. Ein jahrzehntelanger Kampf um Patente und immer waren es pfiffige Erfinder, die das Fahrrad auf die Zielgerade schickten. 1866 kam die Kurbel am Vorderrad dazu. Soziale Spannungen gab es beim Draisinieren schon damals: schnell und unbemerkt von einem zum anderen Ort. Nur ein Vorteil für die Männer?

Immerhin, Bremsen gab es auch damals schon. Aber lizenzfreie Nachbauten, die sich an Stichen orientierten, ‚vergaßen‘ oder übersahen die Bremsen, weil sie in den Herstellerprospekten hinter dem Bein des Fahrers versteckt waren. Schon 1817 war das Radeln auf den Bürgersteigen in Mannheim verboten worden. Und heute?

StVO, § 2 Absatz 5 Stand: Dezember 2016

„(5) Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen, Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen. Ist ein baulich von der Fahrbahn getrennter Radweg vorhanden, so dürfen abweichend von Satz 1 Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr auch diesen Radweg benutzen. Soweit ein Kind bis zum vollendeten achten Lebensjahr von einer geeigneten Aufsichtsperson begleitet wird, darf diese Aufsichtsperson für die Dauer der Begleitung den Gehweg ebenfalls mit dem Fahrrad benutzen; eine Aufsichtsperson ist insbesondere geeignet, wenn diese mindestens 16 Jahre alt ist. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Soweit erforderlich, muss die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr angepasst werden. Wird vor dem Überqueren einer Fahrbahn ein Gehweg benutzt, müssen die Kinder und die diese begleitende Aufsichtsperson absteigen.“

Auf unserem Frankreich-Blog > Fahrradfahren in Paris und in Frankreich – 13. Januar 2020

Pedalkurbeln, so erklärt Lessing, sei ein heißes Thema der Radfahrgeschichtsforschung. Balancieren und gleichzeitig Pedaltreten! Dann kam das Drahtspeichenrad hinzu und wurde bald unter Ausnutzung aller möglichen physikalischen Gesetze als Tangentialspeichenrad (S. 103) verfeinert. Wer hoch fährt, kann tief fallen, also kam man wieder auf Normalmaß. Das Verdeutschungs-Wörterbuch von Otto Sarrazin ersetzte 1886 Bicycle durch Fahrrad oder noch Zweirad. Was fehlt noch? Die Reifen. John Boyd Dunlop (1840-1921) entwickelte die pneumatischen Gummireifen, von denen auch die Autos profitierten.

Lessing stützt sich auf eine profunde Kenntnis der Literatur, die die Entwicklung des Zweirades begleitet und mit vorangetrieben hat: Louis Baudry de Saunier, Pierre Giffard, > Le Cyclisme théorique et pratique Paris 1891, Nachdruck: BnF collection ebooks, 03.07.2015 – 574 Seiten oder von Gustav Steinmann, > Das Velocipede: seine Geschichte, Construction, Gebrauch und Verbreitung, Weber, Leipzig 1870 – 91 Seiten. Oder E. Bertz, > Philosophie Des Fahrrads, 1900, Nachdruck, 1984.

Heute birgt das Zweirad weiterhin ein enormes Potenzial zur Regulierung des Individualverkehrs, sobald ihm angemessene Verkehrsräume und die Rücksicht der Vierradfahrer sicher sind. Statt Fahrradgipfel gibt es bei uns Dieselgipfel, wo die Schadstoffreduzierung per Software versprochen wird, wo doch gerade die Autoindustrie schon per Software den Behörden jahrelang angeblich saubere Motoren untergejubelt hat.

Mit dem Radeln bis zum Opernhaus ist es schon seit vielen Jahren vorbei. Was waren das für unbeschwerte Sommertage im letzten Jahrhundert, als man noch von Cannstatt durch die grüne Lunge bis zum Opernhaus radeln konnte! Lessings Buch gibt die Freude am unbeschwerten Radeln zurück. Aber die Verkehrsplaner in vielen unserer Städte tun nur so, als hätten sie schon mal ein Fahrrad gesehen oder sie übertreiben gleich und reservieren eine ganze Spur für Fahrradfahrer, die dort nie fahren.

Aber mit dem Buch von Lessings Fahrradgeschichte könnten Stadtplaner viel lernen, denn es kann ihnen lehren, wie Politik ihren Beitrag für fröhliches Radeln schaffen könnte. Die Techniker übernehmen die Entwicklung bis hin zum E-Bike, die Politiker sorgen für den Verkehrsrahmen, aber nicht so wie auf dem > Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt, wo jeder Verkehrsteilnehmer ständig den ihm zugewiesenen Raum benutzen muss, aber die Radler bei der Konzeption des Platzes vergessen wurden. Aber die müssten auch das Ihre dazu tun, denn kaum einer von ihnen respektiert rote Ampeln und auf den Bürgersteigen radeln sie, weil die Autofahrer alles tun, um sie mehr oder weniger geschickt von der Fahrbahn zu verdrängen.

A propo parkende Autos: Wie wäre es, wenn der Griff zum Öffnen sofort den Warnblinker an der Seite der Tür aktivieren würde, dann würden Radfahrer merken, da reißt gleich jemand die Türe auf? Oder welche technischen Vorrichtungen müssen eingebaut werden, um die Gefahren des toten Winkels beim Abbiegen zu vermeiden?

Aber Lessings Fahrradbuch ist sehr gelungen, ich eile gleich in den Keller, hole mein Fahrrad und radle in den Kurpark.

Hans-Erhard Lessing
> Das Fahrrad
Eine Kulturgeschichte
Stuttgart, Klett-Cotta, 2. Druckaufl., 2025
ISBN: 978-3-608-98872-7

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1

Lesebericht: Wilhelm von Humboldt, Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit

Mit diesem Band von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) > Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit setzt Klett-Cotta die Reihe zeitlos-aktueller Werke der Pädagogik und Erziehungsphilosophie aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Gruppe (Ernst Klett Verlag) fort. Nach Johann Amos Comenius, Große Didaktik und John Locke, Einige Gedanken über Erziehung erscheint nun eine Sammlung von Texten, die einen umfassenden Einblick in das Gesamtwerk von Wilhelm von Humboldt vor allem zur Bildung des Menschen vermitteln.

Manfred Geier hat für diesen Band, den wiederum Jürgen Overhoff herausgegeben hat, das Vorwort verfasst. Das Ergebnis ist ein beeindruckender Einblick in das Schaffen von Wilhelm von Humboldt zugunsten seines umfassenden Bildungsanspruchs. Mit der wohl durchdachten Auswahl der Texte in diesem Band aus den Briefen Humboldts und seinen Schriften wird zunächst sein „Weg zur Mündigkeit, 1767-1790“ nachgezeichnet. Selbstvergewisserung und Prinzipientreue sind die Stichwörter des zweiten Kapitels „Selbstbildnis als Lebensprinzip, 1791-1802“. Wahrend seines sechsjährigen Aufenthalts in Rom: „Auf den Spuren der Antike. Rom 1802-1808“ hat Humboldt seine Bildungstheorie vervollständigt und sich dabei, ohne es bereits zu ahnen, auf seine Karriere als „Bildungspolitiker. 1808-1810“ vorbereitet.

Zu Wilhelm von Humboldts Lebensprinzipien gehört „autonomes Selbstsein“ (Geier, S. 13), dessen Begründung er im Stoizismus gefunden hatte, und vor allem die Lehren der Aufklärung sowie auch die konsequente Ablehnung staatlicher Bevormundung. Wenn auch Humboldt Anregungen dankbar aufgriff, so gab es doch wie die Begegnung mit seinem Freund Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort Grenzen, die Geiger so zitiert: „Die Immanenz der Welt kann nicht mit der Transzendenz eines göttlichen Daseins kurzgeschlossen werden.“ (S. 21) Die Reise ins revolutionäre Paris, wo er am 3.August 1789 eintrifft, der Tag, an dem das Feudalsystem abgeschafft wurde, führt ihn zu dem Text Über Religion und Gesetzgebung, in dem er staatliche Autorität kritisiert, die nicht den Menschen als seinen eignen Zweck respektiere. Geiger nennt Humboldt nach Karl Mannheim einen „freischwebenden Intellektuellen“ auf der Such nach dem, was den Menschen antreibt.

Als Humboldt den Absagebrief an König Friedrich Wilhelm II. verfasst, der ihn 1809 zum Chef des preußischen Erziehungswesen ernennen will, denkt er wohl daran, dass er selbst nie in einer Schule war.
Es hilft kein Sträuben, eine Kabinettsorder des Königs folgt und Humboldt hat die Stelle: Aufklärung, Lernen des Lernens, kein äußerer Zwang, Ausbau der universitären Bildung bleiben seine Stichwörter, mit denen er Erfolg hat. Eine nur zweijährige Beschäftigung, aber er ordnet das preußische Unterrichtswesen ganz neu.

Erstaunlich, wie Humboldt seine Selbstfindung dokumentiert und ganz auf die eigene Individualität und die der anderen setzt: „die höchste Moral, die konsequenteste Theorie des Naturrechts“. (S. 71) Es ist dem Herausgeber dieses Bandes gelungen, Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie durch eine kenntnisreiche und kluge Textauswahl auch gerade in ihrer Entwicklung wie in einem Essay, der seinen Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchtet, nachvollziehbar werden zu lassen. So wird 1790 in Über Religion und Gesetzgebung schon über den Gesetzgeber und seine Mittel berichtet, die er nutzt, um die Bildung der Bürger zu fördern, dass diese zweckmäßig seien, wenn „sie die innere Entwicklung der Fähigkeiten und Neigungen begünstigen“, ein Gedanke, der hier  auf das Innere der Seele zielt, eine Veränderung dort bewirkt, aber nie „hervorgebracht werden“ kann. Ein Verbiegen oder eine Veränderung der Individuen ist damit ausgeschlossen: „Denn wahre Tugend ist unabhängig von aller und verträglich mit befohlner, und auf Autorität geglaubter Religion.“ (S. 74) Wir könnten es hier mit dem Lesebericht bewenden lassen, denn präziser kann die Individualität des Lernenden, die es zu schützen gilt, kaum ausgedrückt werden.

Am 16. August 1791 schreibt Humboldt an Georg Forster und kommt wieder auf die Bildung der Individuen zurück. Das erste Gesetz der Moral laute: „Bilde dich selbst,“ und das zweite „Wirke auf andere durch das, was Du bist…“.  (S. 86) Von diesem Maximen möchte Humboldt sich nicht trennen, hat er doch hier auch festgelegt, welches Lehrerbild ihm vorschwebt.

Der Essaycharakter der Auswahl der vorliegenden Texte erweist sich wiederholt, wenn die Auswahl zum zweiten Mal gelesen wird, weil dann erst manche Aussagen erst wirklich ihren verdienten Stellenwert erhalten, so z. B. der Brie fan Friedrich Gentz im Winter 1791: „Wir rühmen uns mehr der menschlichen Erfindungen als der menschlichen Kräfte…“ (S. 91 f.) Was im Menschen zusammengehört wie Vernunft und Sinnlichkeit ist der Kern von Humboldts Menschenbild (vgl. ebd.), woraus man auch die Bedeutung der Ästhetik für die Bildung ableiten darf. In den  Ideen über Staatsverfassung durch die neue französische Constitution veranlasst: es geht hier um Wirkung und Bildung, Kraft, sagt Humboldt, und wiederum „Selbstthätigkeit“ (= selbständiges Arbeiten) und verbindet sie sogleich mit der Freiheit und die Einbettung in die Geschichte als historischen Prozess. Humboldt sagt: „Dass kein einzelner Zustand der Menschen und Dinge Aufmerksamkeit verdient an sich, sondern nur im Zusammenhang mit dem vorhergehenden und folgenden Dasein….“ (S. 96) Diese Bemerkung, so wie sie hier gemeint ist, verweist nicht auf Resultate, sondern auf die (individuellen) Kräfte, die hier am Werk sind. Der Leser spürt hier, wie der Herausgeber Humboldt dazu bringt, hier sein Menschenbild vorzuführen.

Am 1. Juni 1792 nennt Humboldt in seinem Brief an Georg Forster wieder die „innere Kraft des Menschen“ (S. 98) als den einzigen Stoff, dem alles unterzuordnen sei. Man habe sich angewöhnt nur auf Resultate zu achten, er vermisse aber die Aufmerksamkeit auf die „Kraft und die Energie der Menschen“, durch die Resultate von selber kommen und die Aufklärung komme mit dazu (vgl. S. 99). Nichts anderes steht in den Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmn. 1792, wenn Humboldt im II. Abschnitt „Der Endzweck des Menschen“ „die höchste und proportionirlichste Bindung seiner Kräfte zu einem Ganzen“ (S. 106) als eben seinen Zweck beschreibt. Seine Bedingung ist die Freiheit und „Mannigfaltig der Situationen“ (ebd.) als Folge der eben dieser Freiheit wieder ein weiterer Baustein der Anthropologie Hmboldts. Sartre nannte den Menschen in seinen Vorwort zu seiner Flaubert-Studie „un universel singulier“, ein „einzelnes Allgemeines“. Im Kapitel VI. „Über öffentliche Staatserziehung“ steht: Erziehung, die den Menschen bildet, benötigt den Saat nicht: „Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung…“, (S.116) womit wir wieder beim Lehrerbild sind. Wie gesagt, was man zunächst überliest, wird in diesem Essayband durch weitere Bausteine in Erinnerung gerufen und so zurechtgerückt: „Öffentliche Erziehung scheint mir daher ganz ausserhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten muss […]. (S. 117)

In Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück 1794/95 steht: Was der Mensch nothwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache.“ (S. 134) In Das achtzehnte Jahrhundert. 1797 steht eine Klage über viele Perioden unseres Lebens, die uns durch Hindernissse niederdrücken und die Ausübung unserer Kräfte “ in ihrer vollen und natürlichen Energie“ (S. 155) behindern. Gemeint ist hier auch der freie Wille und zugleich auch eine Selbstgenügsamkeit: Seine Menschenkenntnis ist für Humboldt der Grund, „warum ich nie etwas hervorbringen werde, was der Mühe wert sey, mich zu überleben.“ (S. 166)

Humboldts zweijährige Tätigkeit als Bildungspolitiker ist deshalb so interessant, weil er alle Vorgänge, die er um sich herum beobachtet, auch in seinen Briefen an seinem Menschenbild misst. Aber er wird auch deutlich. Unterrichtsbesuche: „Ich komme, ohne daß man es weiß.“ (S. 221) Das ist für ihn amüsanter als Akten lesen. Und dann der „Königsberger Schulplan“, gefolgt vom litauischen Schulplan“, beide klüger als die heutigen Kompetenzkataloge, deren Vermittlung und Prüfung den Lehrer immer unentbehrlicher machen und so gar nichts mit der Art und Weise zu tun, wie die Lehrer sich in Humboldts Lehrplänen überflüssig machen sollen. (vgl S. 237)

Wie nennt Humboldt staatliche Bildung? Das „Verbesserungsgeschäft der Nation“, das alle Seiten berücksichtigen muss, die Jugend und die Erwachsenen. Die Schulen haben den Zögling auf die Universität vorzubereiten, so dass dieser „physisch, sittlich und intellektuell der Freiheit und Selbstthätigkeit überlassen werden kann…“ (S. 283). „Ein so vorbereitetes Gemüth nun ergreift die Wissenschaft von selbst….“ (S. 283)

Wilhelm von Humboldt
> Bildungstrieb und Freiheitsdrang
Über die Erziehung zur Mündigkeit
Hrsg. von Jürgen Overhoff
mit einem Vorwort von Manfred Geier
Stuttgart: Klett-Cotta 2022, 336 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-608-98670-9

Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat einige Jahre zu früh gelebt, möglicherweise war er seiner Epoche voraus. Erst nach seinem Zusammenbruch am 3. Januar 1888 setzte allmählich sein Ruhm ein, seine Bücher verkauften sich besser, das konnte er von seinem Fenster aus in Weimar nicht mehr miterleben und vielleicht hätte er sich in den folgenden Jahren auch gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die rechte Szene verwahrt.

>Nachgefragt:  Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche  *.pdf

Sue Prideaux hat eine spannende Biographie verfasst. Sie beschreibt en détail die Freundschaft und den so intensiven geistigen Austausch mit Richard Wagner (1813-1883) und Cosima Wagner (1837-1930) – 23 Besuche Nietzsches ab Mai 1869 bis April 1872 in der  Villa Tribschen am Vierwaldstättersee, wo er auch ein eigenes Arbeitszimmer bekam – erzählt seine Kindheit in Röcken, seine Jugend in Naumburg, die Schulzeit in Pforta, seine Krankheiten, die vier Jahre Studium in Bonn und Leipzig, das zeitweise so komplizierte Verhältnis zu seinen Schwestern –  bevor er im Herbst 1866 Richard Wagner (vgl. S. 9-16) kennenlernte. 1869 nimmt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Philologie der Universität in Basel an. Am 28. Mai hält er seine Antrittsvorlesung > Homer und die klassische Philologie – zeno.org. Er lernt Jacob Burckhardt (1818-1897) kennen. Er wird freiwilliger Krankenpfleger im Deutsch-französischen Krieg und erkrankt schwer.

Ein Senkrechtstarter, der aber auch von den Verbindungen seines Netzwerkes enorm profitierte. Prideaux nennt die Philosophen, die Nietzsche besonders beeindruckt haben, allen voran Friedrich Schleiermacher (1768-1834) mit Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), den er mit seinen Zweifeln am Christentum als Alternative zu Kant verstand. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) (S. 117-147), die Erfahrungen aus seinen vielen Gesprächen mit Wagner verarbeitet und sein Profil als Philosoph schärfte, wird eines seiner Hauptwerke. Er bekommt positive Rückmeldungen von den Wagners, die ihn gleich sehen wollen: „Kommen Sie bald auf einen Husch herüber…“ War die Reaktion Wagners ehrlich gemeint oder wollte er Nietzsche schonen? Friedrich Ritschl (1806-1876), dem Nietzsche nach Leipzig gefolgt war, hingegen markierte sein Exemplar der Die Geburt der Tragödie mit Ausrufen wie „Größenwahn“ – er sollte nicht der Einzige bleiben, der von Nietzsches Entwicklung entsetzt war. Unmittelbar danach folgt seine Schrift über > Die Zukunft unserer Bildungsanstalten (zeno.org): Die „Rückkehr zur Bildung als Selbstzweck“ ist ihm ein Anliegen und seine Kritik ist eindeutig: „…dass nämlich der Staat keine brillanten Köpfe wolle, sondern funktionierende Rädchen im Getriebe, Spezialisten, die gerade soweit ausgebildet werden, dass sie unkritisch und untertänig ihren Beitrag leisten können…,“ (S. 133) schreibt Sue Prideaux.

War Nietzsche sich seiner eigenen Unzeitgemäßheit bewusst? Oder ahnte er sie? „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften,“ erklärt er in Ecce Homo (1888, ersch. 1908). 1873 stellt er die erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller fertig. 1874 folgt die zweite > Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. – Von seinen Büchern werden nur sehr wenige Exemplare verkauft, das wird sich bis zu seinem Zusammenbruch 1888 nicht ändern. – In dieser Schrift über die Geschichte erscheint das Wort vom „Begriffsbeben“ verbunden mit der Frage „… soll das Erkennen über das Leben herrschen?“ (zit. auf S. 161, vgl. auch das Kap. 7: Begriffsbeben, S. 165-184) Die Wahrheit gibt es in der Wissenschaft genauso wenig wie in der Religion. Jacob Burkhardt mag Nietzsches Argumentation nicht folgen.

Ein unsteter Geist war Nietzsche.
Die vielen Reisen nach Italien, die vielen verschiedenen Orte, wo er sich immer für ein paar Wochen, ein paar Monate niederließ, sind kaum nachzuvollziehen. Er wirkte ständig wie ein von den eigenen Gedanken Getriebener, durch sein Streben, endlich Erfolg zu haben, wie auch durch die schon vertraute Gewohnheit, die Kritik und die mangelnde Beachtung, gar Verachtung seiner Schriften wegzustecken oder zu übergehen. Seine Misserfolge waren für ihn immer ein neuer Antrieb weiterzudenken.

Prideaux legt hier eine Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor. Wagner und sein Ring gehören ebenso dazu, wie dessen gigantische Anstrengungen, seine Idee der Oper als Gesamtkunstwerk in Bayreuth gegen so viele Widerstände zu realisieren. Muss man herausfinden, wer von beiden, Nietzsche oder Wagner dem Anderen mehr gegeben hat? Oder wird die Frage schon mit den Hinweisen darauf entschieden, dass der Schöpfer des Tristans seinem Kritiker und Freund nicht wirklich zu folgen vermochte? Oder dass Nietzsche sich gedanklich von Wagner abwandte? „Der Fall Wagner ist für den Philosophen ein Glücksfall…,“ hieß es in Nietzsche, Der Fall Wagner, in id., Der Fall Wagner. Schriften – Aufzeichnungen – Briefe, hrsg. v. D. Borchmeyer, S.129. Aber 1882/83 schreibt er: „W(agner), der übrig bleiben wird als M(ensch), der im Ungeschmack der Anmaßung am weitesten gegangen ist.“  Id. „Loslösung von Wagner“ (1877-1883), in: Der Fall Wagner, loc cit., S. 413. Die Freundschaft schien dahin zu sein, als Wagner am 21. September 1873 an Nietzsche schreibt: Er habe mit „trauriger Absichtlichkeit zuletzt lange Zeit gänzlich unterlassen, Nietzsche zu schreiben, weil ich … aus purer Eitelkeit immer noch annahm, Sie würden einen Brief von mir auch selbst lesen wollen, was Ihnen übel bekommen mußte.“ (R. Wagner, Briefe, hrsg. v. H. Kesting, München, Zürich 1983, S. 584) – Die Erschütterungen ihrer Freundschaft zeichnet Prideaux genau nach und lässt erkennen, wie hier der Musiker und der Philosoph mit ihren jeweiligen Empfindlichkeiten nicht gerade freundschaftlich miteinander umgehen.

Menschliches, Allzumenschliches
(Kap. 10, S. 221-234) erscheint 1876/78 in Aphorismenform. Der ersehnte Erfolg stellt sich nicht ein und dieses Kapitel endet mit der Aufgabe der Professur in Basel am 2. Mai 1879. Man kann wohl nicht sagen, dass seine publizistische Arbeit ihm seine Stellung gekostet hat, aber auch sein Ansehen war durch seine Publikationen nicht gerade größer geworden. Er wird zum Wanderer und Dauerreisenden zwischen Naumburg, Venedig, Genau, Rom, Luzern und neuen Bekanntschaften darunter Lou Salomé (1861-1939).

Von Genua nach Rappallo, wo er sich in Klausur begab, in der Also sprach Zarathustra entstand, in der er vom Übermenschen spricht, wird die individuelle Tugend, das Wesen des Verbrechens und die Frage nach einem guten Tod erläutert. (vgl. S. 299). Prideaux hat eine bemerkenswerte Art, die Inhalte und die Interpretation der Werke Nietzsches in die Erzählung seiner Biographie so zu integrieren, auf dass sie dem Leser eindrucksvolle Einblicke in die Beweggründe seines Schreibens vermitteln kann.

Auf Jenseits von Gut und Böse (1886)
mit dem Untertitel Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (vgl. S: 346-360) folgte 1887/88 Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift und 1889 Götzen-Dämmerung. Prideaux stellt alle drei Werke in einen Zusammenhang, den Nietzsche selber in Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, Abschnitt 1 so kommentiert: „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche
Aus dem Englischen von: Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler
Klett-Cotta: stuttgart 2020
ISBN: 978-3-608-98201-5

Lesebericht: Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. Eine Biographie

Mit seiner Biographie über  den Historiker > Ernst Kantorowicz (Posen 1895 – Princeton N.J. 1963) hat Robert E. Lerner einem sehr bemerkenswerten Lebenslauf ein ebenso beeindruckendes Buch gewidmet. Ernst Kantorowicz ist vor allem wegen seiner beiden großen Bücher > Kaiser Friedrich II (Berlin 1927;  wiederaufgelegt: Mit einem biographischen Nachwort von Eckhart Grünewald: Stuttgart, Klett-Cotta 5. Druckaufl. 2019) und  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957), die auch heute noch den Rang von wichtigen Standardwerken haben, bekannt geworden.

Auf der letzten Seite seiner Biographie (S. 456) fasst Lerner Kantorowicz‘ Leben zusammen: der Likörfabrikantensohn gerät in die Schützengräben um Verdun, nach dem Ende des Krieges kämpft er gegen die bayrische Räterepublik. Am Anfang der Weimarer Republik kommt er den Kreis um > Stefan George. Mutig stellt er sich dem Nationalsozialismus entgegen und ihm gelingt kurz nach der ‚Reichskristallnacht‘ 1938 die Flucht über die Niederlande in die USA. Er erhält eine Stelle in Berkeley, die ist aber prekär, er muss immer wieder um die Verlängerung bangen, bis er schließlich doch auf einen Lehrstuhl berufen wird. Die McCarthy-Ära bringt ihn in neue Schwierigkeiten wegen des Loyalitätseides. Nach der Annahme des Rufs nach Princeton kann er dort seine Forschungen fortsetzen.

Er gehörte zu den 13 Schülern des Abiturjahrgangs 1913, zu dem einmal 48 gehört hatten. Auch wenn er in Geschichte nur „Genügend“ hatte, hindert ihn das nicht daran, ein berühmter Historiker zu werden. Während seines Studiums kam in den Kreis um > Stefan George. (vgl. S. 70-102) – 1921 hatte seine Dissertation Das Wesen der muslimischen Handwerksverbände und bei Eberhard Gothein (1853-1923) eingereicht. – Das Verhältnis mit dem Dichter George wurde so eng, dass dieser die Druckfahnen von Friedrich II. sorgfältig korrigierte und darauf achtete, dass auch sein Stil berücksichtigt wurde: „Mehr denn ein Jahrzehnt hatte [Friedrich II.] gerichtet gewaltet und gewütet.“ (zit. auf S. 123) : Die gewaltige Figur Asyndeton und fehlende Kommata… „George war der Prophet des Geheimen Deutschlands, zu dem Kantorowicz gehören wollte.“ (S. 99) Das Kapitel über St. George (S. 84-102) ist auch ein wichtiges Kapitel der Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Kantorowicz sollte sich in seinem Leben von George abwenden und einen Linksschwenk vollziehen.

EKa, wie er sich von seinen Schülern nennen ließ, konnte es sich aufgrund seiner Wohlhabenheit leisten, die Habilitation erst einmal zu verschieben und sich der Biographie über Kaiser Friedrich II. zu widmen. In der Tat, mit 31 Jahre verfasste ein noch unbekannter Historiker diese bemerkenswerte Biographie, die ihm die mehr oder weniger laute Kritik einiger Vertreter seine Zunft (vgl. S. 152-163) einbrachte: Auf dem Historikertag 1930 in Halle erhielt Kantorowicz Gelegenheit, sein Buch über Friedrich II. mit seinen methodischen Ansatz vor der gesamten Historikerzunft erfolgreich zu verteidigen: Eckhart Grünewald > Sanctus amor patriae dat animum – ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930 (Mit Edition), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters / Zeitschriftenband (1994) / Zeitschriftenteil / Artikel / 89 – 126 – http://www.digizeitschriften.de/dms/resolveppn/?PID=GDZPPN000360287. Der hier zitierte Artikel von Eckhart Grünewald enthält zum ersten Mal den Text des Vortrages: Ernst Kantorowicz, Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte – auch heute noch ein sehr wichtiger Grundlagentext: „Sie sehen, worauf es hier ankommt: der eine Schluß benötigt nur den rechnenden Verstand, der andere außerdem die schöpferische Vorstellung, die imagination créatrice.“ (loc cit., S. 115).

Im Kapitel 9 „Auf dem Weg zur wissenschaftlichen Karriere“ wird sein Weg zum Hochschullehrer erzählt. Allerdings hat er vorher noch den Ergänzungsband für Kaiser Friedrich II fertiggestellt. (S. 169-177) . Bei Klett-Cotta ist der Band leider vergriffen. Vielleicht war dieser Band auch eine Antwort auf die Kritik am Grad der Wissenschaftlichkeit  der Biographie über Friedrich II. Einer solchen Meinung kann dieser Band mit dem sehr umfangreichen Apparat an wissenschaftlichen Belegen einschließlich der 10 Zusatzkapitel beruhigt widersprechen. Im Vorwort erinnert EKa an seine Methode: dass „… durch noch so ausgedehnte Quellenbezüge sich niemals das Wesentliche  beweisen läßt; die Grundauffassung […]  und als deren Ergebnis: das historische Bild.“ (zit auf S. 169)

Es folgt die Bewerbung in Frankfurt mit großen Schwierigkeiten und schließlich beginnt er als ordentlicher Professor im Wintersemester 1931/32 dort zu lehren. Der Bericht über die folgenden Jahre bis 1938 – mit einem Aufenthalt in Oxford (S, 211-234) und seiner Flucht aus Deutschland 1938 zeigen einen EKa der vor allem den Grundsätzen seines Faches in diesen stürmischen Zeiten treu bleibt und alles daran setzt, seine Lehre zu verteidigen, ohne je seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Dabei half ihm auch sein ausgedehntes Netzwerk, das hier in einer eigentlich über den Rahmen einer Biographie hinausgehen Maße vorgestellt wird. Das ist aber auch nötig, denn sonst können die Erfolge EKas kaum nachvollzogen werden. Später wird er bei anderen Gelegenheiten alles daran setzten, auch Andere in misslichen Lagen, besonders wenn er die Freiheit der Lehre bedroht sieht, nahezu bedingungslos zu verteidigen.

In den USA beginnt seine Stellensuche wieder von neuem, bevor er in Berkeley nach immer neuen Zeitverträgen auch dort wieder auf einen Lehrstuhl berufen wird. Kantorowic war keinesfalls nur Mittelalterhistoriker. Er war zudem ungeheuer produktiv. In Berkeley sind seine getippten Vorlesungen mit 6000 Seiten in 22 Ringordnern erhalten (S. 325). Zwischendurch erscheint Laudes regiae (S. 287-300), in dem er die Ursprünge und die Transformation von „Christus vincit“ untersucht. Landers Kapitel zu diesem Buch ist ein vorzügliche Einführung, die den Leser auffordert, Laudes regiae  nochmal zur Hand zu nehmen.

Bis Juni 1949 war für EKa die Welt in Ordnung, als mit dem Streit um den kalifornischen Loyalitätseid (S. 371-391) durch die ausbrechenden Kommunistenangst entstand. EKa weigerte sich den erweiterten Eid abzulegen und verstand ihn als Gesinnungsschnüffelei. Ihm ging es um, die persönliche und berufliche Ehre, sowie die Freiheit der Lehre. Auch zeigt er sich empört, dass die Autoren und die Verteidiger des Eides nicht verstanden, dass die Universität mit ihrem Lehrkörper eine Einheit bildet. Er war der Überzeugung, dass diese Einheit sich durch nichts auseinanderdividieren lasse dürfe. Schließlich verlor er seine lebenslange Stellung in Berkeley und war sicher auch daran erinnert, dass er schon einmal aufgrund einer Ideologie schon einmal gezwungen war, seine Lebensstellung aufzugeben. Sein unbedingtes Eintreten für die Idee der Universität wirkt auch heute noch sehr inspirierend und lehrreich.

Ernst H. Kantorowicz, > The Fundamental Issue. Documents and Marginal Notes on the University of California Loyalty Oath – Auf der Website der Universität Berkeley
sowie in: Walter Seitter, Schriften zur Verkehrswissenschaft 16(1991) S. 33-75: vgl, dazu die Anmerkung 4, Lerner, S. 527.

Zur Unterstützung des Berufungsverfahrens nach Princeton empfahl > Felix Gilbert (1905-1991): „Seine Arbeit und seine Interessen überschreiten das Gebiet der mittelalterlichen Geschichte, wie es üblicherweise chronologisch, geographisch, thematisch und methodisch definiert wird. Chronologisch reichen sie von der klassischen Antike bis ins fünfzehnte oder sechzehnte Jahrhundert. Thematisch-methodisch widmen sie sich komplizierten und facettenreichen Problemen und durchleuchten sie aus all den verschiedenen Blickwinkeln, die ihm seine Kenntnis noch der verstreutesten Spezialgebiete und Methoden erlauben.“ (zit. auf S. 396)

Er hatte Glück und bekam einen Ruf nach Princeton, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Dort entstand ein weiteres wichtiges Buch: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters (Originalausgabe, Princeton 1957). Sein Biograph nennt das Buch eine „Ansammlung derartiger Schmuckstücke unter einem Buchdeckel… : das Kabinett des Dr. Kantorowicz.“ Die Formulierung ist wunderbar. Eine grundlegende These gibt es nicht in diesem auch heute unüberholten Standardwerk, das Historikern eine reiche Fundgrube überreicht, ja ein Vademekum der Macht ist. Lerner nennt das Buch eine „Anthologie verschiedener Diskussionen zur Transformation christlich-theologischer in politische Formulierungen“ (S. 417). Es fällt auf, dass die Politische Theologie (1922) von Carl Schmitt (1888-1885) von Kantorowicz nie genannt wird. EKas Buch ist auch ein Forschungsbericht, wie man sich diesem Thema nähern kann, welche Bedeutungslinien man nachgehen muss, wie man wieder zur eigentlichen Frage zurückkommt. Wir dürfen hier die These wagen, dass Verfassungsgeschichte des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit und darüber hinaus mit diesem Buch eine unverzichtbare Grundlage erhält. Wenn man sich an seinen Sprachduktus gewöhnt hat lernt man schnell die entscheidenden Passagen Seiten und Kapitel in diesem Buch aufzufinden: Kirche, Staat, der politische Körper, die Stellung des Königs, Corpus mysticum, Rex et patria, Kontinuität; aeternitas, aevum und tempus, er König stirbt nie (S. 405): ein exzellentes Buch für ein spannendes Hauptseminar.

Jean Lebrun sprach mit dem Historiker Jacques Delarun > Ernst Kantorowicz (1895-1963) et les deux corps du roi – France-inter – 21. August 2019 – 28 Minuten

Das Kapitel über Die zwei Körper des Königs (S. 409-429) erinnert auch an Kantorowicz‘ historiographische Grundsätze: „Nie könne Geschichte das ‚Warum‘ von Geschichte erklären, weil die Welt sich nicht auf ein „weil“ hin entwickle. 1954 hat er diesen Grundsatz in einem Brief erläutert: „Hier, Verehrtester, meine Skepsis bezüglich der Erklärbarkeit historischer Phänomene. Sie können zur Not erklären, wie etwas Vorhandenes entstanden ist. Aber warum es entstanden ist, oder gar warum es irgendwo nicht entstanden ist, entzieht sich meiner Ansicht nach unserer Urteilsfähigkeit. Warum ist überhaupt eine Frage, die nur Theologen und Kinder – Pardon: ich vergaß ‚Geschichtsphilosophen‘ stelle, […] der Historiker fragt ; Wie ? und nie Warum! Und die Antwort ist darum nie ein Weil sondern ein So.“ S. 367

Am 9. September 1963 ist Ernst Kantorowicz in Princeton verstorben.

Robert E. Lerner
Ernst Kantorowicz
Eine Biographie
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gruber (Orig.: Ernst Kantorowicz)
1. Aufl. 2019, 554 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Tafelteil mit 25 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-96199-7

 

Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch

Stephan Detjen ist Jurist und Historiker. Er leitet in Berlin das Hauptstadtbüro vom Deutschlandradio. Im August 2015 warfen Kritiker der Bundesregierung „ständigen Rechtsbruch“ vor. In ihrem Buch, das er und Maximilian Steinbeis verfasst haben, prüfen sie diese Behauptung und zeigen, wie deren ungeprüfte Weitergabe an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt. Wie kommt es aber zu dem Titel Die Zauberlehrlinge Mit dem Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“? Klett-Cotta: Stuttgart 2019. Vergriffen.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2019 für den Blog von Klett-Cotta verfasst und mit diesem Video dort veröffentlicht.

Erst kamen die Flüchtlinge in so großer Zahl im Sommer 2015 über Ungarn nach Deutschland, dann schrieb Ulrich Vosgerau, eine Staatsrechtsdozent aus Köln,in der Zeitschrift Cicero einen Artikel mit der Überschrift „Die Herrschaft des Unrechts“. Wie konnte es aber passieren, dass diese Auffassung eine so steile politische Karriere machte?

Die Kritiker sprachen von Rechtsbruch, ohne aber tragfähige Alternativen aufzuzeigen: Im Vordergrund stand die Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen geöffnet zu haben. Nun die Grenzen war offen, da gab es nichts zu öffnen. Horst Seehofer verlieh dem Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ kurz vor dem Aschermittwoch 2018  seinen ministeriellen Segen, in dem er ihn in einem Interview nannte und so eine Granate nach Berlin abschoss, war das populistisch, darf man fragen.

In Deutschland habe mit den Folgen der These vom Rechtsbruch, so beide Autoren, habe die „Rechtskultur gelitten“, Stephan Detjen sprach im Studio 9 auch von einer „Erosion des Rechtsbewusstseins“, kann man damit den Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl deuten?

Die Gretchenfrage: Hatte die Bundesregierung im August/September 2015 eine Handlungsalternative? Die Grenzen schließen? Die Fehler und die Versäumnisse der Bundesregierung liegen aber wohl woanders: „Die Bundesregierung hat viel zu lange geglaubt, das Problem vernebeln und sich alle Optionen offen halten zu können, anstatt öffentlich aufzuklären darüber, auf welche rechtlichen Vorgaben sie ihr Tun und Unterlassen gründet.“ (S. 231)

Damit ist die Bundesregierung aber nicht allein. Sie und Herr Steinbeis nehmen aber auch die Juristen in den Blick, die das Europarecht irgendwie nicht richtig auf dem Schirm hatten. Und die Medien geraten auch in das Visier von ihnen beiden. Die Medien hätten sich von der „Kraft der Erzählung von der angeblichen Herrschaft des Unrechts“ faszinieren lassen und so indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen.

Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis
Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Das Buch ist leider vergriffen.
1. Aufl. 2019, ca. 176 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-96430-1

Zu diesem Thema vgl. auf > www.france-blog.info: > Les réfugiés, les migrants, les demandeurs d’asile et les droits de l’homme. Une interview de la Présidente de la CNCDH > www.france.blog.info – 28. Januar 2016 von H. Wittmann

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