Lesebericht und Nachgefragt: Simon Strauß, In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht

17 war Simon Strauß, als er in seiner Schule Unsere kleine Stadt von Thornton Wilder inszenierte. Die wichtigsten Fragen zu diesem Stück: „Was macht Bewohner zu Bürgern? Wie wird aus einer zufälligen Ansammlung von Menschen eine schicksalhafte Gemeinschaft?“ (S. 8) Fragen wie diese inspirierten ihn zu der Idee, das Gefühl der Nähe am Beispiel einer Stadt im Osten zu untersuchen: „Wie ist in Zeiten wachsender Selbstgerechtigkeit und digital befeuerter Schmählust noch Gemeinschaft möglich?“ (S. 24) lautet die Schlüsselfrage. Ein Mikrokosmos, in dem sich viele Probleme zeigen, die heute ganz Deutschland beschäftigen: Ist „das Vertrauen in die repräsentative Demokratie“ (S. 24) auf dem Rückzug? Dazu kommen Besorgnisse wegen der Daseinsvorsorge, der Überalterung oder der Migration.

Die Geschichten der Bewohnern Prenzlaus, die Strauß hier nacherzählt, sind auch die Probleme von uns allen. Alle, die in seinem Buch mit ihrer Lebenssituation vorkommen, vom Bürgermeister über die aktive Kitaleiterin, vom syrischen Flüchtling, über den AfD-Politiker, den Oberstleutnant, bis zu der jungen Wissenschaftlerin verkörpern Enttäuschungen und auch den unbedingten Willen durchzuhalten.

Je mehr und je besser Strauß Prenzlau und seine Bewohner durchschaute, umso mehr merkte er, wie in dieser Stadt das Gemeinschaftsgefühl funktioniert und wieso alle anderen in Deutschland davon so viel lernen können. Das Gefühl der Gemeinsamkeit im Osten ist nun mal ein anderes als im Westen, wo es ein ähnliches „identitätsstiftendes Moment“ (S. 30) einfach nicht gibt. Sogar das Bundesverfassungsgericht glaubte uns (nicht nur) im Westen, an die „Gewährleistung des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ (S. 32) erinnern zu müssen: die Nähe braucht jeder, um ein Bürger zu werden. Und was kann die Politik vor Ort dazu beitragen? So erklärt Strauß sein Vorhaben und mit der Beantwortung dieser Fragen aufgrund seiner detaillierten Kenntnisse der Stadt Prenzlau und ihrer Bewohner gewinnt er überraschende Einsichten, die auch die ganze bundesdeutsche Politik betreffen, man muss eben hier nur genauer hinsehen.

Der Nähe steht aber die Skepsis vor den Geflüchteten gegenüber. Es geht um die Errichtung eines zweiten Flüchtlingsheims und die örtliche AfD hat von 19.000 Einwohnern 15.700 Stimmen gegen das Projekt gesammelt. Aber die Landrätin Dörk muss erklären, dass das Flüchtlingsheim „eine Pflichtaufgabe zur Erfüllung nach Weisung“ sei und der Uckermärcker Kreistag gar keine Chance habe, das Projekt abzulehnen. Nach hitziger Debatte wird das Bürgerbegehren für unzulässig erklärt. Die Entscheidung für das zweite Flüchtlingsheim sei gegen den Willen des Volkes gefallen, notiert Strauß.

„Flüchtlingsheim“ klingt abstrakt. Das folgende Kapitel, das vom Schicksal des Syrers Hamza Albdeiwi berichtet, dreht in diesem Buch die Perspektive. Er teilt mit den Prenzlauern die Hoffnung auf Nähe: Albdeiwi gibt Arabischkurse und sucht einen Ausbildungsplatz als Pflegekraft. Er lernt Deutsch und als er sein Zeugnis endlich erhalten hat, wird ihm erklärt, jetzt seien die Plätze belegt.

Die Geschichte Prenzlaus mit der Erinnerung an den Einmarsch der Roten Armee ist noch immer eine offene Wunde, weiß der Stadthistoriker Wilhelm Zimmermann zu berichten. In der DDR wurde der Hitlerfaschismus für die zu 85 Prozent zerstörte Stadt verantwortlich gemacht. Diese Geschichtsklitterung hat Spuren hinterlassen. Die Wende ließ viele Gewissheiten zusammenbrechen. Es dauerte, bis ein neues „Könnens-Bewusstsein“ (S. 87) sich wieder einstellte.

Der parteilose Hendrick Sommer ist seit 2010 Bürgermeister in Prenzlau. Eines seiner Stichworte lautet „Vertrauenswürdigkeit“ (S. 97), ein Gefühl, das den Menschen vor Ort, die Sicherheit gibt, es ist jemand für sie da. Und dann steht er plötzlich für eine Wiederwahl nicht mehr zu Verfügung. Ist der Grund wirklich die stärker werdende AfD-Fraktion im Stadtrat?

Die Schließung nach der Wende der traditionsreichen Zuckerfabrik von 1872 wie auch des 1889 gegründeten Schlachthofs haben Narben hinterlassen. Und dann ist da noch das Armaturenwerk, das nach der Wende noch einige Zuckungen macht, und dann das Gefühl hinterließ, die aus dem Westen sahen die DDR nur als Markt, den es zu erschließen galt. (vgl. S. 118) Die Einheit ist noch nicht vollzogen, solange das Wort „Ost“ eine „Negativvokabel“ (S. 119) ist. Strauß: „Es ist genau dieses Gefühl von fehlender politischer Nähe, die den Nährboden dessen bildet, was sich im Osten tagespolitisch in Umfragewerten und Wahlergebnissen ausdrückt.“ (S. 129) In der Bundeshauptstadt wird entschieden, die Prenzlauer müssen nur folgen…

Stefanie Mißfeldt leitet eine von 8 Kitas in Prenzlau. Pragmatisch weiß sie, wie Lösungen für Probleme gefunden werden: „Geteilte Nähe als Voraussetzung für gemeinsame Lösungen“ (S. 133)

Und dann trifft Strauß Felix Teichner, der dreifache Abgeordnete: in der Prenzlauer Stadtverordnetenversammlung, im Uckermärker Kreistag und im Brandenburger Landtag. Seine Partei, die AfD, ist „gesichert rechtsextremistisch“ (S. 139): Was uns trennt, scheint mir an diesem Abend ziemlich klar, was uns verbinden könnte, kann ich mir nicht recht vorstellen,“ (S. 139) erinnert sich Strauß. Trotzdem tauscht man höflich Visitenkarten. Das in Prenzlau ansässige Eiscremewerk wird geschlossen… Arbeit könnte man vielleicht in Berlin finden, dieses ferne Berlin, wo Gesetze gemacht werden, die das Leben der Prenzlauer erschweren…. Die Ministerin für Finanzen und Europa der Landesregierung ist angereist und sagt „Man kann nicht auf Dauer gegen eine Mehrheit Politik machen.“ (S. 141, vgl. S. 142-143) Die gewagte Formulierung bringt ihr Applaus ein. Nebenbei notiert Strauß, dass der einzige Bundestagsabgeordnete, der sich hier blicken lässt, Hannes Gnauck von der AfD sei. Meiden die anderen Parteien die Nähe? Verpasste Chancen. Schade. Zum Abschied verabredet Strauß sich mit Felix Teichner in Güstrow, der seinem Gast erklärt, wieso er „systemkritisch“ (S. 152) geworden ist. Und Teichner betont die Nähe in der Gemeinschaft, gegenseitige Hilfen, Unterstützung bei Lebenskrisen, eigentlich ein „typischer Ost-Wert“ (S. 153) berichtet Strauß. Verändern? Teichner will lieber „was hier passiert, … beenden.“ (S. 156) Er mag seine kleine Stadt mit dem „gesunden Menschenverstand“ (S. 157). Aber die Migranten stören ihn, wie er es am 22. Februar 2023 im Brandenburger Landtag zu Protokoll gegeben hat: vgl. S. 158-159. Sein wirres Frauenbild und seine Verallgemeinerungen sollen das Feindbild verstärken und gleichzeitig erklärt er, es werde nichts dagegen getan: „Das Vorzeichen eines nach der Macht greifenden Nonkonformismus,“ (S. 159) notiert Strauß. Und wie hält Teichner es mit der Erinnerungskultur? Die zwölf Jahre seien „die schlimmste Zeit für die Deutschen gewesen,“ (S. 165) zitiert Strauß seinen Gesprächspartner. Dann nennt er die Schandtaten der Russen… „Aufrechnung“ (S. 165), resümiert Strauß und fügt hinzu, eine Ansicht, wie sie in der AfD weit verbreitet sei, keine Befreiung, sondern „eine Niederlage“. Und dann sprechen sie über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, nein für Deutschland würde Teichner nicht kämpfen wollen, nur wiederkommen, wenn alles vorbei sei. Deutschland sei für ihn nicht verteidigungswürdig? Der Erfolg der AfD? Ihre Meinungsmache, gezielte Falschinformationen, Hetze über Fake-Accounts (vgl. S. 181)? Und dann kommt das Aus für das Flüchtlingsheim. Sinkende Flüchtlingszahlen, so die Landrätin Dörk, machten das Heim nicht mehr notwendig. Teichner frohlockt: seine Partei hat das Flüchtlingsheim verhindert; jetzt müsse auch die Landrätin ausgetauscht werden.

Die Bundestagswahl 2025 illustriert den Erfolg der AfD im Osten. Der ehemalige Ministerpräsident Matthias Platzek erinnert an das ostdeutsche Bewusstsein, das noch so nahe an der Diktaturerfahrung sei: Alles habe sich verändert auch die Kinder ziehen weg… statt der gewohnten Nähe mache sich ein Gefühl der Leere breit.

Strauß‘ Gesprächspartner, zu denen auch ein Oberstleutnant zählt, berichten alle, dass der Osten nun mal (immer noch) anders ticke als der Westen und dass im Grunde genommen, der Austausch, die Annäherung immer schlechter funktioniere… es ist ganz so, als ob die Parteien der AfD das Feld überlassen hätten.

Das Resümee dieses Buches gerät zu einer Art Manifest. Wir verlieren im Osten einen gemeinsamen Traum. „Die Bereitschaft, etwas zu opfern, hängt an der Vorstellung, wofür man es tut.“ (S. 207) Strauß zitiert Imre Kertész, der die neue Freiheit auch als Zusammenbruch alles Bisherigen deutete. Man möchte die Nähe beibehalten und die Politik, die sie nicht fördert, wird abgelehnt. Der Westen muss den Ausdruck von politischem Willen nicht als nonkonforme Ablehnung, sondern als Chance begreifen. (vgl. S. 218) In diesem Sinne ist Simon Strauß ein eindrucksvolles politisches Lehrstück gelungen. Der Mikrokosmos Prenzlau bündelt wie unter einem Brennglas die wirklich drängenden Probleme Deutschlands, Ost und West. Die Politik in Berlin, müsste dieses Buch als einen Weckruf begreifen: Zeigt den Hochburgen der AfD im Osten, dass ihr die Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche auch im Osten Deutschlands versteht, zeigt den Bürgern Perspektiven auf und überlasst das Feld nicht der AfD.

Heiner Wittmann

Simon Strauß
In der Nähe
Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht
Stuttgart: Klett-Cotta 2025

P.S.: Dieser Beitrag entstand im Rahmen meiner Zusammenarbeit mit Klett-Cotta. Für den Verlag habe ich von 2006 bis 2025 440 „Lesebrichte“ und zrund 150 Gespräche mit Autoren als Video aufgezeichnet, von denen nach Einstellung des Blogs 150 auf die Website von Klett-Cotta übernommen wurden.

Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst

Wann waren Sie das letzte Mal in einem Museum und haben sich auf eine Bank vor ein Gemälde gesetzt? Und das Kunstwerk einfach mal so auf Sie wirken lassen? Sie leihen sich doch auch hoffentlich immer einen Audio-Guide? Das rät Ihnen Kolja Reichert: Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst. Aber wenn das Gerät mit seinen Erklärungen fertig ist, dann fangen Sie mit Ihren Fragen an und entdecken das Werk vor Ihnen noch einmal ganz neu. Dabei können Sie ruhig Zwiesprache mit dem Audioguide halten, widersprechen Sie ihm, kommen Sie auf eine ganz andere Interpretation des Werkes. Mit Ihrer Gegenrede kommen sie der Kunst auf die Spur.

Kolja Reichert stellt 50 Fragen an die Kunst; und erklärt uns, was Kunst bedeutet, was sie kann, worauf es bei ihr ankommt, wie man über Kunst sprechen kann, warum die Kunst immer ein Veränderungspotential enthält, für uns alle, für die Welt und wie der Kunstmarkt funktioniert, welche Unterschiede es zwischen einem Museum und einer Galerie gibt, warum man über Geschmack streiten muss und wie man ein Kunstwerk erkennt, und überhaupt, wie Künstler Erfolg haben und warum ein Flaschenständer es ins Museum schaffen kann.

50 Fragen und ich habe beim Lesen 61 Gedanken gezählt – durchnummeriert -, mit denen Reichert Kunst definiert. Unbescheiden ist er nicht. Reichert wollte ein Buch schreiben, „ein Buch, das so einfach ist, dass noch kein Experte drauf kam es zu schreiben,“ (S. 10) und dass ist ihm in vorzüglicher Weise gelungen. Er will zeigen, dass Kunst etwas Konkretes ist, über das jeder sprechen kann,“ (S. 11).

Kunst betrifft uns alle, wendet sich an alle und interpretiert alle Lebensbereiche, wir müssen nur zuhören, zusehen, mitmachen, indem wir uns mit der Kunst beschäftigen. Kunst ist ein Prozess, der von der Auseinandersetzung zwischen den Künstlern und uns allen besteht. Diesen Prozess hat Reichert durchleuchtet und zeigt uns jeden seiner Facetten auf und legt uns eine, ja aufregende Aufforderung vor, sogleich in das nächste Museum zu eilen, oder öffnet uns die Augen für die Kunst, die uns überall begegnet: eine perfekte Anleitung für jeden Museumsbesuch und weit darüber hinaus.

Was ist Kunst, was bewirkt sie? Was kann man daraus machen? Welchen Sinn hat sie, bewirkt sie etwas, gibt es Kriterien für gute Kunst? Gibt es schlechte oder böse Kunst? Warum soll man sich überhaupt mit Kunst beschäftigen? Wie gesagt, ich habe die wichtigsten Elemente für eine Definition der Kunst in diesem Buch durchnummeriert und D1 : „Je mehr Kunst ich gesehen habe, desto reicher wurde auch die Welt um mich herum.“ (S. 15)

Das ganze Buch erklärt die Wirkung, die Aufgaben, die Faszination der Kunst: Und dann dieser Satz „Ich glaube nicht, dass Kunstwerke etwas bedeuten.“ (S. 41) Stellt Reichert sein ganzes Buch in Frage? Keineswegs, denn „Für mich liegt die Bedeutung des Bildes in jedem einzelnen Punkt.“ (S. 42) So ist es! Man denke nur an Sartre, wie er die Gemälde Tintorettos betrachtet: erst durch jede einzelne Bewegung auf dem Bild entsteht dieser Sog, der unsere Augenmuskeln anspannt und das Bild zu einer Theaterszene macht, die sich vor unseren Augen abspielt.

„Kunstwerke brechen aus diesen Gewohnheiten aus,“ das ist auch das Kriterium, dass Sartre an die Werke anlegt, deren Künstler er Porträtstudien gewidmet hat. Sie haben alle für ihre Zeit etwas grundsätzlich Neues gemacht. Nun, das kann man von vielen anderen Künstlern auch sagen. In dem sie etwas Neues erdenken (Reichert: „Regelbrecher“ S. 59), präsentieren, etwas worauf noch niemand gekommen ist, bringen sie etwas Neues in die Welt, eine Neue Sicht, Kunst verändert und Kunst hat wie die Literatur eine Kraft der Vorhersage: „Man könnte sagen, dass jedes gelungen Kunstwerk seine eigene Sprache erfindet.“ Und Reichert denkt dabei an Ludwig Wittgenstein.

Die Wirkung und das Potential der Kunst fasst Reichert so beeindruckend präzise in einem Satz zusammen: „In jedem Kunstwerk kommuniziert also ein Mensch mit anderen, und sei es über den Umweg von Jahrtausenden.“ (S. 54) Rezeptionsästhetik in einem Satz!

Glück? Kann man vor einem Kunstwerk Glück empfinden? Ja. (vgl. S. 63 f.)

Kunst: „In uns wird etwas umprogrammiert.“ (S. 66) Sie müssen gar nicht erst ein Kunstwerk klauen (28: Lohnt sich Kunstraub?), denn man verlässt jedes Museum auch ohne Diebstahl viel reicher, als wie man es betreten hat. Kunst eröffnet uns neue Perspektiven, macht uns reicher und weist neue Wege. Kunst sei teuer? Haben Sie schon mal ein Kunstwerk ausgeliehen? Leasing? (vgl. S. 67)

Jetzt kommt ein Gedanke, der an das Innere der Definition der Kunst pocht, zwar geht es hier um Sätze in der Kunst, aber dennoch, „Sätze in der Kunst funktionieren umso besser, je mehr sie dem Betrachter überlassen, was er aus ihnen macht.“ (S. 83) Das ist die Kernbemerkung über die Kunst hinsichtlich ihrer Qualität, ihres Appells an uns alle, hinsichtlich ihrer Wirkung, denn je weiter wir über das Kunstwerk, hinausgehen können, sozusagen, der Anstoß, mit dem das Kunstwerk uns weiterbefördert, umso besser ist das Kunstwerk: Wittmann, Sartre und die Kunst, Tübingen 1996, S. 181.

Kann man Kunst lernen? Sicher es gibt Kunstakademien und Kunsthochschulen. Reichert bleibt aber sehr zu Recht skeptisch, denn die Lehrenden, die „diese Aufbrüche ins Unbekannte“ (S. 109) ihrer Schüler wirklich fördern wollen, seien rar gesät.

Reichert kommt immer wieder unter ganz verschiedene Fragestellungen auf die Qualität der Kunst zurück. Das ist die Dauerfrage in seinem Buch. Ein gelungenes Kunstwerk, was macht das? Es stellt seine eigenen Regeln auf. (S. 111) Und es sind nur diese Regeln, die für dieses Kunstwerk gelten. (S. 115) Kann man etwas als Kunst erkennen? „Mehr als ein Mensch muss der Auffassung sein, dass es sich um ein Kunstwerk handelt.“ (S. 163) Und dann folgt die Bestätigung für alles, was bisher in diesem Lesebericht gesagt wurde: „Wenn es aber gut ist, dann gibt es diese Rückstoßwirkung: Klarheit für den Geist, Feuer für die Fantasie, Vertrauen in die Menschheit.“

Kolja Reichert schrieb für alle maßgeblichen deutschen Zeitungen und Kunstmagazine und war auch Kunstredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und deren Sonntagszeitung. 2012 erhielt er den Preis für Kunstkritik der deutschen Kunstvereine und der Art Cologne, 2018 den Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste Berlin. Seit 2021 ist er Programmkurator für Diskurs an der Bundeskunsthalle in Bonn. Seit 2024 ist er Chefkurator von K21 in der Kunstsammlung in Düsseldorf.

Kolja Reichert
> Kann ich das auch?50 Fragen an die Kunst
Suttgart: Klett-Cotta 2024
ISBN: 978-3-608-98796-6

Lesebericht: Nicole Strüber, Unser soziales Gehirn. Warum wir mehr Miteinander brauchen


Oxytocin steht im Mittelpunkt dieses Buches. Es wird von unserem Gehirn, von seinem sozialen Teil, ausgeschüttet, wenn wir berührt oder umarmt werden oder wenn wir vertrauliche Gespräche führen, die das Miteinander pflegen. (Vgl. S. 12) Fehlt dieses Miteinander schlägt dieses Manko aufs Gemüt, Vertrauen nimmt ab, das Wohlbefinden verschlechtert sich und die Synchronisation mit anderen wird immer schwieriger, Kommunikation und Kooperation leiden darunter, genauso wie die Empathie abhandenkommt.
Die Neurologin Nicole Strüber erklärt mit ihrem Band «Unser soziales Gehirn» die Biochemie des Miteinanders, dessen Baustoffe Oxytocin und Dopamin zugunsten des „Wollens“, und Opiode, die mit „Mögen“ und „Genießen“ zusammenhängen, unser Miteinander beeinflussen und steuern. In jedem Kapitel erklärt die Autorin Grundlagen und Auswirkungen einzelner Facetten des Miteinanders und ergänzt sie regelmäßig durch Abschnitte AUS DER FORSCHUNG. Auf diese Weise wird ihr Band zu einem illustrierten Lehrbuch. Wissenschaftliche Abschnitte werden durch allgemeinverständliche Berichte über soziale Beziehungen jeder Art ergänzt.

Es ist etwas ungewohnt, von „Synchronität im Miteinander“ (S. 31-58!) zu hören. Dahinter steckt der Chamäleon-Effekt (S. 32 f.). Die Erklärungen, die dann folgen, gehen weit über die bekannte Feststellung, mit jemandem auf gleicher Wellenlänge zu sein, hinaus. Strüber beschreibt, was man aktiv für ein erfolgreiches Miteinander tun kann. Wissenschaftler haben eine vermehrte Ausschüttung von Oxytocin in solchen Situationen beobachtet. Sich aktiv für soziale Kommunikation einzusetzen ist wichtig, deshalb bekommt dieses Kapitel am Anfang dieses Buches einen so großen Raum.

Und dennoch ist Strüber sich sehr wohl über die persönlichen Unterschiede im Miteinander bewusst und erklärt verschiedene Bindungsmodelle, die schon in Unterschieden im elterlichen Verhalten angelegt sind und durch sie geprägt sein können. Empathie ist das zentrale Stichwort. Aber Mitgefühl Stress und sogar Burnout liegen dicht nebeneinander und dadurch wird ein kompliziertes Beziehungsgeflecht erkennbar, das wenn die Synchronität nicht funktioniert, zur Belastung werden kann. Es kann aus dem Takt geraten, Gefühle werden nicht mehr beherrscht, Mitgefühl wird dann zur Belastung. Wie reagiert die Forschung auf solche Beobachtungen? Das Stichwort „Gefühlsregulation“ (vgl. S. 106) ist noch nicht die Lösung, deutet aber an, das mit bestimmten Techniken dem Stress sehr wohl begegnet werden kann.

Am Ende des ersten Teils hat der Leser alle Grundlagen, um die Beziehungen in einer Gruppe mit den Stichworten Zusammenhalt, Konflikt und Vorurteile richtig bewerten und einordnen zu können. Gruppenkonflikte können beschrieben, verstanden und einer Lösung angenähert werden. Das 8. Kapitel „Die Gruppe im Miteinander – vorbereitet auf Abgrenzung?“ ist besonders gut gelungen, weil hier die Einflussmöglichkeiten der einzelnen Mitglieder sowie die Bedeutung von Oxytocin im Gruppenrahmen verständlich beschrieben werden.

Dann folgt ein zweiter Teil, eigentlich ein zweites Buch mit dem Titel „Wo das Gehirn das Miteinander braucht“. Hier werden nacheinander alle Lebensstationen abgehandelt, von der Geburt, über das Aufwachsen in der Familie, Krippe, Kita, Schule, die Wahl der Partnerschaft, die Beziehungen zu Freunden, das Miteinander in der Arbeitswelt, in den Kulturen, die Beziehungen zu Ärzten, und schließlich das Lebensende. Im Zentrum all dieser Überlegungen steht immer wieder die Bindungsforschung, das Bewerten von Bindungen, das Beobachten von Defiziten und die Ansätze zu ihrer Verbesserung. Die Kapitel in diesem zweiten Teil wirken wie ein praktisches Training nach dem theoretischen ersten Teil dieses Buches. Dazu kommt die gelungene Aufteilung wie z. B. das Kapitel 13 „Zusammen glücklich – Miteinander in der Partnerschaft“, das dieses Thema mit Abschnitten AUS DER FORSCHUNG ergänzt und dann folgt immer ein Abschnitt „Unsere Welt!“, in dem die heutige Realität untersucht und bewertet wird. Heute hat sich das Smartphone in die Partnerschaft eingeschlichen. Der Partner will Aufmerksamkeit haben und das Smartphone klingelt oder piept: neudeutsch „Technoferenz“ oder „Ich habe vergessen, es auszuschalten…“ und schon ist der Streit vorprogrammiert… oder wie oft beobachtet man den Griff zum Smartphone. Die Zeitgenossen gucken bloß aus Gewohnheit auf das Display, um nur nichts zu verpassen, und nur in den seltensten Fällen wollen sie etwas ganz Bestimmtes nachschlagen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sie fest im Griff. Oder sie haben Knöpfe im Ohr, schauen teilnahmslos durch ihre Mitmenschen hindurch. In solchen Momenten klappt die Synchronisation natürlich nicht. Man könnte dieses Thema aufgrund der Anregungen von Nicole Strüber noch viel weiter ausführen und schnell feststellen das die sozialen Netzwerke, sozial nur nach ihrem Namen sind, mit sozialen Formen gar nichts zu tun haben, denn die Kommunikation über sie verursacht allenfalls Stress, Hektik und Missverständnisse – mit einem Miteinander, wie Nicole Strüber das so eindrucksvoll in ihrem Buch beschriebt, hat das alles nun wahrlich nichts zu tun.

Immer hin es gibt einen Trost, den Strüber so beschreibt: „Erkenntnisse der Psychotherapieforschung legen nahe, dass uns das Oxytocin nicht nur in schönen und harmonischen Situationen begleitet, sondern insbesondere auch in Konfliktsituationen ausgeschüttet wird. Es hilft uns, auch in Situationen des Konfliktes von dessen Wirkungen zu profitieren und das Vertrauen in den anderen und die Bindung aufrechtzuerhalten.“ (S. 239)

Nicole Strüber
> Unser soziales GehirnWarum wir mehr Miteinander brauchen
Stuttgart, Klett-Cotta 2024
ISBN: 978-3-608-96621-3

Lesebericht: Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat einige Jahre zu früh gelebt, möglicherweise war er seiner Epoche voraus. Erst nach seinem Zusammenbruch am 3. Januar 1888 setzte allmählich sein Ruhm ein, seine Bücher verkauften sich besser, das konnte er von seinem Fenster aus in Weimar nicht mehr miterleben und vielleicht hätte er sich in den folgenden Jahren auch gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die rechte Szene verwahrt.

>Nachgefragt:  Sue Prideaux, Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche  *.pdf

Sue Prideaux hat eine spannende Biographie verfasst. Sie beschreibt en détail die Freundschaft und den so intensiven geistigen Austausch mit Richard Wagner (1813-1883) und Cosima Wagner (1837-1930) – 23 Besuche Nietzsches ab Mai 1869 bis April 1872 in der  Villa Tribschen am Vierwaldstättersee, wo er auch ein eigenes Arbeitszimmer bekam – erzählt seine Kindheit in Röcken, seine Jugend in Naumburg, die Schulzeit in Pforta, seine Krankheiten, die vier Jahre Studium in Bonn und Leipzig, das zeitweise so komplizierte Verhältnis zu seinen Schwestern –  bevor er im Herbst 1866 Richard Wagner (vgl. S. 9-16) kennenlernte. 1869 nimmt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Philologie der Universität in Basel an. Am 28. Mai hält er seine Antrittsvorlesung > Homer und die klassische Philologie – zeno.org. Er lernt Jacob Burckhardt (1818-1897) kennen. Er wird freiwilliger Krankenpfleger im Deutsch-französischen Krieg und erkrankt schwer.

Ein Senkrechtstarter, der aber auch von den Verbindungen seines Netzwerkes enorm profitierte. Prideaux nennt die Philosophen, die Nietzsche besonders beeindruckt haben, allen voran Friedrich Schleiermacher (1768-1834) mit Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), den er mit seinen Zweifeln am Christentum als Alternative zu Kant verstand. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) (S. 117-147), die Erfahrungen aus seinen vielen Gesprächen mit Wagner verarbeitet und sein Profil als Philosoph schärfte, wird eines seiner Hauptwerke. Er bekommt positive Rückmeldungen von den Wagners, die ihn gleich sehen wollen: „Kommen Sie bald auf einen Husch herüber…“ War die Reaktion Wagners ehrlich gemeint oder wollte er Nietzsche schonen? Friedrich Ritschl (1806-1876), dem Nietzsche nach Leipzig gefolgt war, hingegen markierte sein Exemplar der Die Geburt der Tragödie mit Ausrufen wie „Größenwahn“ – er sollte nicht der Einzige bleiben, der von Nietzsches Entwicklung entsetzt war. Unmittelbar danach folgt seine Schrift über > Die Zukunft unserer Bildungsanstalten (zeno.org): Die „Rückkehr zur Bildung als Selbstzweck“ ist ihm ein Anliegen und seine Kritik ist eindeutig: „…dass nämlich der Staat keine brillanten Köpfe wolle, sondern funktionierende Rädchen im Getriebe, Spezialisten, die gerade soweit ausgebildet werden, dass sie unkritisch und untertänig ihren Beitrag leisten können…,“ (S. 133) schreibt Sue Prideaux.

War Nietzsche sich seiner eigenen Unzeitgemäßheit bewusst? Oder ahnte er sie? „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften,“ erklärt er in Ecce Homo (1888, ersch. 1908). 1873 stellt er die erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller fertig. 1874 folgt die zweite > Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. – Von seinen Büchern werden nur sehr wenige Exemplare verkauft, das wird sich bis zu seinem Zusammenbruch 1888 nicht ändern. – In dieser Schrift über die Geschichte erscheint das Wort vom „Begriffsbeben“ verbunden mit der Frage „… soll das Erkennen über das Leben herrschen?“ (zit. auf S. 161, vgl. auch das Kap. 7: Begriffsbeben, S. 165-184) Die Wahrheit gibt es in der Wissenschaft genauso wenig wie in der Religion. Jacob Burkhardt mag Nietzsches Argumentation nicht folgen.

Ein unsteter Geist war Nietzsche.
Die vielen Reisen nach Italien, die vielen verschiedenen Orte, wo er sich immer für ein paar Wochen, ein paar Monate niederließ, sind kaum nachzuvollziehen. Er wirkte ständig wie ein von den eigenen Gedanken Getriebener, durch sein Streben, endlich Erfolg zu haben, wie auch durch die schon vertraute Gewohnheit, die Kritik und die mangelnde Beachtung, gar Verachtung seiner Schriften wegzustecken oder zu übergehen. Seine Misserfolge waren für ihn immer ein neuer Antrieb weiterzudenken.

Prideaux legt hier eine Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor. Wagner und sein Ring gehören ebenso dazu, wie dessen gigantische Anstrengungen, seine Idee der Oper als Gesamtkunstwerk in Bayreuth gegen so viele Widerstände zu realisieren. Muss man herausfinden, wer von beiden, Nietzsche oder Wagner dem Anderen mehr gegeben hat? Oder wird die Frage schon mit den Hinweisen darauf entschieden, dass der Schöpfer des Tristans seinem Kritiker und Freund nicht wirklich zu folgen vermochte? Oder dass Nietzsche sich gedanklich von Wagner abwandte? „Der Fall Wagner ist für den Philosophen ein Glücksfall…,“ hieß es in Nietzsche, Der Fall Wagner, in id., Der Fall Wagner. Schriften – Aufzeichnungen – Briefe, hrsg. v. D. Borchmeyer, S.129. Aber 1882/83 schreibt er: „W(agner), der übrig bleiben wird als M(ensch), der im Ungeschmack der Anmaßung am weitesten gegangen ist.“  Id. „Loslösung von Wagner“ (1877-1883), in: Der Fall Wagner, loc cit., S. 413. Die Freundschaft schien dahin zu sein, als Wagner am 21. September 1873 an Nietzsche schreibt: Er habe mit „trauriger Absichtlichkeit zuletzt lange Zeit gänzlich unterlassen, Nietzsche zu schreiben, weil ich … aus purer Eitelkeit immer noch annahm, Sie würden einen Brief von mir auch selbst lesen wollen, was Ihnen übel bekommen mußte.“ (R. Wagner, Briefe, hrsg. v. H. Kesting, München, Zürich 1983, S. 584) – Die Erschütterungen ihrer Freundschaft zeichnet Prideaux genau nach und lässt erkennen, wie hier der Musiker und der Philosoph mit ihren jeweiligen Empfindlichkeiten nicht gerade freundschaftlich miteinander umgehen.

Menschliches, Allzumenschliches
(Kap. 10, S. 221-234) erscheint 1876/78 in Aphorismenform. Der ersehnte Erfolg stellt sich nicht ein und dieses Kapitel endet mit der Aufgabe der Professur in Basel am 2. Mai 1879. Man kann wohl nicht sagen, dass seine publizistische Arbeit ihm seine Stellung gekostet hat, aber auch sein Ansehen war durch seine Publikationen nicht gerade größer geworden. Er wird zum Wanderer und Dauerreisenden zwischen Naumburg, Venedig, Genau, Rom, Luzern und neuen Bekanntschaften darunter Lou Salomé (1861-1939).

Von Genua nach Rappallo, wo er sich in Klausur begab, in der Also sprach Zarathustra entstand, in der er vom Übermenschen spricht, wird die individuelle Tugend, das Wesen des Verbrechens und die Frage nach einem guten Tod erläutert. (vgl. S. 299). Prideaux hat eine bemerkenswerte Art, die Inhalte und die Interpretation der Werke Nietzsches in die Erzählung seiner Biographie so zu integrieren, auf dass sie dem Leser eindrucksvolle Einblicke in die Beweggründe seines Schreibens vermitteln kann.

Auf Jenseits von Gut und Böse (1886)
mit dem Untertitel Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (vgl. S: 346-360) folgte 1887/88 Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift und 1889 Götzen-Dämmerung. Prideaux stellt alle drei Werke in einen Zusammenhang, den Nietzsche selber in Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, Abschnitt 1 so kommentiert: „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche
Aus dem Englischen von: Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler
Klett-Cotta: stuttgart 2020
ISBN: 978-3-608-98201-5