Lesebericht: Nicole Strüber, Unser soziales Gehirn. Warum wir mehr Miteinander brauchen


Oxytocin steht im Mittelpunkt dieses Buches. Es wird von unserem Gehirn, von seinem sozialen Teil, ausgeschüttet, wenn wir berührt oder umarmt werden oder wenn wir vertrauliche Gespräche führen, die das Miteinander pflegen. (Vgl. S. 12) Fehlt dieses Miteinander schlägt dieses Manko aufs Gemüt, Vertrauen nimmt ab, das Wohlbefinden verschlechtert sich und die Synchronisation mit anderen wird immer schwieriger, Kommunikation und Kooperation leiden darunter, genauso wie die Empathie abhandenkommt.
Die Neurologin Nicole Strüber erklärt mit ihrem Band «Unser soziales Gehirn» die Biochemie des Miteinanders, dessen Baustoffe Oxytocin und Dopamin zugunsten des „Wollens“, und Opiode, die mit „Mögen“ und „Genießen“ zusammenhängen, unser Miteinander beeinflussen und steuern. In jedem Kapitel erklärt die Autorin Grundlagen und Auswirkungen einzelner Facetten des Miteinanders und ergänzt sie regelmäßig durch Abschnitte AUS DER FORSCHUNG. Auf diese Weise wird ihr Band zu einem illustrierten Lehrbuch. Wissenschaftliche Abschnitte werden durch allgemeinverständliche Berichte über soziale Beziehungen jeder Art ergänzt.

Es ist etwas ungewohnt, von „Synchronität im Miteinander“ (S. 31-58!) zu hören. Dahinter steckt der Chamäleon-Effekt (S. 32 f.). Die Erklärungen, die dann folgen, gehen weit über die bekannte Feststellung, mit jemandem auf gleicher Wellenlänge zu sein, hinaus. Strüber beschreibt, was man aktiv für ein erfolgreiches Miteinander tun kann. Wissenschaftler haben eine vermehrte Ausschüttung von Oxytocin in solchen Situationen beobachtet. Sich aktiv für soziale Kommunikation einzusetzen ist wichtig, deshalb bekommt dieses Kapitel am Anfang dieses Buches einen so großen Raum.

Und dennoch ist Strüber sich sehr wohl über die persönlichen Unterschiede im Miteinander bewusst und erklärt verschiedene Bindungsmodelle, die schon in Unterschieden im elterlichen Verhalten angelegt sind und durch sie geprägt sein können. Empathie ist das zentrale Stichwort. Aber Mitgefühl Stress und sogar Burnout liegen dicht nebeneinander und dadurch wird ein kompliziertes Beziehungsgeflecht erkennbar, das wenn die Synchronität nicht funktioniert, zur Belastung werden kann. Es kann aus dem Takt geraten, Gefühle werden nicht mehr beherrscht, Mitgefühl wird dann zur Belastung. Wie reagiert die Forschung auf solche Beobachtungen? Das Stichwort „Gefühlsregulation“ (vgl. S. 106) ist noch nicht die Lösung, deutet aber an, das mit bestimmten Techniken dem Stress sehr wohl begegnet werden kann.

Am Ende des ersten Teils hat der Leser alle Grundlagen, um die Beziehungen in einer Gruppe mit den Stichworten Zusammenhalt, Konflikt und Vorurteile richtig bewerten und einordnen zu können. Gruppenkonflikte können beschrieben, verstanden und einer Lösung angenähert werden. Das 8. Kapitel „Die Gruppe im Miteinander – vorbereitet auf Abgrenzung?“ ist besonders gut gelungen, weil hier die Einflussmöglichkeiten der einzelnen Mitglieder sowie die Bedeutung von Oxytocin im Gruppenrahmen verständlich beschrieben werden.

Dann folgt ein zweiter Teil, eigentlich ein zweites Buch mit dem Titel „Wo das Gehirn das Miteinander braucht“. Hier werden nacheinander alle Lebensstationen abgehandelt, von der Geburt, über das Aufwachsen in der Familie, Krippe, Kita, Schule, die Wahl der Partnerschaft, die Beziehungen zu Freunden, das Miteinander in der Arbeitswelt, in den Kulturen, die Beziehungen zu Ärzten, und schließlich das Lebensende. Im Zentrum all dieser Überlegungen steht immer wieder die Bindungsforschung, das Bewerten von Bindungen, das Beobachten von Defiziten und die Ansätze zu ihrer Verbesserung. Die Kapitel in diesem zweiten Teil wirken wie ein praktisches Training nach dem theoretischen ersten Teil dieses Buches. Dazu kommt die gelungene Aufteilung wie z. B. das Kapitel 13 „Zusammen glücklich – Miteinander in der Partnerschaft“, das dieses Thema mit Abschnitten AUS DER FORSCHUNG ergänzt und dann folgt immer ein Abschnitt „Unsere Welt!“, in dem die heutige Realität untersucht und bewertet wird. Heute hat sich das Smartphone in die Partnerschaft eingeschlichen. Der Partner will Aufmerksamkeit haben und das Smartphone klingelt oder piept: neudeutsch „Technoferenz“ oder „Ich habe vergessen, es auszuschalten…“ und schon ist der Streit vorprogrammiert… oder wie oft beobachtet man den Griff zum Smartphone. Die Zeitgenossen gucken bloß aus Gewohnheit auf das Display, um nur nichts zu verpassen, und nur in den seltensten Fällen wollen sie etwas ganz Bestimmtes nachschlagen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sie fest im Griff. Oder sie haben Knöpfe im Ohr, schauen teilnahmslos durch ihre Mitmenschen hindurch. In solchen Momenten klappt die Synchronisation natürlich nicht. Man könnte dieses Thema aufgrund der Anregungen von Nicole Strüber noch viel weiter ausführen und schnell feststellen das die sozialen Netzwerke, sozial nur nach ihrem Namen sind, mit sozialen Formen gar nichts zu tun haben, denn die Kommunikation über sie verursacht allenfalls Stress, Hektik und Missverständnisse – mit einem Miteinander, wie Nicole Strüber das so eindrucksvoll in ihrem Buch beschriebt, hat das alles nun wahrlich nichts zu tun.

Immer hin es gibt einen Trost, den Strüber so beschreibt: „Erkenntnisse der Psychotherapieforschung legen nahe, dass uns das Oxytocin nicht nur in schönen und harmonischen Situationen begleitet, sondern insbesondere auch in Konfliktsituationen ausgeschüttet wird. Es hilft uns, auch in Situationen des Konfliktes von dessen Wirkungen zu profitieren und das Vertrauen in den anderen und die Bindung aufrechtzuerhalten.“ (S. 239)

Nicole Strüber
> Unser soziales GehirnWarum wir mehr Miteinander brauchen
Stuttgart, Klett-Cotta 2024
ISBN: 978-3-608-96621-3