Rezension : Ursula Krechel, Vom Herzasthma des Exils

Ursula Krechel, Vom Herzasthma des ExilsDas Thema der Migranten ist spätestens seit der Versicherung von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir schaffen das!“ zu einem ganz besonderen Reizthema geworden, das besonders von einer Partei am ganzen rechten Rand zum populistischen Stimmenfang genutzt wird: vgl. > Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Ursula Krechel hat zu diesen Themen für die kleine weiße Reihe bei Cotta einen sehr bemerkenswerten Essay verfasst: > Vom Herzasthma des Exils. Sie hat sich vorgenommen „Etappen, Widersprüche und Konsequenzen der Migrationsgeschichte von der französischen Revolution bis ins 21. Jahrhundert“ (so der Klappentext) in den Blick zu nehmen. Das ist wahrlich ein anderer Blick auf Migranten, als bei diesem Thema von einem Zaun rund um Deutschland zu schwadronieren. Auf dem Klappentext steht auch: Krechel „stößt auf eine Einwanderungsgesellschaft, die keine sein will, die sich der elementaren Einsicht verweigert, dass diejenigen, die sich auf den unberechenbaren Weg machen, den Respekt der Sesshaften verdienen.“ Damit ist der Ton dieses Buches angeschlagen. Jedes einzelne Wort dieses Satzes trägt ein Argument zum Schutz der Migranten in sich, der in der Forderung nach mehr Respekt gegenüber denjenigen, die meist aus furchtbaren Gründen wie Krieg, Naturkatastrophen und Verfolgungen jeder Art sich oft auf einen sehr beschwerlichen und gefährlichen Weg machen, ihr Leben riskieren, um in Sicherheit für Leib und Leben zu gelangen, das als ein Menschenrecht man ihnen doch nicht absprechen dürfte.

In 24 Kapiteln fächert Ursula Krechel, die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Migrationsströme seit der Französischen Revolution auf. Sie beginnt mit einem Lesetipp: Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und ihren Erinnerungen an dem Mai 1793 als die Herrschaften aus Mainz fliehen mussten. In diesem Text steht, wie Emigranten sich „zwischen Hoffen und Bangen“ bewegen, der Blick auf die „unsichere Zukunft“, der Ansporn trotz allen Elends eine „Contenance zu bewahren“, der „Verlust des Vertrauten“. Das schreibt sich so leicht, aber manche Migranten haben kaum mehr noch als ihr Leben.

Adelbert von Chamisso (1781-1838) wird von Krechel auch unter die Emigranten gezählt, ein „Sprachwechsler“ schreibt sie und zeigt seine dadurch erworbene Überlegenheit an, die aber oft leider nur in ihren Mängeln gewürdigt wird. „Anpassungsleistungen“ ist das nächste Stichwort, das im Zusammenhang mir Chamisso fällt und für alle Migranten gilt: „Immer lebte er im Dazwischen“ (S. 15), so bringt sie sein Leben auf den Punkt. Das ist die Situation aller Migranten zu allen Zeiten.

Karl Marx wurde auch ab Oktober 1843 zum ständigen Migranten, er gesellte sich zu den Migranten in Paris, entdeckte ihre Elend, kritisierte den preußischen König, was man daheim gar nicht goutierte. Alexander von Humboldt beklagte sich beim französischen König und Marx musste wieder auf Wanderschaft gehen, diesmal nach London, wo Das kommunistische Manifest entsteht. Der staatenlose Marx hatte keinen Pass.

Das Kapitel „Zahlen“ berichtet von dem Gedenkbuch aus dem Jahr 2018: Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste: Jeder Eintrag ein bewegendes Schicksal: Tod in der Fremde durch Ertrinken, Unglücke auf Reisen, Erfrierungen, Selbstmord, etc. „Die Zahl der Flüchtlinge, die „irregulär“ in die EU reisen, haben sich zwischen 2023 und 2024 um 40 Prozent verringert,“ schriebt Krechel und fragt warum? EU-Gelder stützen die lybische Küstenwache… Hier fällt das Wort „irregulär“, das auch rechtlos bedeuten könnte, auf jeden Fall nicht regelkonform, dahinter steckt die Klage, dass wenn der Migrant am Ziel ankommt, wird die Art, wie er ankommt, auf seine Person übertragen, „irregulär“ klingt nach unerwünscht.

Unzählige Dramen spielten sich bei der Einwanderung in die USA im Kontrollzentrum Ellis Island abgespielt haben, so 12 Millionen Menschen zwischen 1892 und 1914 passierten. Alle weiteres Beispiel, das Krechel nennt, fügen dem Bild vom Migranten weitere Aspekte hinzu: „Selbstentwurzelung“ nennt Krechel den Abschied von den Eltern, den z. B. Peter Weiss erzählt hat.

115 Millionen Menschen war laut der UNO-Flüchtlingshilfe 2023 als Flüchtlinge in der ganzen Welt unterwegs: „Das Europa das begehrteste Fluchtziel ist, ist eine Angstfantasie, genährt vom Populismus.“ (S. 65)

Krechel berichtet über viele Einzelschicksale, an denen sie die drängendsten Probleme heutiger Migranten aufzeigt, So auch Milena Jesenská, eine Prager Journalistin, die 1937 eine Unterkunft mit Flüchtlingen aus Deutschland besucht und feststellt, dass sie nicht arbeiten dürfen, „…sie hören die Zeit verrinnen, stehen da und warten auf morgen.“ (S. 75) Die fehlende Beschäftigung, das Nichtstun steht jedem Versuch einer Integration entgegen und Krechel unterstreicht das so berechtigte Mitleid in den Reportagen von Milena Jesenská. – Noch ein Beispiel. Im Kapitel 11 „Stellvertreter“ stellt Krechel den Band Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie (N.V. Noord-Hollandsche Uitgevers Mij, 1939) von Ernst Grünfeld vor, in dem er das „Exil als Lebensform“ (so Sven Papke) untersuchte. Die Reportagen von Jesenská und das Buhc von Grünfeld erreichen offenbar eine Dimension der Analyse hinsichtlich des Exils, die heute den Klagen über „illegale Migranten“ völlig fremd ist.

Ende der 70er Jahre rettete Rupert Neudeck (1939-2016) mit seiner Initiative und der Cap Anamur mehr als 11000 Menschen vor dem Ertrinken im Südchinesischen Meer. Ich erinnere mich gut an seine Erzählung, wie er seinen Kameraden auf der Cap Anamur einen Karton mit Die Pest von Albert Camus mitgebracht hatte: „Die Bibel der NGOs“, sagt er.

Die vier Kapitel über Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehren, sind erschütternd, weil sie zeigen, mit welchem Misstrauen Rückkehrer empfangen wurden. Rückkehrer, Wanderer zwischen Welten, verlieren die immer oder sogar für immer ihre Heimat?

Vertreter einer Partei bei uns, die mit Wort „Remigration“ (Kapitel 24) Wahlwerbung betreiben, nehme es in Kauf, damit Angst und Schrecken zu verbreiten ist. Ihr Populismus verfängt, weil Fremdenhass in Form von gutgemeinter Warnung vor Messerstechern als einfache Lösung präsentiert wird. Mittlerweile denken manche mit Schrecken an die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, die manche Politiker bei uns als Vorbild für ähnliche Behörden bei uns vorschlagen. Dann darf man gleich nochmal daran erinnern, wie Migranten, die bei uns Frieden suchen, stigmatisiert werden, ihre Rechte durch den Begriff „Illegale“ vernebelt werden und straffällige, ausreisepflichtige Migranten dazu dienen Migranten in ein schlechtes Licht zu stellen.

Viele, die heute über Migranten klagen, sollten vorher diesen Essay von Ursula Krechel lesen. Sie entwickelt eine Art Phänomenologie der Entwurzelten, der Menschen und ihren Fluchtbewegungen, gehasst, vertrieben oder geflüchtet nur noch mit ihrem Leben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und sie wissen oft gar nicht ob ihr Ankunftsort schon das Ziel ist. Länder bauen oder Parteien fordern Zäune, um Migranten abzuwehren. Ihnen sagt Krechel: Nicht die Migration bedroht Europa, die Bedrohung kommt aus dem Kern, aus einer Erosion demokratischer Werte.“ (S. 109) Dazu gehört auch das Kapitel 17 „Begriffe“, das den Umgang mit Migranten aus der Sicht der Behörden unter die Lupe nimmt. In Großbuchstaben zitiert sie die Begriffe „Duldung“ und „Kettenduldung“ (S. 117) Menschenverachtend sind sie, weil damit zugleich gesagt wird, dass die Betroffenen keine Perspektive haben. Ihr dürft hier nicht bleiben. Mit solchen Begriffen beginnt der Niedergang, die Abwertung demokratischer Werte. Ihr Essay ist ein gelungenes Plädoyer für mehr Achtung vor den Migranten, die mit der Ankunft bei uns, soviele Hoffnungen mitbringen.

Ursula Krechel
Vom Herzasthma des Exils
Stuttgart: Cotta 2025
ISBN: 978-3-7681-9852-3

Lesebericht und Nachgefragt: Simon Strauß, In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht

17 war Simon Strauß, als er in seiner Schule Unsere kleine Stadt von Thornton Wilder inszenierte. Die wichtigsten Fragen zu diesem Stück: „Was macht Bewohner zu Bürgern? Wie wird aus einer zufälligen Ansammlung von Menschen eine schicksalhafte Gemeinschaft?“ (S. 8) Fragen wie diese inspirierten ihn zu der Idee, das Gefühl der Nähe am Beispiel einer Stadt im Osten zu untersuchen: „Wie ist in Zeiten wachsender Selbstgerechtigkeit und digital befeuerter Schmählust noch Gemeinschaft möglich?“ (S. 24) lautet die Schlüsselfrage. Ein Mikrokosmos, in dem sich viele Probleme zeigen, die heute ganz Deutschland beschäftigen: Ist „das Vertrauen in die repräsentative Demokratie“ (S. 24) auf dem Rückzug? Dazu kommen Besorgnisse wegen der Daseinsvorsorge, der Überalterung oder der Migration.

Die Geschichten der Bewohnern Prenzlaus, die Strauß hier nacherzählt, sind auch die Probleme von uns allen. Alle, die in seinem Buch mit ihrer Lebenssituation vorkommen, vom Bürgermeister über die aktive Kitaleiterin, vom syrischen Flüchtling, über den AfD-Politiker, den Oberstleutnant, bis zu der jungen Wissenschaftlerin verkörpern Enttäuschungen und auch den unbedingten Willen durchzuhalten.

Je mehr und je besser Strauß Prenzlau und seine Bewohner durchschaute, umso mehr merkte er, wie in dieser Stadt das Gemeinschaftsgefühl funktioniert und wieso alle anderen in Deutschland davon so viel lernen können. Das Gefühl der Gemeinsamkeit im Osten ist nun mal ein anderes als im Westen, wo es ein ähnliches „identitätsstiftendes Moment“ (S. 30) einfach nicht gibt. Sogar das Bundesverfassungsgericht glaubte uns (nicht nur) im Westen, an die „Gewährleistung des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ (S. 32) erinnern zu müssen: die Nähe braucht jeder, um ein Bürger zu werden. Und was kann die Politik vor Ort dazu beitragen? So erklärt Strauß sein Vorhaben und mit der Beantwortung dieser Fragen aufgrund seiner detaillierten Kenntnisse der Stadt Prenzlau und ihrer Bewohner gewinnt er überraschende Einsichten, die auch die ganze bundesdeutsche Politik betreffen, man muss eben hier nur genauer hinsehen.

Der Nähe steht aber die Skepsis vor den Geflüchteten gegenüber. Es geht um die Errichtung eines zweiten Flüchtlingsheims und die örtliche AfD hat von 19.000 Einwohnern 15.700 Stimmen gegen das Projekt gesammelt. Aber die Landrätin Dörk muss erklären, dass das Flüchtlingsheim „eine Pflichtaufgabe zur Erfüllung nach Weisung“ sei und der Uckermärcker Kreistag gar keine Chance habe, das Projekt abzulehnen. Nach hitziger Debatte wird das Bürgerbegehren für unzulässig erklärt. Die Entscheidung für das zweite Flüchtlingsheim sei gegen den Willen des Volkes gefallen, notiert Strauß.

„Flüchtlingsheim“ klingt abstrakt. Das folgende Kapitel, das vom Schicksal des Syrers Hamza Albdeiwi berichtet, dreht in diesem Buch die Perspektive. Er teilt mit den Prenzlauern die Hoffnung auf Nähe: Albdeiwi gibt Arabischkurse und sucht einen Ausbildungsplatz als Pflegekraft. Er lernt Deutsch und als er sein Zeugnis endlich erhalten hat, wird ihm erklärt, jetzt seien die Plätze belegt.

Die Geschichte Prenzlaus mit der Erinnerung an den Einmarsch der Roten Armee ist noch immer eine offene Wunde, weiß der Stadthistoriker Wilhelm Zimmermann zu berichten. In der DDR wurde der Hitlerfaschismus für die zu 85 Prozent zerstörte Stadt verantwortlich gemacht. Diese Geschichtsklitterung hat Spuren hinterlassen. Die Wende ließ viele Gewissheiten zusammenbrechen. Es dauerte, bis ein neues „Könnens-Bewusstsein“ (S. 87) sich wieder einstellte.

Der parteilose Hendrick Sommer ist seit 2010 Bürgermeister in Prenzlau. Eines seiner Stichworte lautet „Vertrauenswürdigkeit“ (S. 97), ein Gefühl, das den Menschen vor Ort, die Sicherheit gibt, es ist jemand für sie da. Und dann steht er plötzlich für eine Wiederwahl nicht mehr zu Verfügung. Ist der Grund wirklich die stärker werdende AfD-Fraktion im Stadtrat?

Die Schließung nach der Wende der traditionsreichen Zuckerfabrik von 1872 wie auch des 1889 gegründeten Schlachthofs haben Narben hinterlassen. Und dann ist da noch das Armaturenwerk, das nach der Wende noch einige Zuckungen macht, und dann das Gefühl hinterließ, die aus dem Westen sahen die DDR nur als Markt, den es zu erschließen galt. (vgl. S. 118) Die Einheit ist noch nicht vollzogen, solange das Wort „Ost“ eine „Negativvokabel“ (S. 119) ist. Strauß: „Es ist genau dieses Gefühl von fehlender politischer Nähe, die den Nährboden dessen bildet, was sich im Osten tagespolitisch in Umfragewerten und Wahlergebnissen ausdrückt.“ (S. 129) In der Bundeshauptstadt wird entschieden, die Prenzlauer müssen nur folgen…

Stefanie Mißfeldt leitet eine von 8 Kitas in Prenzlau. Pragmatisch weiß sie, wie Lösungen für Probleme gefunden werden: „Geteilte Nähe als Voraussetzung für gemeinsame Lösungen“ (S. 133)

Und dann trifft Strauß Felix Teichner, der dreifache Abgeordnete: in der Prenzlauer Stadtverordnetenversammlung, im Uckermärker Kreistag und im Brandenburger Landtag. Seine Partei, die AfD, ist „gesichert rechtsextremistisch“ (S. 139): Was uns trennt, scheint mir an diesem Abend ziemlich klar, was uns verbinden könnte, kann ich mir nicht recht vorstellen,“ (S. 139) erinnert sich Strauß. Trotzdem tauscht man höflich Visitenkarten. Das in Prenzlau ansässige Eiscremewerk wird geschlossen… Arbeit könnte man vielleicht in Berlin finden, dieses ferne Berlin, wo Gesetze gemacht werden, die das Leben der Prenzlauer erschweren…. Die Ministerin für Finanzen und Europa der Landesregierung ist angereist und sagt „Man kann nicht auf Dauer gegen eine Mehrheit Politik machen.“ (S. 141, vgl. S. 142-143) Die gewagte Formulierung bringt ihr Applaus ein. Nebenbei notiert Strauß, dass der einzige Bundestagsabgeordnete, der sich hier blicken lässt, Hannes Gnauck von der AfD sei. Meiden die anderen Parteien die Nähe? Verpasste Chancen. Schade. Zum Abschied verabredet Strauß sich mit Felix Teichner in Güstrow, der seinem Gast erklärt, wieso er „systemkritisch“ (S. 152) geworden ist. Und Teichner betont die Nähe in der Gemeinschaft, gegenseitige Hilfen, Unterstützung bei Lebenskrisen, eigentlich ein „typischer Ost-Wert“ (S. 153) berichtet Strauß. Verändern? Teichner will lieber „was hier passiert, … beenden.“ (S. 156) Er mag seine kleine Stadt mit dem „gesunden Menschenverstand“ (S. 157). Aber die Migranten stören ihn, wie er es am 22. Februar 2023 im Brandenburger Landtag zu Protokoll gegeben hat: vgl. S. 158-159. Sein wirres Frauenbild und seine Verallgemeinerungen sollen das Feindbild verstärken und gleichzeitig erklärt er, es werde nichts dagegen getan: „Das Vorzeichen eines nach der Macht greifenden Nonkonformismus,“ (S. 159) notiert Strauß. Und wie hält Teichner es mit der Erinnerungskultur? Die zwölf Jahre seien „die schlimmste Zeit für die Deutschen gewesen,“ (S. 165) zitiert Strauß seinen Gesprächspartner. Dann nennt er die Schandtaten der Russen… „Aufrechnung“ (S. 165), resümiert Strauß und fügt hinzu, eine Ansicht, wie sie in der AfD weit verbreitet sei, keine Befreiung, sondern „eine Niederlage“. Und dann sprechen sie über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, nein für Deutschland würde Teichner nicht kämpfen wollen, nur wiederkommen, wenn alles vorbei sei. Deutschland sei für ihn nicht verteidigungswürdig? Der Erfolg der AfD? Ihre Meinungsmache, gezielte Falschinformationen, Hetze über Fake-Accounts (vgl. S. 181)? Und dann kommt das Aus für das Flüchtlingsheim. Sinkende Flüchtlingszahlen, so die Landrätin Dörk, machten das Heim nicht mehr notwendig. Teichner frohlockt: seine Partei hat das Flüchtlingsheim verhindert; jetzt müsse auch die Landrätin ausgetauscht werden.

Die Bundestagswahl 2025 illustriert den Erfolg der AfD im Osten. Der ehemalige Ministerpräsident Matthias Platzek erinnert an das ostdeutsche Bewusstsein, das noch so nahe an der Diktaturerfahrung sei: Alles habe sich verändert auch die Kinder ziehen weg… statt der gewohnten Nähe mache sich ein Gefühl der Leere breit.

Strauß‘ Gesprächspartner, zu denen auch ein Oberstleutnant zählt, berichten alle, dass der Osten nun mal (immer noch) anders ticke als der Westen und dass im Grunde genommen, der Austausch, die Annäherung immer schlechter funktioniere… es ist ganz so, als ob die Parteien der AfD das Feld überlassen hätten.

Das Resümee dieses Buches gerät zu einer Art Manifest. Wir verlieren im Osten einen gemeinsamen Traum. „Die Bereitschaft, etwas zu opfern, hängt an der Vorstellung, wofür man es tut.“ (S. 207) Strauß zitiert Imre Kertész, der die neue Freiheit auch als Zusammenbruch alles Bisherigen deutete. Man möchte die Nähe beibehalten und die Politik, die sie nicht fördert, wird abgelehnt. Der Westen muss den Ausdruck von politischem Willen nicht als nonkonforme Ablehnung, sondern als Chance begreifen. (vgl. S. 218) In diesem Sinne ist Simon Strauß ein eindrucksvolles politisches Lehrstück gelungen. Der Mikrokosmos Prenzlau bündelt wie unter einem Brennglas die wirklich drängenden Probleme Deutschlands, Ost und West. Die Politik in Berlin, müsste dieses Buch als einen Weckruf begreifen: Zeigt den Hochburgen der AfD im Osten, dass ihr die Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche auch im Osten Deutschlands versteht, zeigt den Bürgern Perspektiven auf und überlasst das Feld nicht der AfD.

Heiner Wittmann

Simon Strauß
In der Nähe
Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht
Stuttgart: Klett-Cotta 2025

P.S.: Dieser Beitrag entstand im Rahmen meiner Zusammenarbeit mit Klett-Cotta. Für den Verlag habe ich von 2006 bis 2025 440 „Lesebrichte“ und zrund 150 Gespräche mit Autoren als Video aufgezeichnet, von denen nach Einstellung des Blogs 150 auf die Website von Klett-Cotta übernommen wurden.

Unterrichten in Schulpforta

Mit den Monaten nach Schloss Bieberstein als Französisch- und Geschichtslehrer in der Landesschule Pforta in Naumburg auf den Spuren von Friedrich Nietzsche, der dort von 1858-1864 Schüler war, sind nachdrückliche Erlebnisse und Erinnerungen verbunden. Sue Prideaux hat in ihrer Biographie ausführlich über die Schulzeit Nietzsches in Schulpforta berichtet: Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche.

Schloss Bieberstein, ein privates Oberstufengymnnasium der Hemann-Lietz-Stiftung auf deiner hohen Bergkuppe und dann die Landesschule Pforta, ein öffentliches Internatsgymnasium für Hochbegabte in einem alten Zisterzienser Kloster vor den Toren von Naumburg. Kleine Lerngruppen auf Schloss Bieberstein und in der Landesschule – insgesamt 300 Schüler/innen – hatte ich 82 Schüler in fünf Klassen. Der vergleich der beiden Internate war sehr lehrreich. Beide Schulen haben ihren jeweils ganz eigenen spiritus loci. Das altehrwürige Schloss oberhalb von Hofbieber bei Fulda, das Hermann Lietz kurz nach 1900 erworben hat, um darin eine seiner Schulen zu gründen und die Landesschule, die 1543 das Kloster bezog, dass die Zisterzienser kurz vorher aufgegeben hatten. Zum Kloster gehört noch heute eine Kirche, die größer als so manche Stadtkirche ist und in der u .a. am Montagabend, Schüler/innen de Andacht weitgehend selbst gestalten. Wenn sie singen, könnte an meinen, die Kirche sei voll. Heute lernen in Schulpforta rund 300 Jugendliche der Klassen 9 bis 12 unter anspruchsvollen Aufnahmebedingungen und im Rahmen des Internatslebens. Ziel der Schule ist es weiterhin, talentierte junge Menschen unabhängig vom sozialen Hintergrund zu fördern, weshalb die Internatskosten vergleichsweise niedrig sind und zusätzliche Unterstützung durch Stiftungen erfolgt.

Unser Fotoalbum:

Nach dem Weggang der Zisterziensermönche 1540 wurde das Kloster 1543 von Kurfürst Moritz von Sachsen in eine staatliche Internatsschule für begabte Jungen umgewandelt, die kostenlos ausgebildet werden sollten. Anfangs lag der Schwerpunkt auf den Alten Sprachen, besonders Latein, und die Schule entwickelte sich trotz Kriegen und Krisen zu einer bedeutenden Bildungsstätte mit vielen berühmten Absolventen. Im 19. Jahrhundert erlebte Schulpforte unter preußischer Herrschaft eine Blütezeit, während sich im 20. Jahrhundert durch Weltkriege, Inflation und politische Umbrüche tiefgreifende Veränderungen ergaben. ⚔️ Während der NS-Zeit wurde die Schule zur nationalsozialistischen Eliteschule umgestaltet, später in der DDR in das sozialistische Bildungssystem integriert, wobei nach und nach neue Schwerpunkte wie Sprachen und Musik entstanden. Nach der deutschen Wiedervereinigung ging die Schule in die Trägerschaft Sachsen-Anhalts über, wurde modernisiert und um einen naturwissenschaftlichen Zweig ergänzt, sodass heute etwa 300 Schülerinnen und Schüler dort gemeinsam lernen und leben. Noch nie habe ich in einer Schule so viele Klaviere gesehen… und eine Schülerin, die ich suchte, saß in einem der Übungsräume und übte Harfe. In einen der Clubraeume kamen abends 20 Schüler/innen und wir haben den Klavierspieler vom Gare du Nord angeguckt. Ein anderer hatte mir Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ mitgebracht und wir haben mehrere Wochen lang, regelmäßig darin gelesen und darüber diskutiert.

Die Landesschule Pforta fördert besonders begabte Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse in den drei Schwerpunkten Fremdsprachen, Musik oder Naturwissenschaften, ohne die allgemeine Bildung zu vernachlässigen. Neben der fachlichen Vertiefung legt die Schule großen Wert auf soziale Kompetenzen, die durch das gemeinsame Leben im Internat und die Betreuung durch Lehrer als Hauseltern gestärkt werden. Als zertifizierte Begabtenförderschule ist sie Teil mehrerer Fördernetzwerke und Initiativen, wodurch ihre Absolventinnen und Absolventen zusätzlich zum Abitur besondere Leistungsnachweise für Studium und Beruf erhalten.

Schulpforta besitzt eine bemerkenswerte Historische Bibliothek, die um 1570 gegründet wurde und umfasst heute rund 80 000 Titel umfasst. Sie gehört jedoch aufgrund fehlender Neuanschaffungen seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem zu den wissenschaftlich-historischen Sammlungen. Ihre Bestände reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, darunter mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln, und wuchsen über Jahrhunderte durch staatliche Mittel, Spenden und Geschenke erheblich an. Heute ist sie eine Präsenzbibliothek für Forschung und historische Studien, während aktuelle Literatur den Schülerinnen und Schülern in einem modernen Studienzentrum zur Verfügung steht.

Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803), Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), Philosoph.Leopold von Ranke (1795 – 1886), Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), Karl Gotthart Lamprecht (1856 – 1915) gehören zu den berühmten Schülern dieser Schule.

Lesebericht: Patrick Bahners, »Die Wiederkehr Die AfD und der neue deutsche Nationalismus«

Verfasst am 4.8.2023 für die Website von Klett-Cotta:

Gerade melden die Agenturen die AfD liege mit nahezu 20 % in den Meinungsumfragen gleichauf mit der SPD. Erst vor kurzem hat Maximilian Krah, der gerade gekürte Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, für die EU eine „Transformation in einen Bund der Vaterländer“ vorgeschlagen: Das klingt nach de Gaulle und das mit seinem Namen so oft verknüpfte „Europa der Vaterländer“ (Frankreich-Blog), was er vehement und aus gutem Grund abgelehnt hat.

Dem Vernehmen nach, habe die missglückte Debatte um das Heizungsgesetz und ein gewisses Misstrauen in die Politik der Ampel-Koalition diesen Aufschwung der AfD begünstigt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, man muss schon viel genauer hinsehen, um die Gunst der Wähler zugunsten der AfD und die Entstehung des neuen Nationalismus in und mit der AfD zu analysieren. Außerdem muss auch der Populismus der AfD, Probleme ansprechen, aufbauschen und einfache Lösungen vorschlagen, in den Blick genommen, bewertet und erklärt werden. In einer ausführlich belegten Dokumentation mit vielen Beispielen untersucht Patrick Bahners die Gründung und die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung vor 10 Jahren. Ihre Wahlerfolge in den Ländern und im Bund zeigen, dass der deutsche Nationalismus wieder da ist, den man eigentlich 1990 für überwunden hielt.

In der Einleitung zu seinem Band »Die Wiederkehr« mit dem Untertitel »Die AfD und der neue deutsche Nationalismus« erinnert Bahners an die missglückte Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen zum Ministerpräsidenten. Nach der Verfassung waren alle Regeln eingehalten wurden. Politisch missglückt war die Wahl dennoch, weil Kemmerich offenkundig mit Hilfe der AfD Bodo Ramelow mit einer Stimme Vorsprung besiegt hatte: Vgl. Testfall Thüringen S. 235-322: 5. Februar 2020 13:27: 19 bange Sekunden benötigte Kemmerich, um sich zu sammeln und bis er die Frage, ob er die Wahl annehme, mit Ja beantwortete. Worüber er wohl nachgedacht hatte? Über die Folgen? Mit Hilfe der AfD gewählt zu werden? Wie auch immer, ein Tabu war gebrochen worden. Von der Gnade der AfD zu leben, um regieren zu dürfen, das will sich eigentlich niemand zumuten müssen.

„Der Nationalismus ist wieder eine politische Kraft in Deutschland,“ heißt es auf der ersten Seite der Einleitung „Die gefährdete Republik“. Die Krise der Demokratie, die Flüchtlingsbewegung des Sommers 2015, eine Enttäuschung über die Parteien, die im Bund und in den Ländern die Regierung und die Opposition stellen, die Betonung des Volkes, seine Selbstbestimmung, wie auch die Fundamentalopposition gegenüber den anderen Parteien gehören zu Programm der AfD, wozu auch ihre Radikalisierung zu zählen ist.

Bahners will hier herausfinden, wie es zur Gefährdung der Demokratie durch einen in einer Partei organisierten Nationalismus (vgl. S. 23) kommen konnte. Dies erklärt auch den Umfang dieses Buches, das anhand verschiedener Vorgänge ausführlich belegt, dass die Entwicklung der AfD wohl am besten zu fassen ist, wenn das „Verhältnis der AfD zum politischen Prozess, sozusagen ihrer Politik mit der Politik“ (S. 23) dargestellt wird. Und genau dieses Verhältnis der AfD zur Politik ist ambivalent. Einerseits hadert sie ständig mit den „Altparteien“, will überall nur den drohenden Untergang sehen und trotzdem wird die so geschmähte Politik zum Lebensinhalt der AfD-Funktionäre. (vgl. S. 24)

Mit klaren Worten fasst Bahners das Gebaren der AfD zusammen: „Der Regierung wird die Legitimität abgesprochen. Das nationalistische Vokabular dient dazu, den Staat als Okkupationsregime hinzustellen.“ (S. 24) Und dementsprechend ist die „Führungsriege der AfD … Bund von Fanatikern und Opportunisten.“ (S. 25)

In Bezug auf den Demokratiebegriff der AfD lautet Bahners Urteil genauso eindeutig: „Der Antrieb des neuen Nationalismus, der in der AfD parlamentarische Gestalt angenommen hat, ist radikaler Zweifel an der in Deutschland gegebenen Form demokratischer politischer Herrschaft.“ (S.3 2) Mit der AfD sei eine Partei, so Bahners, im Bundestag, die es auf den Umsturz der bestehenden Ordnung abgesehen habe. (vgl. ib.)

Beeindruckend, wie präzise Bahners seine Recherchen zu Personal der AfD betrieben hat. General Joachim Wundrak trat im August 2019 als Kandidat der AfD für die Wahl des OBs in Hannover an. Nicht die Unzufriedenheit über den Zustand der Bundeswehr, sondern die Sorge vor einem Souveränitätsverlust hatte ihn in die Arme der AfD getrieben. (vgl. S. 47)

Wie im Fall Wundrak sammelt Bahners mit der Lektüre vieler weiterer Interviews und Reden anderer AfD Funktionäre die Themen und Beweggründe, deretwegen sie sich der AfD angeschlossen haben. Es ist die fundamentale Unzufriedenheit ihrer Anhänger mit der Berliner Politik und der der Landesregierungen und ideologiegetriebene Alternativen, die meist oft eher nur populistische Vorschläge hervorbringen. Dazu gehört auch das 2016 beschlossenen Grundsatzprogramm der AfD (S. 84 – 126). Populistisch ist doch, wenn die AfD in ihrem Grundsatzprogramm sagt „Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaats und verantwortungslosem politischen Handeln gegen die Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft konnten und wollten wir nicht länger tatenlos zusehen.“ Vom „Bruch von Recht und Gesetz“ kann in diesem Land keine Rede sein, allenfalls ist das eine Meinung, genauso wie die „Zerstörung des Rechtsstaates“ eine Erfindung der AfD ist. Probleme benennen, die es so gar nicht gibt und dann eine Lösung skizzieren… das ist Populismus (Frankreich-Blog), auf den die Wähler hineinfallen.

Das Kapitel „Verschwörungstheorien in der Demokratie“ untersucht das Gerücht, die Saga vom großen Austausch und nimmt damit die Mechanismen unter die Lupe, mit denen die AfD vor dem „bevorstehenden Untergang Deutschlands“ (S. 143) warnt. Wer das nicht glaubt, hat in der Partei keine Chance. Nie würde die AfD Erfolgsgeschichten geglückter Einbürgerung erzählen, jedes Verbrechen aber nutzt sie um Flüchtlinge in toto zu kriminalisieren. In ihrem Grundsatzprogramm steht. „An Deutschlands Außengrenzen sollen wieder betriebsbereite Grenzübergangsstellen bereitstehen,“ was auf die Aufkündigung des Schengener Abkommens hinausläuft.

Alexander Gauland (S. 185-234) wie auch dem bereits erwähnten „Testfall Thüringen“ werden eigene Kapitel gewidmet.

Besondere Aufmerksamkeit bekommen, wie eingangs besprochen, die vier Facetten des neuen Nationalismus: „Realismus, Republikanismus, Anti-Moralismus und Paternalismus“. Wieder geht es um die Folgen der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem unglücklichen Wort von Horst Seehofer „Herrschaft des Unrechts“ (Februar 2016). Die Grenzöffnung der (offenen) Grenzen wurde Frau Merkel vorgeworfen: Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch.

Dieses Buch beantwortet viele Fragen. Woher kommt der Erfolg der AfD? Wie gelingt es ihr einen Nationalismus im Rahmen ihrer Partei wieder erfolgreich zu machen? Welche politischen Instrumente nutzt die Partei, um ihre Fundamentalkritik an der Berliner Demokratie, von der sie im Bund und in den Ländern außerordentlich profitiert zu verbreiten? Auf welchem Nährboden entwickeln sich die Erfolge der AfD?

Patrick Bahners
Die Wiederkehr: Die AfD und der neue deutsche Nationalismus
Stuttgart: Klett-Cotta 2023
ISBN: 978-3-608-98689-1

Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat einige Jahre zu früh gelebt, möglicherweise war er seiner Epoche voraus. Erst nach seinem Zusammenbruch am 3. Januar 1888 setzte allmählich sein Ruhm ein, seine Bücher verkauften sich besser, das konnte er von seinem Fenster aus in Weimar nicht mehr miterleben und vielleicht hätte er sich in den folgenden Jahren auch gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die rechte Szene verwahrt.

>Nachgefragt:  Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche  *.pdf

Sue Prideaux hat eine spannende Biographie verfasst. Sie beschreibt en détail die Freundschaft und den so intensiven geistigen Austausch mit Richard Wagner (1813-1883) und Cosima Wagner (1837-1930) – 23 Besuche Nietzsches ab Mai 1869 bis April 1872 in der  Villa Tribschen am Vierwaldstättersee, wo er auch ein eigenes Arbeitszimmer bekam – erzählt seine Kindheit in Röcken, seine Jugend in Naumburg, die Schulzeit in Pforta, seine Krankheiten, die vier Jahre Studium in Bonn und Leipzig, das zeitweise so komplizierte Verhältnis zu seinen Schwestern –  bevor er im Herbst 1866 Richard Wagner (vgl. S. 9-16) kennenlernte. 1869 nimmt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Philologie der Universität in Basel an. Am 28. Mai hält er seine Antrittsvorlesung > Homer und die klassische Philologie – zeno.org. Er lernt Jacob Burckhardt (1818-1897) kennen. Er wird freiwilliger Krankenpfleger im Deutsch-französischen Krieg und erkrankt schwer.

Ein Senkrechtstarter, der aber auch von den Verbindungen seines Netzwerkes enorm profitierte. Prideaux nennt die Philosophen, die Nietzsche besonders beeindruckt haben, allen voran Friedrich Schleiermacher (1768-1834) mit Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), den er mit seinen Zweifeln am Christentum als Alternative zu Kant verstand. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) (S. 117-147), die Erfahrungen aus seinen vielen Gesprächen mit Wagner verarbeitet und sein Profil als Philosoph schärfte, wird eines seiner Hauptwerke. Er bekommt positive Rückmeldungen von den Wagners, die ihn gleich sehen wollen: „Kommen Sie bald auf einen Husch herüber…“ War die Reaktion Wagners ehrlich gemeint oder wollte er Nietzsche schonen? Friedrich Ritschl (1806-1876), dem Nietzsche nach Leipzig gefolgt war, hingegen markierte sein Exemplar der Die Geburt der Tragödie mit Ausrufen wie „Größenwahn“ – er sollte nicht der Einzige bleiben, der von Nietzsches Entwicklung entsetzt war. Unmittelbar danach folgt seine Schrift über > Die Zukunft unserer Bildungsanstalten (zeno.org): Die „Rückkehr zur Bildung als Selbstzweck“ ist ihm ein Anliegen und seine Kritik ist eindeutig: „…dass nämlich der Staat keine brillanten Köpfe wolle, sondern funktionierende Rädchen im Getriebe, Spezialisten, die gerade soweit ausgebildet werden, dass sie unkritisch und untertänig ihren Beitrag leisten können…,“ (S. 133) schreibt Sue Prideaux.

War Nietzsche sich seiner eigenen Unzeitgemäßheit bewusst? Oder ahnte er sie? „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften,“ erklärt er in Ecce Homo (1888, ersch. 1908). 1873 stellt er die erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller fertig. 1874 folgt die zweite > Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. – Von seinen Büchern werden nur sehr wenige Exemplare verkauft, das wird sich bis zu seinem Zusammenbruch 1888 nicht ändern. – In dieser Schrift über die Geschichte erscheint das Wort vom „Begriffsbeben“ verbunden mit der Frage „… soll das Erkennen über das Leben herrschen?“ (zit. auf S. 161, vgl. auch das Kap. 7: Begriffsbeben, S. 165-184) Die Wahrheit gibt es in der Wissenschaft genauso wenig wie in der Religion. Jacob Burkhardt mag Nietzsches Argumentation nicht folgen.

Ein unsteter Geist war Nietzsche.
Die vielen Reisen nach Italien, die vielen verschiedenen Orte, wo er sich immer für ein paar Wochen, ein paar Monate niederließ, sind kaum nachzuvollziehen. Er wirkte ständig wie ein von den eigenen Gedanken Getriebener, durch sein Streben, endlich Erfolg zu haben, wie auch durch die schon vertraute Gewohnheit, die Kritik und die mangelnde Beachtung, gar Verachtung seiner Schriften wegzustecken oder zu übergehen. Seine Misserfolge waren für ihn immer ein neuer Antrieb weiterzudenken.

Prideaux legt hier eine Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor. Wagner und sein Ring gehören ebenso dazu, wie dessen gigantische Anstrengungen, seine Idee der Oper als Gesamtkunstwerk in Bayreuth gegen so viele Widerstände zu realisieren. Muss man herausfinden, wer von beiden, Nietzsche oder Wagner dem Anderen mehr gegeben hat? Oder wird die Frage schon mit den Hinweisen darauf entschieden, dass der Schöpfer des Tristans seinem Kritiker und Freund nicht wirklich zu folgen vermochte? Oder dass Nietzsche sich gedanklich von Wagner abwandte? „Der Fall Wagner ist für den Philosophen ein Glücksfall…,“ hieß es in Nietzsche, Der Fall Wagner, in id., Der Fall Wagner. Schriften – Aufzeichnungen – Briefe, hrsg. v. D. Borchmeyer, S.129. Aber 1882/83 schreibt er: „W(agner), der übrig bleiben wird als M(ensch), der im Ungeschmack der Anmaßung am weitesten gegangen ist.“  Id. „Loslösung von Wagner“ (1877-1883), in: Der Fall Wagner, loc cit., S. 413. Die Freundschaft schien dahin zu sein, als Wagner am 21. September 1873 an Nietzsche schreibt: Er habe mit „trauriger Absichtlichkeit zuletzt lange Zeit gänzlich unterlassen, Nietzsche zu schreiben, weil ich … aus purer Eitelkeit immer noch annahm, Sie würden einen Brief von mir auch selbst lesen wollen, was Ihnen übel bekommen mußte.“ (R. Wagner, Briefe, hrsg. v. H. Kesting, München, Zürich 1983, S. 584) – Die Erschütterungen ihrer Freundschaft zeichnet Prideaux genau nach und lässt erkennen, wie hier der Musiker und der Philosoph mit ihren jeweiligen Empfindlichkeiten nicht gerade freundschaftlich miteinander umgehen.

Menschliches, Allzumenschliches
(Kap. 10, S. 221-234) erscheint 1876/78 in Aphorismenform. Der ersehnte Erfolg stellt sich nicht ein und dieses Kapitel endet mit der Aufgabe der Professur in Basel am 2. Mai 1879. Man kann wohl nicht sagen, dass seine publizistische Arbeit ihm seine Stellung gekostet hat, aber auch sein Ansehen war durch seine Publikationen nicht gerade größer geworden. Er wird zum Wanderer und Dauerreisenden zwischen Naumburg, Venedig, Genau, Rom, Luzern und neuen Bekanntschaften darunter Lou Salomé (1861-1939).

Von Genua nach Rappallo, wo er sich in Klausur begab, in der Also sprach Zarathustra entstand, in der er vom Übermenschen spricht, wird die individuelle Tugend, das Wesen des Verbrechens und die Frage nach einem guten Tod erläutert. (vgl. S. 299). Prideaux hat eine bemerkenswerte Art, die Inhalte und die Interpretation der Werke Nietzsches in die Erzählung seiner Biographie so zu integrieren, auf dass sie dem Leser eindrucksvolle Einblicke in die Beweggründe seines Schreibens vermitteln kann.

Auf Jenseits von Gut und Böse (1886)
mit dem Untertitel Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (vgl. S: 346-360) folgte 1887/88 Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift und 1889 Götzen-Dämmerung. Prideaux stellt alle drei Werke in einen Zusammenhang, den Nietzsche selber in Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, Abschnitt 1 so kommentiert: „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche
Aus dem Englischen von: Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler
Klett-Cotta: stuttgart 2020
ISBN: 978-3-608-98201-5

Lesebericht und Nachgefragt: Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis, Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch

Stephan Detjen ist Jurist und Historiker. Er leitet in Berlin das Hauptstadtbüro vom Deutschlandradio. Im August 2015 warfen Kritiker der Bundesregierung „ständigen Rechtsbruch“ vor. In ihrem Buch, das er und Maximilian Steinbeis verfasst haben, prüfen sie diese Behauptung und zeigen, wie deren ungeprüfte Weitergabe an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt. Wie kommt es aber zu dem Titel Die Zauberlehrlinge Mit dem Untertitel „Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch“? Klett-Cotta: Stuttgart 2019. Vergriffen.

Dieser Beitrag wurde im Mai 2019 für den Blog von Klett-Cotta verfasst und mit diesem Video dort veröffentlicht.

Erst kamen die Flüchtlinge in so großer Zahl im Sommer 2015 über Ungarn nach Deutschland, dann schrieb Ulrich Vosgerau, eine Staatsrechtsdozent aus Köln,in der Zeitschrift Cicero einen Artikel mit der Überschrift „Die Herrschaft des Unrechts“. Wie konnte es aber passieren, dass diese Auffassung eine so steile politische Karriere machte?

Die Kritiker sprachen von Rechtsbruch, ohne aber tragfähige Alternativen aufzuzeigen: Im Vordergrund stand die Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen geöffnet zu haben. Nun die Grenzen war offen, da gab es nichts zu öffnen. Horst Seehofer verlieh dem Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ kurz vor dem Aschermittwoch 2018  seinen ministeriellen Segen, in dem er ihn in einem Interview nannte und so eine Granate nach Berlin abschoss, war das populistisch, darf man fragen.

In Deutschland habe mit den Folgen der These vom Rechtsbruch, so beide Autoren, habe die „Rechtskultur gelitten“, Stephan Detjen sprach im Studio 9 auch von einer „Erosion des Rechtsbewusstseins“, kann man damit den Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl deuten?

Die Gretchenfrage: Hatte die Bundesregierung im August/September 2015 eine Handlungsalternative? Die Grenzen schließen? Die Fehler und die Versäumnisse der Bundesregierung liegen aber wohl woanders: „Die Bundesregierung hat viel zu lange geglaubt, das Problem vernebeln und sich alle Optionen offen halten zu können, anstatt öffentlich aufzuklären darüber, auf welche rechtlichen Vorgaben sie ihr Tun und Unterlassen gründet.“ (S. 231)

Damit ist die Bundesregierung aber nicht allein. Sie und Herr Steinbeis nehmen aber auch die Juristen in den Blick, die das Europarecht irgendwie nicht richtig auf dem Schirm hatten. Und die Medien geraten auch in das Visier von ihnen beiden. Die Medien hätten sich von der „Kraft der Erzählung von der angeblichen Herrschaft des Unrechts“ faszinieren lassen und so indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen.

Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis
Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Das Buch ist leider vergriffen.
1. Aufl. 2019, ca. 176 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-96430-1

Zu diesem Thema vgl. auf > www.france-blog.info: > Les réfugiés, les migrants, les demandeurs d’asile et les droits de l’homme. Une interview de la Présidente de la CNCDH > www.france.blog.info – 28. Januar 2016 von H. Wittmann