Lesebericht: Dana Buchzik, The Power of No

Der Untertitel des Buches von Dana Buchzik „Warum wir unbequem werden müssen“ enthält eine unmissverständliche Aufforderung. Es geht um Grenzen im Alltag und wie man sie einhält – was vor allem an uns selbst liegt! – und wenn wir sie einfordern, kann es passieren, dass wir anderen unbequem erscheinen.

Wie schnell werden Grenzen überschritten: Mal kommt jemand einer Kollegin ungebührlich nahe, mal ist es ein Freund, der sich im Plauderton mit seiner Nähe zur AfD brüstet, oder ein Bekannter, der gerade jetzt unbedingt unsere Aufmerksamkeit haben will, oder ein Arbeitskollege, der kurz vor Büroschluss mit einem Riesenproblem um die Ecke kommt, das er alleine nicht lösen kann/will. Oder es ist die Versuchung, sich für Dinge zu entschuldigen… eigentlich nur, um anderen zu gefallen. Das löst oft einen Teufelskreis aus, der zu Angst und Hilflosigkeit führen kann. Die Chance zur authentischen Kommunikation wird verpasst, das Vertrauen über kurz oder lang erschüttert.

In diesen Beispielen geht es immer um Grenzverletzungen: In der Familie, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, in der Politik. Dana Buchzik erklärt ihren Lesern, warum es notwendig ist, Grenzüberschreitungen frühzeitig zu erkennen. Dass es oft schwer ist, Nein zu sagen, bezweifelt sie nicht. Allzu oft werden wir um einen kleinen Gefallen gebeten, etwas noch schnell zu erledigen, obwohl es uns gar nicht in den Kram passt. Manchmal setzen unsere Zeitgenossen raffinierte Techniken ein, Buchzik nennt sie Manipulation, um unsere Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Wir lassen uns darauf ein, geben unsere Grenzen auf – mit allen negativen Folgen.

„Gesunde Grenzen sind kein Kontrollinstrument, sondern ein soziales Bindemittel.“ (S. 18) Das ist der Leitgedanke ihres Buches. Nur durch das Respektieren von Grenzen, sie nennt es auch Respekt vor dem Anderen, kann ein gedeihliches Miteinander entstehen. Respekt bedeutet dabei keineswegs Selbstaufgabe, wie sie im Kapitel „Die Grenzen des Sagbaren: Wie ehrlich dürfen wir sein?“ (S. 56 ff.) erläutert. Übermäßige Kontrolle oder gar Zwang in der Familie tragen nicht dazu bei, dass Kinder die so notwendige Selbstständigkeit verinnerlichen können. Gelingt es ihnen aber, Ehrlichkeit und Offenheit zu lernen, werden sie auch in der Lage sein, eigenständige Entscheidungen zu treffen und anderen Grenzen zu setzen.
Praktische Teile ergänzen jedes Kapitel in diesem Band. So zeigt zum Beispiel „Grundlegende Beziehungsarbeit in der (Wahl-)Familie“, wie man „auf Augenhöhe über Politik diskutieren“ kann.

Bestandsaufnahme, Zielsetzung, Motivation, gute Fragen, Zweifel zulassen, Empathie sind die Stichworte und Regeln dafür, auf deren Einhaltung man durchaus bestehen kann. Das gilt aber nicht nur für die Familie „Auch unsere Freundschaften brauchen Beziehungsarbeit“: S. 80-84. Das 3. Kapitel „Das ultimative Versprechen? Über Liebe und Grenzenlosigkeit“: Im Kern geht es hier um die „Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz“ (vgl. S. 112-114) in Anlehnung an Arthur Schopenhauers Parabel Die Stachelschweine (1831). Je näher, desto schmerzhafter … Zielorientiertes Streiten ist hier das Thema und Dana Buchzik erläutert, wie toxische Kommunikationsmuster zur Abwertung des Gegenübers und zu noch mehr Streit und schließlich zur Trennung führen. Dazu gibt es wieder wertvolle Tipps im Praxisteil: „Erwartungen und Verhaltensmuster reflektieren“ und „Gemeinsam planen statt einsam explodieren“ und ganz bewusst „Das bisherige Verhaltensmuster zum gemeinsamen Feind erklären“ (S. 126 f.)

Mehr noch als Partnerschaften und ihre Probleme sind es die Unwägbarkeiten der Arbeitswelt aller Art zwischen Karriere und Mobbing, die uns herausfordern Diese Überschrift bringt es auf den Punkt: „Billige versus teure Bitten“ (S. 154 ff.) Hinzu kommt „Die hohe Kunst des Feedbacks“ (S. 169-173), das eine Fülle von Stolpersteinen für alle Seiten bereithält, ein wahres Eldorado für Grenzverletzungen aller Art. Ein Hin und Her zwischen Wertschätzung, Coaching und Evaluation. Und auch hier folgt ein Praxisteil, der diesmal vom Ideendieb über den Kontrolletti bis zu den Tratschtanten alle Typen unter die Lupe nimmt und wertvolle Tipps bereithält.

In zwei weiteren Abschnitten geht es um die politische Kommunikation, in der die bereits vorgestellten Manipulatoren in ganz besonderer Weise eingesetzt werden und die unter anderem zum Aufstieg der AfD beigetragen haben. Mit den Feinden der Demokratie können nicht alle Regeln des Dialogs eingehalten werden: vgl. S. 193. Dann nennt Buchzik Faktoren wie Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Hass auf Migranten, Antifeminismus und Remigration, die zu einer Radikalisierung führen, wenn Grenzen nicht respektiert werden. Bedauerlich sei, „wie demokratische Parteien und Medien die AfD stärken“, indem sie Feindbilder übernahmen und deren Sprache verharmlosten. Gleichzeitig wird ihrer Dämonisierung Vorschub geleistet, was letztlich wieder der AfD nützt. Grenzziehungen und klare Ansagen kommen auch hier zu kurz.

Vor Fake News schütze nur emotionale Intelligenz und Buchzik empfiehlt kognitive Empathie, Raum für Zweifel, Werte statt Fakten und Emotionsregulation. All das helfe, einen kühlen Kopf zu bewahren. Diese Anmerkungen zielen auch auf Buchziks Aufforderung: „Wir müssen lernen zu unterschieden, wann es lediglich um eine klare Abgrenzung geht und wann und mit wem sich eine Diskussion lohnt.“ (S. 292) Voraussetzung dafür ist die eigene Sicherheit, die auch auf Grenzziehungen beruht. Und einen Raum zu behaupten, in dem wir „Faschisten, die sich an keine Regeln halten und nur menschenverachtende Parolen von sich geben, den Zutritt verweigern“. (ib.) Und im letzten Satz bringt Buchzik ihr Anliegen auf den Punkt: „Indem wir uns erinnern, dass eine offene Gesellschaft vom Widerspruch und Streit lebt, werden wir frei, unbequem zu sein.“ (ib.)

Dana Buchzik
> The Power of No
Warum wir endlich unbequem werden müssen
Erscheinungstermin, Klett-Cotta  8.3.2025,
ISBN: 978-3-608-96640-4